aus Heft 03/2012 Musik 3 Kommentare
Unter Freunden
19 Tage Asien: Die Berliner Philharmoniker treffen auf ihre größten Fans. Eine Grenzerfahrung.
Von Renate Meinhof Fotos: Monika Rittershaus
Die Schlange kriecht, aber kriecht ohne Koffer. Schuppiges Monster, das sich träge und lautlos durch die Halle windet, deren klimatisierte Endlosigkeit, Staublosigkeit, Ortlosigkeit schmerzhaft ist. Wo sind wir? In Rio. New York. In Moskau? Peking? In Überall sind wir.
Dieses Überall hier ist Peking.
Erster Satz, schattenhaft. China.
Schwefliger Morgen über der Stadt ohne Ufer. Aus der Luft gesehen, war der erste Eindruck: gelblich. Gelbliches Licht, Schornsteine und Baracken, in geradlinigen Mustern gebaut. Über Nowosibirsk hatte es Tiroler Speck gegeben, schwarzes Brot dazu. Die meisten verschliefen den Speck. Über Ulan Bator: ein Frühstück, fast alle wach. Über Peking: die Kissenschlacht. Jedes Mal wenn sie landen, gibt es eine Kissenschlacht, hinten, in der Economy, als sei die Orchestertournee nichts als eine lustige Klassenfahrt. Jetzt ist es kurz vor acht, Gábor Tarkövi steht am Gepäckband, das seit fünfzig Minuten keinen Koffer bringt. Auf Koffer warten ist tote Zeit. Tarkövi hat die Hände in den Hosentaschen, müde im Frösteln.
Er sagt: »Das machen die mit Absicht. Lassen uns warten, sagen nicht, warum. Es gibt Armani, Gucci, guck mal, da drüben, aber es ist genau wie früher, im Kommunismus. Keiner sagt dir, warum du wo wartest.« Er schaut sich um, als hörte jemand zu, ein unsichtbares Ohr. »Ich bin nicht gern hier. Alles original Scheiße.«
Gábor Tarkövi, der Ungar, die Trompete. Die Trompete, die im dritten Satz von Gustav Mahlers 9. Symphonie, in diesem Höllenritt der Verzweiflung, der erlösenden Vision schon die Töne zuteilt. Rein und klar, direkt aus dem Himmel, so strahlend spielt dieser Mann, dass jeder Mensch versteht, worum es geht, auch wenn er den Namen Gustav Mahler noch nie gehört hat.
Gábor Tarkövi ist in der Nähe von Budapest geboren, groß geworden in der Diktatur. Für einen wie ihn kann Peking zum Problem werden. Denn überall wird er Kameras sehen, wird sie nachzählen, immer neun Kameras, das glaubst du nicht, montiert an den mächtigen Kandelabern auf dem Platz des Himmlischen Friedens, und diktatorische Lautsprecher. Die wird er bellen hören, auch wenn sie schweigen. Ihm kann ja hier gar nichts geschehen, aber ihm geschieht die eigene Geschichte, das reicht. Er steht am Band und wartet.
Die Berliner Philharmoniker, 128 müde Musiker aus 25 Nationen, ihr Chefdirigent Simon Rattle, dazu Orchesterwarte, der Intendant, die Pressesprecherin, der Arzt, omnipräsent mit seinem schwarzen Köfferchen, sie alle stehen am Gepäckband des Pekinger Flughafens und warten. Von Berlin-Tegel sind sie gekommen. Peking ist die erste Station der Asientournee des Orchesters. Fünf Städte werden sie in 19 Tagen besuchen, zehn Konzerte spielen, Mahlers 9. Symphonie, Anton Bruckners 9., Maurice Ravel und Toshio Hosokawa, den Japaner, der ein Hornkonzert für das Orchester komponiert hat.
Von Peking wird es nach Shanghai gehen, von da nach Seoul, nach Taipeh und am Ende, knapp drei Wochen später, nach Tokio.
Und während sie warten, kriechen Arbeiter in den Bauch des Lufthansa-Jumbos »Duisburg«, der gechartert ist, um das Orchester auf dieser Reise zu fliegen. Der Bauch war warm, den ganzen Flug über geheizt auf 23 Grad, 8500 Kilometer lang, damit die Instrumente nicht leiden, damit der Leim der Celli nicht aufquillt, der Kontrabässe und Bratschen. Ein Vermögen sind sie wert, diese 162 Kisten mit »gebrauchten Instrumenten«, wie es in den Frachtpapieren steht. Sie werden auf Paletten geladen und mit Lastwagen in die Konzertsäle Asiens gefahren, die sie füllen sollen mit dem Klang, für den das Orchester in der Welt das beste der Welt genannt wird.
