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aus Heft 09/2012 Reise

Baku: zero points

Till Krause  Fotos: Thomas Dworzak / Magnum Photos / Agentur Focus / Mehman Huseynov

Schöne bunte Welt des Eurovision Song Contests: Im Mai blickt ganz Europa nach Baku. Aber bei aller Vorfreude - Aserbaidschan ist ein Staat, der Menschen verfolgt und jede Opposition unterdrückt. Ein Besuch hinter dem Vorhang.

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Ich liebe mein Land«, sagt Sabina Babayeva. Etwas anderes hätte sie auch nicht sagen können. Die Sängerin aus Aserbaidschan steht am 26. Mai im Mittelpunkt der größten Show, die es in ihrem Land je gegeben hat. Sie wird vor mehr als hundert Millionen Fernsehzuschauern singen, als Vertreterin Aserbaidschans beim Eurovision Song Contest in Baku.

»Ich bin voller Wut auf dieses Land«, sagt Xadidja Gulemirov. Sie muss für Babayevas Auftritt ihre Wohnung räumen. Ihr Wohnblock wird bald abgerissen, er steht der Zufahrt zur neuen Eurovision-Arena im Weg, die ein paar Hundert Meter weiter gebaut wird. Auf dem Grundstück sollen Parks entstehen und eine Straße, die die Stadtautobahn mit der Arena verbindet.

Gulemirov ist 49 Jahre alt, sie hat Augenringe und Falten, die nicht vom Lachen kommen, ihren Kopf wärmt sie in einer Kapuze. Es ist kalt in ihrer Wohnung im siebten Stock des grauen Wohnblocks, die Heizung funktioniert nicht mehr, die meisten Nachbarn haben schon aufgegeben und sich ein neues Zuhause gesucht. Die Regierung hat den Gulemirovs Geld geboten, aber es reicht nicht für eine neue Wohnung. Xadidja Gulemirov serviert schwarzen Tee mit Zitrone, »heute funktioniert immerhin der Gasherd wieder«, gestern hatte die Stadt mitten im Winter Strom und Gas abgedreht, um die letzten Bewohner der Agil-Guliyev-Straße Nummer 5 mürbe zu machen, damit sie endlich verschwinden.

Seit fast einem Jahr bestimmt der Eurovision Song Contest das Leben beider Frauen. Babayeva, die Sängerin, schlägt als Treffpunkt die Bar des »Hyatt Regency«-Hotels im Zentrum Bakus vor, wo eine Portion Tee umgerechnet 6,50 Euro kostet. Sie ist mit ihrem Mercedes-Geländewagen vorgefahren, ihr Pelzmantel reicht bis zum Boden. Mit ihren großen dunklen Augen, der Körperhaltung einer Ballerina und den glatten braunen Haaren sieht die 32-Jährige aus, als wäre sie in Hollywood zum Casting für Operndiven bestellt. Als Aserbaidschan vergangenes Jahr den Song Contest in Düsseldorf gewann, hat Babayeva geweint vor Freude, auch weil das Recht, dieses Jahr Gastgeber zu sein, sie stolz machte. Natürlich ging sie raus auf die Straße, Autokorso, Fahnenschwenken, bis es hell wurde. Am nächsten Tag der Entschluss: Sie will für ihr Land antreten und den Titel verteidigen. Sie hatte es auch in den Jahren zuvor schon probiert, dreimal ist sie in den Vorrunden des Eurovision-Castings ausgeschieden.

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Beim Treffen in der Hotelbar im Januar hatte sie sich gerade für das Halbfinale qualifiziert. Aber sie galt schon da als Favoritin, weil sie ziemlich genau so ist, wie Aserbaidschan sich der Welt präsentieren will: hübsch anzuschauen, weltoffen und patriotisch. Sie singt, seit sie zehn war, sie hat an der besten Musikhochschule des Landes studiert, Soul, Pop, Jazz, »was die Leute eben hören wollen«. In Paris ist sie aufgetreten, die Fotos davon zeigt sie auf ihrem Handy. Auch in Frankfurt war sie schon, sie erinnert sich an den Weihnachtsmarkt, »ich will bald wiederkommen, zum Shoppen«.

Für ihren Auftritt im Finale der Castingshow wählte sie The Greatest Love of All von Whitney Houston, die kurz vor Babayevas Auftritt tot in der Badewanne gefunden wurde. Beim Singen waren Babayevas Augen feucht, auch im Publikum gab es Tränen, die Jury konnte nicht anders, als sie zur Siegerin zu küren. Wenn sie dann Ende Mai auf der Eurovision-Bühne steht, hat Sabina Babayeva genau drei Minuten Zeit, um der Welt zu zeigen, was sie kann – länger darf ein Song im Finale des Song Contests nicht sein. Ein Jahr Arbeit für drei Minuten Show.

Dass alles abgerissen wird in dem Viertel, in dem Xadidja Gulemirov und ihr Mann vor 20 Jahren eine Wohnung gekauft haben, hat der Stadtrat am 31. Mai 2011 beschlossen, zwei Wochen nachdem Baku als Gastgeber feststand. Einen offiziellen Räumungsbescheid hat Xadidja bis heute nicht bekommen, aber das Haus wurde langsam immer leerer, weil fast alle Nachbarn ihre Wohnungen aufgegeben haben, »sie hätten ihre Jobs verloren, wenn sie gegen den Willen der Regierung hier geblieben wären«. Junge Männer mit schwarzen Wollmützen pöbeln jeden an, der sich dem Haus nähert. »Schläger der Regierung«, sagt Xadidja Gulemirov, »die sollen uns einschüchtern.«
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Till Krause

musste selbst in Baku an das Gemischte Doppel aus dem SZ-Magazin denken. Er war zu einer Hochzeit eingeladen, die das Brautpaar - in Wahrheit beide homosexuell - wegen des äußeren Scheins feierte. Der Werbespruch des Eurovision Song Contests lautet nämlich: »Light your Fire« - mit vertauschten Buchstaben wird daraus »Fight your Liar« (bekämpft euren Lügner).

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