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aus Heft 10/2012 Politik 1 Kommentar

Die 90-jährige Hildegard Hamm-Brücher

Wie geht das: den Männern ebenbürtig sein – ohne Quote? Ein Gespräch über Aufmüpfigkeit und falsch verstandenen Feminismus.

Von Tobias Haberl (Interview)  Foto: Robert Brembeck und Süddeutsche Zeitung (4) Haare & Make up: Momo Rauch




SZ-Magazin: Von Journalisten werden Sie ständig als Grande Dame der deutschen Politik bezeichnet. Was ist der Unterschied zwischen einer Dame und einer Frau?

Hildegard Hamm-Brücher: Ach, Dame oder Frau, das ist mir gar nicht so wichtig. Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass eine Frau eigenständig ist und für eine Sache einsteht, sagen sie halt Dame. Ich habe das nie kultiviert, im Gegenteil, ich bin immer gegen den Strom geschwommen, wollte aber trotzdem hübsch dabei aussehen.

Das ist ja gerade das Damenhafte: streitbar, aber elegant.
Finden Sie? Trotzdem, für mich ist das keine Auszeichnung, es macht mich weder hochmütig noch eitel. Die Feministin Gloria Steinem hat mal gesagt: Eine emanzipierte Frau hat vor der Ehe Sex und danach einen Beruf. Dann bin ich emanzipiert, obwohl ich zwischen dem Sex und dem Beruf keinen Zusammenhang sehe. Ich war in den Fünfzigerjahren bestimmt nicht die Einzige, die Sex vor der Ehe hatte. Der Krieg hatte doch alles durcheinandergebracht, die Bindungen, die Gefühle. Viele Frauen hatten einen Lebensgefährten, weil ihre Männer nicht aus dem Krieg zurückkamen.

Als Ihr Sohn 1955 zur Welt kam, waren Sie noch nicht mit Ihrem Mann verheiratet. Ein Skandal?
Es war noch schlimmer. Er war noch nicht mal von seiner ersten Frau geschieden. Stellen Sie sich das mal vor, ein nicht geschiedener, katholischer CSU-Politiker und diese lästige, aufmüpfige Ketzerin aus der FDP, das wäre ein Knüller gewesen. Damals galt ja noch ein rigides Scheidungsrecht: War der Mann der Ehebrecher, hatte er keine Chance auf Scheidung, wenn die Frau es nicht wollte. Trotzdem war ich wild entschlossen, dieses Kind zu bekommen.

Wie konnten Sie die Schwangerschaft verheimlichen?
Während der letzten Schwangerschaftswochen habe ich bei meinem Bruder in Holland gelebt, die ersten Monate wuchs mein Sohn bei meiner Schwester auf, bis wir 1956 endlich heiraten konnten.

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Wie haben Sie sich eigentlich in Ihren Mann verliebt?
Wir haben uns im Münchner Stadtrat kennengelernt. Er war bei der CSU, aber sehr progressiv, und hat sich dafür eingesetzt, dass München sozialer und frauenfreundlicher wurde. Gemeinsam haben wir das erste Apartmenthaus für alleinerziehende, berufstätige Mütter aufgebaut, mit Kindergarten im Erdgeschoss. 

Sie haben sich nie einem Fraktionszwang unterworfen, haben für Bildung und Gleichberechtigung gekämpft und immer – auch gegen Widerstände – Ihre Meinung vertreten. Welche Politikerin aus dem Jahr 2012 erinnert Sie an die Hildegard Hamm-Brücher von früher?
Claudia Roth. Die ist mutig und lässt sich nicht kleinkriegen.



Die promovierte Chemikerin Hildegard Hamm-Brücher im Jahr 1948. Da war sie 27 Jahre und zog für die FDP in den Münchner Stadtrat ein.

Die große Dame der Liberalen erkennt sich in der FDP-Hasserin Claudia Roth wieder?
Vergessen Sie nicht, dass ich 2002 wegen der antisemitischen Einlassungen Möllemanns aus der FDP ausgetreten bin, nach 54 Jahren. Vor zwei Jahren saß ich für die hessischen Grünen in der Bundesversammlung und habe für Gauck, nicht für Wulff, als Bundespräsidenten gestimmt.

Und es stört Sie nicht, dass die Grünen permanent über die FDP schimpfen?
Aber nein, in meinem Alter kann ich ganz unbefangen mit den komischen Parteiritualen umgehen. Außerdem, sagen Sie mir doch eine Frau aus einer anderen Partei, die positiv aus dem Rahmen fällt.

Sahra Wagenknecht?
Die kenne ich nicht gut genug. Sie sieht gut aus, ist gebildet, aber sie hätte einen Sozialismus entwickeln müssen, der sich stärker von dem der DDR abgrenzt. Ursula von der Leyen fällt mir noch ein, die traut sich was, vor der habe ich Respekt, aber sonst?

Also doch die Frauenquote?
Auf keinen Fall, mit einer Quote würden wir uns doch wieder in ein Ghetto begeben. Es geht darum, dass Männer und Frauen wirklich ebenbürtig sind, und wenn es so weitergeht, werden sie das auch, und zwar ganz natürlich. Die qualifizierten Männer werden weniger, die qualifizierten Frauen werden mehr, die Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Also mir wäre es zuwider gewesen, in ein Amt zu kommen, weil die Quote es will.

Was macht Sie so sicher, dass die echte Gleichberechtigung kommen wird?

Wer heute jammert, hat vergessen, wo wir angefangen haben. Ich habe jahrelang dafür gekämpft, dass Frauen im Symphonieorchester mitspielen oder die gehobene Beamtenlaufbahn einschlagen durften, das muss man sich mal vorstellen. Auf einer Wahlveranstaltung in Amberg wurde ich mal von einer Frau beschimpft: »Pfui Teufel«, hat sie geschrien, »wie kann man was anderes sein als sein Mann?« Für mich ist der Aufstieg der Frauen die größte gesellschaftspolitische Leistung der Bundesrepublik.
 
Sie haben mal gesagt, dass Sie mehr für die Frauen getan haben als Alice Schwarzer.
Alice Schwarzer hat tapfer gekämpft und viel erreicht, aber sie respektiert nicht, dass man das, worüber man redet und schreibt, auch selbst tun muss. Mein Einwand ist also, dass sie es nicht gewagt hat, selbst in die Politik zu gehen, und teilweise eine Überheblichkeit gegenüber den Frauen ausstrahlt, die es probiert haben. Verstehen Sie mich nicht falsch, wir brauchen Frauen wie Alice Schwarzer, aber wir brauchen auch Frauen, die die Bretter bohren.

Kommentare

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  • Regina Wittl (1) Eine wunderbare Frau. Ich hätte sie gerne als Bundespräsidentin gehabt.