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aus Heft 09/2012 Fotografie

Das Heimatlos

Wolfgang Luef (Interview)  Fotos: Kadir van Lohuizen

Der Fotograf Kadir van Lohuizen ist ein Jahr lang durch Amerika gereist. Ein Jahr, 15 Länder, 25 000 Kilometer: Um Menschen zu treffen, die ihr Zuhause verlassen haben und versuchen, woanders ein neues Leben zu finden.

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SZ-Magazin: Herr van Lohuizen, auf Ihrer einjährigen Reise durch Amerika haben Sie mit Hunderten Flüchtlingen und Gastarbeitern gesprochen, um etwas über Migration herauszufinden. Was haben Sie denn gelernt?

Kadir van Lohuizen: Vor meiner Reise dachte ich, dass Menschen vor allem aus einem Grund ihre Heimat verlassen: damit es ihnen anschließend besser geht. Aber das stimmt nicht.

Sondern?
In Santiago de Chile habe ich Haydee kennengelernt, sie stammt eigentlich aus Peru und arbeitet in Chile als Haushälterin. Den größten Teil ihres Monatsgehalts von 480 Euro schickt sie nach Hause, an ihre 20-köpfige Familie: Eltern, Geschwister, ihre zwei Kinder. Das macht sie seit zwölf Jahren, genau wie Tausende andere Frauen aus Peru. Die peruanischen Haushälterinnen haben in Chile ein ziemlich beschissenes Leben. Ihnen geht es durch die Migration nicht besser. Und das war auch nie das Ziel: Sie tun das, um ihren Kindern die Ausbildung zu finanzieren. Ähnliche Geschichten habe ich überall in Amerika gehört.

Sie waren nicht nur in den Städten unterwegs, sondern haben viele abgelegene Orte besucht: Kupferminen, Farmen, einen gigantischen Lithiumsee in Bolivien. Wieso haben Sie sich solche trostlosen Plätze ausgesucht?
Gerade diese Orte, an denen eigentlich niemand leben will, ziehen Migranten am stärksten an. Sie sind auf der Suche nach Geld und Arbeit, und die Unternehmen brauchen Menschen, die nicht viel zu verlieren haben. Darauf sind ganze Wirtschaftszweige aufgebaut – ein Milliardengeschäft. Die Kupfermine, die ich in Chile besucht habe, liegt mitten in der Wüste, die Luft ist trocken und giftig. Im Umkreis vieler Kilometer wohnt niemand außer den Gastarbeitern. Einer, der schon seit vielen Jahren mit seiner Frau dort lebt, hat zu mir gesagt: »Ich wohne zwar im Nirgendwo und ruiniere meine Gesundheit. Aber wir haben hier immerhin unser eigenes Haus.« Ähnlich ist es in den illegalen Goldminen in Peru.

Auf den Fotos sieht man gigantische Gruben im Regenwald, in denen nach Gold geschürft wird. Wer betreibt diese Minen?
Schwer zu sagen. Vermutlich die Mafia, mit Duldung der peruanischen Regierung. Das war eine der schwierigsten Geschichten. Die illegalen Schürfplätze sind schwer zu finden, sie stehen in keiner Karte, man sieht sie nicht einmal auf Google Earth, weil es sie vor zwei Jahren noch nicht gab. Und wenn die Arbeiter nur das Gefühl haben, man könnte ein Journalist sein, gilt man schon als Feind. Man hat mir mehrmals gesagt, es wäre gut, wenn ich diesen Ort verlassen würde. Und zwar am besten sofort.

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Was haben Sie gemacht?
Ich hatte von Anfang an geplant, nicht länger als 24 Stunden für diese Recherche zu verwenden. Also musste ich mich sehr schnell zwischen den verschiedenen Minen bewegen, was einerseits ein bisschen verrückt ist, aber auch einen großen Vorteil bringt: Es gab dort keinen Handy-Empfang, die Leute konnten sich also nicht so leicht gegenseitig warnen, dass es da jemanden gibt, der Fotos macht.

Warum haben Sie Ihr Projekt PanAm genannt, nach dem panamerikanischen Highway?
Ich finde die Idee faszinierend: die einzige Autobahn, die zwei Kontinente durchquert. Und ich wusste, dass sich die Migranten entlang des Highways bewegen – also war ich auch sehr viel auf dieser Straße unterwegs. Allerdings die meiste Zeit in der falschen Richtung.

Inwiefern?
Ich bin ja von Süden nach Norden gereist, von Chile über Peru und Mittelamerika nach Alaska, also durch insgesamt 15 Staaten. Und ich war überzeugt, dass sich auch die Flüchtlinge und Migranten in diese Richtung bewegen. Ich dachte, die meisten suchen ihr Glück im Norden, in den USA oder in Kanada. Vor fünf Jahren hätte das noch gestimmt. Doch dann gab es einen Wirtschaftsboom in Chile und Peru, und die große Wirtschaftskrise in den USA und Kanada. Die ersten Menschen, die in die USA wollten, habe ich in Costa Rica getroffen. Da war ich schon 140 Tage unterwegs und hatte 12 000 Kilometer hinter mir. Und sogar in Nicaragua, das noch weiter nördlich liegt, zieht es die Menschen eher in den Süden. Erst in El Salvador, also ein paar Hundert Kilometer vor Mexiko, ändert sich das schlagartig. Dort spürt man bereits eine unglaubliche Fixierung auf die USA. Und gleichzeitig hat man plötzlich das Gefühl, mitten im Krieg zu sein.
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Kadir van Lohuizen

ist mit drei Büchern im Gepäck gereist: Die »Schock-Strategie« von Naomi Klein, »Karte und Gebiet« von Michel Houellebecq und eine Essaysammlung des Niederländers Abdelkader Benali. Er hat keine einzige Seite gelesen.

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