aus Heft 03/2012 Musik 3 Kommentare
Unter Freunden
Seite 6: Janne Saksala: Kontrabass, Haare so lang wie ein finnischer Märchentroll.
Von Renate Meinhof Fotos: Monika Rittershaus
Alles, was sie auf der Reise riechen und sehen, so hatte Simon Rattle gesagt, wird eingehen in ihre Musik - vielleicht auch die Erinnerung an dieses Bild: Alexander von Puttkamer mit Tuba, gespiegelt im Foyer des Konzertsaals in Peking.
Man schaut aufs Orchester, sieht in die Gesichter. Es muss gefährlich sein, da jetzt zu sitzen, denkt man, in dieser Energie, die fast erschütternd ist. Bäume stürzen um, Brücken krachen in Ströme, Fröhlichkeit kippt in den Wahnsinn. Und dann das Schluss-Adagio, das ins Nichts geht, das die Auflösung aller irdischen Bindungen so zärtlich vorwegnimmt, dass der Tod einem nichts anhaben kann. Stille.
Dass dieses Wunder nicht nur im Konzertsaal, sondern auch in der Arena geschieht, liegt nicht nur an der Qualität der Übertragung, sondern daran, dass die Menschen hier offenbar fähig sind zu großer Konzentration. 12 192, auch Kinder, hören 90 Minuten lang Mahlers 9. Symphonie. Niemand redet, knistert, isst oder trinkt oder hustet.
Eskortiert von der Polizei wird ein Bus mit den Musikern gleich nach Ende des Konzerts in die Arena gefahren. Und da feiern sie ihre Helden mit Sprechchören, rufen: »Bravo, bravo, wir lieben euch! Taipeh liebt euch!« Später, im Bus zum Hotel, sagt Dominik Wollenweber: »Ich weiß auch nicht, was die hier haben mit uns, aber irgendwie zehre ich von solchen Momenten.«
Martin Stegner sagt: »Ist doch verrückt, wir spielen oft vor Leuten, die das Konzert kaputt husten und aus Statusgründen hingehen. Leben aber musst du vom Feedback derer, die du normalerweise gar nicht siehst.«
Vierter Satz, großer Ton, molto adagio. Japan.
Es heißt, Tokio sei dunkler geworden, aber wenn man oben steht und schaut, in der Bar des »Park Hyatt«, 52. Etage, auf das Meer der nervösen Lichter, da wo Scarlett Johansson und Bill Murray sich Lost in Translation fanden, wenn man da steht, in der Nacht, mit Janne Saksala, Kontrabass, Haare so lang wie ein finnischer Märchentroll, dann denkt man: Heller geht’s doch nun wirklich nicht. Dann denkt man an die tägliche Börsenpredigt: Die Märkte in Asien tendieren so und so, schwächer oder stärker, heller oder dunkler tendieren sie. Aha. Das hier also, was unter einem so rumzuckt, das müssen sie sein, die Märkte in Asien.
Janne Saksala liebt diese Bar, weil er den Film liebt, und er will hier fotografieren, weil das sein Hobby ist. Er bestellt Caipirinha. »Im Grunde ist das Gratiswerbung für Deutschland, wenn wir reisen«, sagt er in den Rauch seiner Zigarette hinein, »gerade hier in Japan, wo so viele Orchester abgesagt haben nach Fukushima. Aber Musik darf eigentlich nichts mit Business zu tun haben.«
Viele haben abgesagt, und den Dank dafür, dass sie trotz allem angereist sind, bekommen die Berliner in Japan überall zu spüren, im Hotel, beim Signieren nach den Konzerten in der Suntory-Halle, und in Sendai, wo das Philharmonische Bläserquintett vor Kindern spielt, deren Eltern die Flutwelle mit sich riss.
Die Stadt ist dunkler geworden, sagen diejenigen, die Tokio kennen, wie es vor dem Unglück von Fukushima war, vor dem Tsunami. Und tatsächlich ist es so, dass die Regierung die Unternehmen aufgefordert hat, 15 Prozent Strom einzusparen. Aber sie sparen das Doppelte. Es ist ja trotzdem hell. Kurz vor der Landung hatte Martin Hoffmann, der Intendant, eine Durchsage gemacht: Tee solle man nicht trinken, Algen und Pilze meiden, sonst alles unbedenklich, nur nördlich von Tokio gebe es erhöhte Radioaktivität. Fukushima ist 240 Kilometer entfernt.
In der Suntory-Halle spielen sie drei Abende, und hier wird Toshio Hosokawa für sein Hornkonzert natürlich bejubelt. An der Garderobentür des Solisten Stefan Dohr steht »Stefan Dohl«, und jemand hat dann versucht, mit einem Bleistift das »l« noch in ein »r« zu verwandeln. Die Karten jedenfalls waren im Nu verkauft.
