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aus Heft 10/2012 Wissen

Die 60-jährige Renate Köcher

Julia Decker (Interview)  Fotos: Christian Grund (1) und privat (3)

Deutschlands oberste Umfragerin kennt uns sehr genau. Sie weiß, was auf uns zukommt. Und warum wir alle Zweckpessimisten sind.

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Renate Köcher:
Sie wissen schon, dass Sie mich vor der Zeit altern lassen? Noch bin ich ja nicht 60!

SZ-Magazin: Zugegeben, das ist nicht sehr charmant. Aber sagen Sie uns: Wie nah sind Sie überhaupt dran an der durchschnittlichen Frau um die 60?
Ziemlich weit entfernt – sowohl was meine Lebenssituation angeht wie auch die Interessen. Ein ausgeprägtes Interesse für Wirtschaft und Politik ist sonst eher typisch für Männer. Die männliche Technikbegeisterung teile ich allerdings nur begrenzt, mit einer Ausnahme: Ich mag schöne Autos.

Was sind, laut Allensbach, die typisch weiblichen Interessen?
Alles, was mit Menschen zu tun hat – Medizin, Psychologie, Pädagogik. Es ist bemerkenswert, wie stabil die Interessensunterschiede von Männern und Frauen sind. Deshalb studieren auch nach wie vor nur relativ wenige Frauen Technikfächer. In den Berufen, die Frauen interessieren, sind sie dagegen auf dem Vormarsch: Von den Ärzten sind heute rund 40 Prozent Frauen, von den Studenten der medizinischen Fächer schon mehr als 60 Prozent. Bei Ingenieuren sieht das völlig anders aus. Vor diesem Hintergrund halte ich die Quotendiskussion für realitätsfern.

Seit über 30 Jahren fragen Sie die Deutschen nach ihren Gewohnheiten und Meinungen. Sind sie Ihnen im Laufe der Jahre sympathischer oder unsympathischer geworden?
Auf jeden Fall sympathischer. Nicht dass ich ursprünglich eine schlechte Meinung hatte, aber irgendwie wächst einem eine Nation ans Herz, wenn man sich intensiv mit ihr beschäftigt.

Was ist typisch deutsch?
Eine ausgeprägte Risikoorientierung. Wir prüfen immer, wo Gefahren, Nachteile oder Schwierigkeiten liegen, und gehen dementsprechend kritisch an viele Entwicklungen heran.

Sind wir Pessimisten?
Mehr als viele andere Nationen. Aber dieser Blick aufs Risiko kann eine Stärke sein. Das ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis der Deutschen ist auch aus der Geschichte sehr verständlich. Wir haben jedoch noch eine andere Begabung: Wir laden Sachfragen oft weltanschaulich auf. Zum Beispiel das Thema »Berufstätigkeit von Müttern«. Statt es als praktische Aufgabe zu betrachten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser sicherzustellen, machen wir daraus eine Glaubensfrage.

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Machen wir es uns damit zu kompliziert?
Auf alle Fälle. Wir haben eine Tradition, in der Frauen vor die Entscheidung gestellt werden, weil man sich Beruf und Familie nicht zusammen vorstellen kann. Deshalb haben wir auch in den letzten Jahrzehnten keine überzeugende Infrastruktur aufgebaut, die den Menschen die Sicherheit gibt, dass Kinder auch außer Haus gut betreut und gefördert werden.

Es gibt kaum ein gesellschaftliches oder politisches Thema, zu dem Sie nicht die Meinung der Bevölkerung in Zahlen wiedergeben können. Kann man sagen, Sie sind so eine Art Zeitgeist-Messapparat?
Das hört sich so technisch an. Wir versuchen zu verstehen, was die Leute bewegt und warum sie so denken, wie sie denken. Und auch, welche Entwicklungen und Probleme sich abzeichnen.

Welche zeichnen sich denn ab?
Die Auseinanderentwicklung der sozialen Schichten ist sicher ein Thema, das Deutschland beschäftigen wird. Es geht dabei nicht nur um die Entwicklung der materiellen Situation, sondern etwa auch um die Frage, unter welchen Voraussetzungen Kinder in den verschiedenen Schichten aufwachsen. In Deutschland besteht ein ganz enger Zusammenhang zwischen dem Bildungsstand der Eltern und der schulischen Entwicklung von Kindern. In anderen Ländern, beispielsweise in Skandinavien, gelingt es viel besser, Kindern aus den unteren Schichten die gleichen Chancen zu sichern.
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Julia Decker

wartet jetzt auf den Anruf eines Meinungsforschungsinstituts. Sie möchte gern offen und ausführlich auf alle Fragen antworten. Bisher hat sie bei solchen Anrufen immer unfreundlich »Nein, danke« gesagt und aufgelegt – das hat sie Renate Köcher aber verschwiegen.

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