Busse stehen vorm Flughafen bereit. Drinnen riecht es nach Desinfektionsmittel – so wie früher die Sitzpolster der Züge im Ostblock. Langsam, im Stau der Autos, stottern die Busse sich Richtung Innenstadt, zum Hotel. Gábor Tarkövi sitzt am Fenster, schaut ins Diesige, schaut auf den 918er-Bus, der dicht neben ihm fährt, der zurückfällt und wieder gleichzieht auf der mehrspurigen Bahn. Der Arbeiter zur Arbeit bringt, Männer mit Pergamentgesichtern, die dösen, die um Sekunden die Nacht verlängern, im Takt, den der Stau vorgibt.
»Welche Musik passt zu dieser Stadt?«, fragt Tarkövi. »Mahler nicht, Bruckner auch nicht. Angeblich hat jeder den Hals voll von den Chinesen, aber es geht gar nicht mehr ohne sie. Drei Chinesen mit dem Kontrabass – das ist doch ein total politisches Lied.«
Tarkövi lächelt. Er ist kein trauriger Mensch, ein Draufgänger eher. Es muss die Müdigkeit sein, die ihn drückt, die gelbliche Stadt und dass noch alles vor ihm liegt. Fünf klimatisierte Hotelzimmer, sechs Konzertsäle, zehn Mal die Anspannung am Abend, Tausende Kilometer Flug.
Das Orchester fährt seit Jahrzehnten nach Asien, zum dritten Mal ist es in China. China, so heißt es, ist der Markt der Zukunft, auch für die klassische Musik. Alle großen Marken sind hier vertreten und kämpfen um Boden in Chinas Sozialismus, der längst ein gieriger Kapitalismus ist. Die Berliner Philharmoniker sind eine große Marke. Man kann das natürlich an Zahlen zeigen, man kann das aber auch sehen.
An den Tränen von Kiyoko Sugiya in einem kleinen Café in Tokio. Oder an Jae-Won Oh in Seoul, der aussieht, als sei er mit den letzten Tönen von Mahlers 9. Symphonie selbst in einen Zustand des Erlöstseins gekommen.
Aber jetzt: Peking. Im »Grand Hyatt«, das nahe dem Platz des Himmlischen Friedens liegt, werden die Zimmer bezogen. Nicht lange, und man sieht auf den Fluren, wie Putzfrauen stehen bleiben, kurz nur, weil das fremd ist für sie: Aus jedem Zimmer dringen andere Töne, gedämpft durch stoffbezogene Wände und dicke Teppiche. Ein Horn, eine Klarinette, das Cello. Mit Ehrfurcht begegnen sie diesen Menschen, die das machen können, was in der Vorstellung vieler Chinesen Ausdruck westlichen Lebensstils ist: klassische Musik. In Asien ist jedes einzelne Orchestermitglied ein Star, die wenigsten benehmen sich so.
Der Chefdirigent schon gar nicht. Pressekonferenz im NCPA, dem National Centre for the Performing Arts, einem Kultur-Ufo gigantischen Ausmaßes, das der französische Architekt Paul Andreu im Zentrum Pekings gebaut hat. Sieben Fernsehkameras und zwei Dutzend Fotografen warten im Pressesaal auf Simon Rattle. »Die Berliner Philharmoniker hatten so viele bedeutende Dirigenten, und jeder hat das Orchester geprägt«, sagt ein Mann vom Musik-Journal, »welchen speziellen Stil haben Sie entwickelt?«
Dieses Überall hier ist Peking.
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Erster Satz, schattenhaft. China.
Schwefliger Morgen über der Stadt ohne Ufer. Aus der Luft gesehen, war der erste Eindruck: gelblich. Gelbliches Licht, Schornsteine und Baracken, in geradlinigen Mustern gebaut. Über Nowosibirsk hatte es Tiroler Speck gegeben, schwarzes Brot dazu. Die meisten verschliefen den Speck. Über Ulan Bator: ein Frühstück, fast alle wach. Über Peking: die Kissenschlacht. Jedes Mal wenn sie landen, gibt es eine Kissenschlacht, hinten, in der Economy, als sei die Orchestertournee nichts als eine lustige Klassenfahrt. Jetzt ist es kurz vor acht, Gábor Tarkövi steht am Gepäckband, das seit fünfzig Minuten keinen Koffer bringt. Auf Koffer warten ist tote Zeit. Tarkövi hat die Hände in den Hosentaschen, müde im Frösteln.