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Kiyoko Sugiya, eine schmale Frau um die fünfzig, hat zwei Stunden am Telefon in der Warteschleife gehangen, erzählt sie, und als endlich jemand abnahm, denken Sie nur, da war ausverkauft. Kiyoko Sugiya steht im »ancafé«, einer Konditorei, winziger Raum voller Torten, im Stadtteil Okusawa. Dominik Wollenweber, das Englischhorn, der die Schwester der Besitzerin kennt, war gefragt worden, ob er nicht dort spielen könne. Ein oder zwei Musiker, ein kleines Konzert. Honorare könne man nicht zahlen, dafür Kuchen als Lohn, der beste in Tokio. Und so stehen sie da: Wollenweber und Manfred Preis. Sie spielen Johann Sebastian Bach. Wollenweber, der zwei Meter vier misst, stößt an die Lampe des gekalkten Raumes. Der Ton, der zu groß ist, stößt gegen die Wände, weicht aus auf die Straße, wo auch noch Menschen stehen, zwanzig vielleicht. In Anzügen kommen sie, mit Krawatten, die Frauen in feinen Kostümen. Stehen da, aufrecht, mit tonlosem Weinen. Als bräche er hier alles wieder auf, dieser Deutsche aus Thüringen, dieser Bach, in seiner Klarheit.
»Ich hatte so eine wahnsinnige Angst bei dem Beben«, sagt Jo Komatsu und hält sich an seiner Aktentasche fest. Er ist selbst Klarinettist. »In den Wochen danach war ich nicht fähig, Musik zu machen. Nichts ist gut, nichts geheilt, aber wir leben einfach so weiter.«
Die Schlange kriecht ohne Koffer, aber weil Berlin-Tegel baukastenklein ist, kommt das Gepäck so schnell, wie es in Peking, selbst bei gutem Willen, nie hätte kommen können. 128 Philharmoniker und Simon Rattle stehen am Band und warten.
Der letzte Abend, Mahler in Tokio, war entrückend. Bei der Abschlussparty, nach dem Konzert, hat Rattle sich bei den Musikern bedankt. »Manchmal stehe ich vorn und kann nicht glauben, was ich da höre.« Das hat er gesagt.
Die Koffer kommen, sind schwerer als auf dem Hinflug.
Dominik Wollenweber hat ein gut handhabbares Schweißgerät für Küchenfolien gekauft, Manfred Preis eine kleine solarbetriebene Gebetsmühle. Martin Stegner fand eine Hülle für sein iPad, Simon Rattle Magnete für den Kühlschrank seiner Schwiegermutter. Daniele Damiano, Fagott, wuchtet eine Klobrille vom Band, beheizbar und mit Bidet-Düsen, die auf Knopfdruck ausfahren wie die Arme eines zarten, aber verlässlichen Roboters.
Was sie sonst mitgebracht haben, wird man hören.
- Seite 1: Unter Freunden
- Seite 2: »Habt ihr den Pups gehört?«, fragt Dominik Wollenweber seine Kollegen.
- Seite 3: Wenn du Schmerzen nicht aushalten kannst, bist du in diesem Hochleistungsmusikertum verkehrt.
- Seite 4: »Wann kommt Simon Rattle?«, kreischen sehr junge Frauen.
- Seite 5: Wenn am Anfang etwas schiefgeht, dann hat das eine Wirkung, wie wenn ein Kartenhaus zusammenfällt.
- Seite 6: Janne Saksala: Kontrabass, Haare so lang wie ein finnischer Märchentroll.
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00 Uhr 01
Gut, dass es Konzertreisen gibt - gut für die Philharmoniker. Und Asien scheint ja immer eine besondere Erfahrung zu sein. Tohuus ist eben doch nicht tohuus.
Aber - in Ergänzung des Kommentars meines "Vorposters" - es gibt sie auch hierzulande, die Zuhörer, die nicht husten, die sogar das Atmen vergessen und am Ende von Mahler 9 auf der Kante ihres Konzertsessels hocken, ganz einverstanden damit, wenn in diesem Moment die Welt zu existieren aufhörte. So geschehen in einem ganz normalen Abonnementskonzert mitten in Berlin. Und so geschehen einem auch ohne Champagnergenuss kleine und große Wunder, wenn man sich nur vollkommen auf die Philharmoniker einläßt, sich hineingibt in das, was da vom Podium kommt. Mag sein, dass hierzulande die Huster und Möchtegerngesehenwerdens in der Überzahl sind - aber gibt auch uns, die wir diese 128 (nimmer)müden Musiker auf unsere stille europäische Art lieben - wir sind halt die, die man "normalerweise gar nicht sieht". Weil man uns in den ersten zehn Reihen Parkett (angebliche Sichtweite eines Orchestermusikers) wohl eher selten findet. Dies zum Troste und als Feedback für die Philharmoniker. Freue mich schon auf den nächsten Abo-Termin.
16 Uhr 14
Offensichtlich eine Art Fitnesskur. Kraft tanken bei Menschen, die durch Musik begeisterbar sind.
Die hiesigen Konzertsäle überfüllt mit alten Menschen. In zehn Jahren eher leer.
Und so viele, die gesehen werden wollen, was spielens denn heute, egal,Hauptsache, es dauer net zu lange und in der Pausen gibts einen schönen Champagner.
Man die Philharmoniker schon verstehen, dort in Asien!
13 Uhr 08
herzlichen Dank für diesen einfühlsamen und zu Herzen gehenden Artikel, wie man ihn fürwahr nicht jeden Tag lesen kann. Er macht sehr schön deutlich, welchen Einfluss gute Musik auf Menschen hat und wie sehr sie zur Völkerverständigung beiträgt.
WG