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aus Heft 07/2012 Arbeitsleben

Unser heimlicher Chef

Wolfgang Bachmann  Illustrationen: Arne Bellstorf

Jalousien fahren im falschen Moment runter, das Licht geht an, wann es will: Das intelligente Büro soll uns die Arbeit erleichtern - aber es ist längst viel mehr als das.

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Hideki Yojo, der Leiter der Computerentwicklungsabteilung, stirbt durch einen epileptischen Anfall, den seine flackernde Schreibtischlampe ausgelöst hat. Der Wachmann Sam Gleig wird von der Fahrstuhlkabine erschlagen, die nach einer raketenhaften Beschleunigung abrupt abbremst. Die Ausgänge des Bürohochhauses verriegeln automatisch, die Telefonleitungen brechen zusammen, und die verbliebenen Menschen werden mit Stromschlägen traktiert, tiefgefrostet, zerquetscht, zerrissen oder ersäuft. Die brave Gebäudesteuerung des modernsten vollautomatischen Gebäudes hat sich gegen ihre Nutzer gekehrt und ihnen unappetitlich den Garaus gemacht. Der Sohn eines Mitarbeiters hatte das Massaker ausgelöst, indem er eine CD-ROM mit einem interaktiven Kampfspiel in den zentralen Superrechner steckte. Daraufhin spielte der lernfähige Computer gegen die Menschen, und nichts hielt ihn auf, bis das Gebäude schließlich in Schutt und Asche sank. Der Thriller, der dieses groteske Szenario entwirft, heißt Game over und erschien in den Neunzigerjahren. Bei aller Fiktion und Übertreibung nahm Autor Philip Kerr ein Gefühl vorweg, das Büroangestellte im realen Alltag heute zunehmend befällt: die Ohnmacht gegenüber der modernen Bürohaustechnik, die alles regeln und steuern will und sich häufig auf irritierende Weise verselbstständigt. Wir fahren mit dem Auto ins Büro und scheitern an der Schranke zum Firmengelände, weil der Mitarbeiterausweis nicht eingelesen wird. Oder in der Tiefgarage bleibt es dunkel, weil Zeitschaltuhr und Bewegungsmelder miteinander hadern. Wenn wir dann in unserer Ungeduld gegen die selbsttätig rotierende Drehtür stoßen, blockiert sie sofort, und dass anschließend der Fahrstuhl nicht kommt, weil irgendwo etwas unter der Tür klemmt, wundert uns schon nicht mehr. An unserem Arbeitsplatz brennt dann morgens Licht, weil die Sonnenjalousien heruntergefahren sind, und die Klimaanlage sorgt für frische Temperaturen. Glücklich, wer Mitte Juli im Büro eine alte Strickjacke parat hat.

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Dabei könnte doch alles so schön sein! Dass etwas automatisch geht, gehört zu den großen Menschheitsträumen. Es ist nicht nur die Bequemlichkeit, die so erstrebenswert erscheint, es ist auch die Illusion, anthropologische Konstanten zu überwinden: Etwas geht von selbst, göttlich! Natürlich wünschten wir uns als Kinder eine elektrische Eisenbahn und keine zum Aufziehen. Wir wollten steuern, drehen, Schalter kippen und zusehen, wie sich das Spielzeug durch unseren Willen wie von Geisterhand bewegt. Und dabei ist es geblieben. Das Prinzip »Toys for Boys« gilt auch an unserem Arbeitsplatz. Je mehr Komfort man genießen kann, umso moderner ist das Unternehmen, oder umso höher ist man in der Hierarchie aufgestiegen. Automatisch heißt, wir müssen uns nicht drum kümmern, wir sparen Kraft oder haben wenigstens die Hände frei. Mengen werden gezählt, Türen geöffnet, Temperatur wird geregelt, Licht eingeschaltet.

Von intelligenten Systemen sprechen wir jedoch erst, wenn etwas durch die Vernetzung widersprüchlicher oder unscharfer Angaben gesteuert wird, wenn die Haustechnik scheinbar mitdenkt und alles planvoll regelt. Ein Thermostatventil ist noch nicht intelligent, es reagiert nur auf heiß oder kalt. Können jedoch Uhrzeit, Wochentag, Wetterlage, Lüftungsbedarf, Wärmerückgewinnung, Energiepreise, Körpertemperatur und Biorhythmus anwesender Personen das System beeinflussen, so spricht man von einer intelligenten Steuerung. Und schaffte es der Rechner auch noch, seine Programme selbstständig umzuschreiben und neuen Situationen anzupassen, wären wir bei Philip Kerrs Fiktion angelangt: Neues Spiel! Der unaufhaltsame Klimawandel in unserem Büroalltag vollzieht sich auf zwei Ebenen: mit digitaler Informations- und Kommunikationstechnologie, die unsere Arbeit erleichtern und vernetzen sollen, und mit technischer Gebäudeausstattung, um eine Balance zwischen Energieversorgung, Ökonomie und Wohlbefinden herzustellen. Beides wird in intelligenten Gebäudesystemen zusammengeführt.
Wolfgang Bachmann

, 60, arbeitet in einem soliden, vierstöckigen Haus aus den Sechzigerjahren. Statt ins Fitnessstudio zu gehen, nimmt er die Treppen, die knarzenden Jalousien reguliert er von Hand. Und die Tauben auf dem Fensterbrett verjagt er ganz altmodisch - durch furchterregende Grimassen.

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