Er sagt: »Das machen die mit Absicht. Lassen uns warten, sagen nicht, warum. Es gibt Armani, Gucci, guck mal, da drüben, aber es ist genau wie früher, im Kommunismus. Keiner sagt dir, warum du wo wartest.« Er schaut sich um, als hörte jemand zu, ein unsichtbares Ohr. »Ich bin nicht gern hier. Alles original Scheiße.«
Gábor Tarkövi, der Ungar, die Trompete. Die Trompete, die im dritten Satz von Gustav Mahlers 9. Symphonie, in diesem Höllenritt der Verzweiflung, der erlösenden Vision schon die Töne zuteilt. Rein und klar, direkt aus dem Himmel, so strahlend spielt dieser Mann, dass jeder Mensch versteht, worum es geht, auch wenn er den Namen Gustav Mahler noch nie gehört hat.
Gábor Tarkövi ist in der Nähe von Budapest geboren, groß geworden in der Diktatur. Für einen wie ihn kann Peking zum Problem werden. Denn überall wird er Kameras sehen, wird sie nachzählen, immer neun Kameras, das glaubst du nicht, montiert an den mächtigen Kandelabern auf dem Platz des Himmlischen Friedens, und diktatorische Lautsprecher. Die wird er bellen hören, auch wenn sie schweigen. Ihm kann ja hier gar nichts geschehen, aber ihm geschieht die eigene Geschichte, das reicht. Er steht am Band und wartet.
Die Berliner Philharmoniker, 128 müde Musiker aus 25 Nationen, ihr Chefdirigent Simon Rattle, dazu Orchesterwarte, der Intendant, die Pressesprecherin, der Arzt, omnipräsent mit seinem schwarzen Köfferchen, sie alle stehen am Gepäckband des Pekinger Flughafens und warten. Von Berlin-Tegel sind sie gekommen. Peking ist die erste Station der Asientournee des Orchesters. Fünf Städte werden sie in 19 Tagen besuchen, zehn Konzerte spielen, Mahlers 9. Symphonie, Anton Bruckners 9., Maurice Ravel und Toshio Hosokawa, den Japaner, der ein Hornkonzert für das Orchester komponiert hat.
Von Peking wird es nach Shanghai gehen, von da nach Seoul, nach Taipeh und am Ende, knapp drei Wochen später, nach Tokio.
Und während sie warten, kriechen Arbeiter in den Bauch des Lufthansa-Jumbos »Duisburg«, der gechartert ist, um das Orchester auf dieser Reise zu fliegen. Der Bauch war warm, den ganzen Flug über geheizt auf 23 Grad, 8500 Kilometer lang, damit die Instrumente nicht leiden, damit der Leim der Celli nicht aufquillt, der Kontrabässe und Bratschen. Ein Vermögen sind sie wert, diese 162 Kisten mit »gebrauchten Instrumenten«, wie es in den Frachtpapieren steht. Sie werden auf Paletten geladen und mit Lastwagen in die Konzertsäle Asiens gefahren, die sie füllen sollen mit dem Klang, für den das Orchester in der Welt das beste der Welt genannt wird.
Busse stehen vorm Flughafen bereit. Drinnen riecht es nach Desinfektionsmittel – so wie früher die Sitzpolster der Züge im Ostblock. Langsam, im Stau der Autos, stottern die Busse sich Richtung Innenstadt, zum Hotel. Gábor Tarkövi sitzt am Fenster, schaut ins Diesige, schaut auf den 918er-Bus, der dicht neben ihm fährt, der zurückfällt und wieder gleichzieht auf der mehrspurigen Bahn. Der Arbeiter zur Arbeit bringt, Männer mit Pergamentgesichtern, die dösen, die um Sekunden die Nacht verlängern, im Takt, den der Stau vorgibt.
»Welche Musik passt zu dieser Stadt?«, fragt Tarkövi. »Mahler nicht, Bruckner auch nicht. Angeblich hat jeder den Hals voll von den Chinesen, aber es geht gar nicht mehr ohne sie. Drei Chinesen mit dem Kontrabass – das ist doch ein total politisches Lied.«
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Tarkövi lächelt. Er ist kein trauriger Mensch, ein Draufgänger eher. Es muss die Müdigkeit sein, die ihn drückt, die gelbliche Stadt und dass noch alles vor ihm liegt. Fünf klimatisierte Hotelzimmer, sechs Konzertsäle, zehn Mal die Anspannung am Abend, Tausende Kilometer Flug.
