aus Heft 04/2012 Unterhaltung Noch keine Kommentare
»Zum Jammern findet sich immer was«
Ständig diese Kälte, ständig diese Erkältungen - der Mensch, die Gesellschaft, wir alle sind völlig krank. Der Schauspieler und Hypochonder Josef Hader über, hatschi, Gesundheit.
Von Max Fellmann (Interview) Fotos: Paul Kranzler
SZ-Magazin: Nass, kalt, windig. Jetzt ist wieder die Zeit, in der alle krank sind. Sie auch?
Josef Hader: Nein, diesen Winter hab ich Glück. Nur ein wenig Schnupfen und Halsweh. Fieber wär blöd - da darf man sich nicht anstrengen. Sonst kriegt man Herzmuskelentzündung. Und die hat man dann in sich, lang und unbemerkt. Und dann stirbt man plötzlich. Und weiß gar nicht, woran.
Also war der warme Herbst ein Glück für Sie?
Ach, ich erkält mich eher, wenn es warm wird. In der ersten Frühlingssonne kann man sich eine Erkältung holen - und gleichzeitig Sonnenbrand! Ist mir auch schon passiert. Gefährliche Zeit, das Frühjahr.
In den U-Bahnen stecken sich jetzt alle gegenseitig an. Trauen Sie sich noch raus?
Ich hab s ja gut. Ich stehe meistens auf der Bühne, da sind Tröpfcheninfektionen eigentlich nur in der Richtung denkbar, dass ich beim Reden in die erste Reihe hinuntersprühe. Umgekehrt müssten meine Zuschauer in so einem hohen Bogen ganz feucht herauflachen, das ist eher unwahrscheinlich.
Kleine Inventur: Was haben Sie gerade alles? Was zwickt?
Vor einem Monat habe ich mir beim Fußballspielen den Daumen verstaucht. Seitdem geht das überhaupt nicht weg. Ich wollt schon zum Arzt, aber mein Bühnentechniker hat mir gesagt, dass nix ist. Dem Mann vertrau ich.
Warum gerade dem?
Ach, der muss dauernd schwere Sachen heben, der hat sich sicher schon viel verstaucht.
Geben Sie es zu: Sie sind nur froh über die Ausrede, weil Sie nicht zum Arzt gehen müssen.
Könnt sein.
Karl Kraus hat geschrieben, eine der verbreitetsten Krankheiten sei die Diagnose. Ist es besser, gar nicht so genau zu wissen, was man haben könnte?
Also mir helfen Diagnosen immer. Ich bin sehr arztgläubig, das heilt besser als jede Medizin. Bei vielen Medikamenten ist es ja so, dass die keinen hundertprozentigen Wirkungsgrad haben, sondern gerade mal ein paar Prozent mehr als ein Placebo. Das heißt, der Volksmund hat recht, wenn er sagt, der Glaube ist die beste Medizin. Außer man zieht in Kreuzzüge oder macht ein Selbstmordattentat, da wirkt sich der Glaube dann eher nachteilig auf die Gesundheit aus.
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Manche Menschen sagen, ab einem gewissen Alter sollte man gar nicht mehr zum Arzt gehen, weil der immer irgendwas findet.
Gerade bei Männern ist dieses Indianerdenken sehr verbreitet. Ich war aber nie ein harter Hund. Ich habe zum Beispiel einen Husten, der kommt immer nach längeren Erkältungen, der wird dann zu einem Bronchialkatarrh. Dann geht er in ein Asthma-Vorstadium, wo ich schon so krampfartig huste. Das hatte ich viele Jahre lang. Dann hat mir ein Lungenfacharzt erklärt, was da genau passiert. Seitdem kommt der Husten nicht mehr.
Unter welchen eingebildeten Krankheiten leiden Sie?
Einmal hab ich einen Knoten bei mir ertastet. Da war ich wirklich überzeugt, ich hab was Schlimmes. War aber nur eine Zyste. Die sind mit Wasser gefüllt und fühlen sich an wie Luftballons. Das weiß ich jetzt, also falls wieder eine kommt, kann ich das gleich vordiagnostizieren.
Ist das nicht ungeschickt aus Sicht des Hypochonders?
Nein, herrlich! Ach so? Aber dann kann man doch nicht mehr so gut leiden und jammern. Ach, zum Jammern findet sich schon immer was.
Jammern Sie viel?
Nein, ich leide mehr so vor mich hin und bin beleidigt, wenn dieses feine, dezente Dahinleiden niemandem auffällt.
Hat Hypochondrie auch gute Seiten?
Natürlich! Hypochonder sind meistens gesund - und wenn sie wirklich was haben, entdecken sie es früher als andere Menschen. Dadurch werden sie steinalt. Und die, die sich immer einreden, dass sie gesund sind und nichts sie umhauen kann, die passen zu wenig auf, und es erwischt sie viel früher.
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- Seite 4: Mein Lieblingswort aus der Medizin: »Ösophagusvarizenblutung«
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