Das Orchester fährt seit Jahrzehnten nach Asien, zum dritten Mal ist es in China. China, so heißt es, ist der Markt der Zukunft, auch für die klassische Musik. Alle großen Marken sind hier vertreten und kämpfen um Boden in Chinas Sozialismus, der längst ein gieriger Kapitalismus ist. Die Berliner Philharmoniker sind eine große Marke. Man kann das natürlich an Zahlen zeigen, man kann das aber auch sehen.
An den Tränen von Kiyoko Sugiya in einem kleinen Café in Tokio. Oder an Jae-Won Oh in Seoul, der aussieht, als sei er mit den letzten Tönen von Mahlers 9. Symphonie selbst in einen Zustand des Erlöstseins gekommen.
Aber jetzt: Peking. Im »Grand Hyatt«, das nahe dem Platz des Himmlischen Friedens liegt, werden die Zimmer bezogen. Nicht lange, und man sieht auf den Fluren, wie Putzfrauen stehen bleiben, kurz nur, weil das fremd ist für sie: Aus jedem Zimmer dringen andere Töne, gedämpft durch stoffbezogene Wände und dicke Teppiche. Ein Horn, eine Klarinette, das Cello. Mit Ehrfurcht begegnen sie diesen Menschen, die das machen können, was in der Vorstellung vieler Chinesen Ausdruck westlichen Lebensstils ist: klassische Musik. In Asien ist jedes einzelne Orchestermitglied ein Star, die wenigsten benehmen sich so.
Der Chefdirigent schon gar nicht. Pressekonferenz im NCPA, dem National Centre for the Performing Arts, einem Kultur-Ufo gigantischen Ausmaßes, das der französische Architekt Paul Andreu im Zentrum Pekings gebaut hat. Sieben Fernsehkameras und zwei Dutzend Fotografen warten im Pressesaal auf Simon Rattle. »Die Berliner Philharmoniker hatten so viele bedeutende Dirigenten, und jeder hat das Orchester geprägt«, sagt ein Mann vom Musik-Journal, »welchen speziellen Stil haben Sie entwickelt?«
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- Seite 3: Wenn du Schmerzen nicht aushalten kannst, bist du in diesem Hochleistungsmusikertum verkehrt.
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- Seite 5: Wenn am Anfang etwas schiefgeht, dann hat das eine Wirkung, wie wenn ein Kartenhaus zusammenfällt.
- Seite 6: Janne Saksala: Kontrabass, Haare so lang wie ein finnischer Märchentroll.
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00 Uhr 01
Gut, dass es Konzertreisen gibt - gut für die Philharmoniker. Und Asien scheint ja immer eine besondere Erfahrung zu sein. Tohuus ist eben doch nicht tohuus.
Aber - in Ergänzung des Kommentars meines "Vorposters" - es gibt sie auch hierzulande, die Zuhörer, die nicht husten, die sogar das Atmen vergessen und am Ende von Mahler 9 auf der Kante ihres Konzertsessels hocken, ganz einverstanden damit, wenn in diesem Moment die Welt zu existieren aufhörte. So geschehen in einem ganz normalen Abonnementskonzert mitten in Berlin. Und so geschehen einem auch ohne Champagnergenuss kleine und große Wunder, wenn man sich nur vollkommen auf die Philharmoniker einläßt, sich hineingibt in das, was da vom Podium kommt. Mag sein, dass hierzulande die Huster und Möchtegerngesehenwerdens in der Überzahl sind - aber gibt auch uns, die wir diese 128 (nimmer)müden Musiker auf unsere stille europäische Art lieben - wir sind halt die, die man "normalerweise gar nicht sieht". Weil man uns in den ersten zehn Reihen Parkett (angebliche Sichtweite eines Orchestermusikers) wohl eher selten findet. Dies zum Troste und als Feedback für die Philharmoniker. Freue mich schon auf den nächsten Abo-Termin.
16 Uhr 14
Offensichtlich eine Art Fitnesskur. Kraft tanken bei Menschen, die durch Musik begeisterbar sind.
Die hiesigen Konzertsäle überfüllt mit alten Menschen. In zehn Jahren eher leer.
Und so viele, die gesehen werden wollen, was spielens denn heute, egal,Hauptsache, es dauer net zu lange und in der Pausen gibts einen schönen Champagner.
Man die Philharmoniker schon verstehen, dort in Asien!
13 Uhr 08
herzlichen Dank für diesen einfühlsamen und zu Herzen gehenden Artikel, wie man ihn fürwahr nicht jeden Tag lesen kann. Er macht sehr schön deutlich, welchen Einfluss gute Musik auf Menschen hat und wie sehr sie zur Völkerverständigung beiträgt.
WG