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aus Heft 11/2012 Sport Noch keine Kommentare

Hart, aber fair

Fußball? Wer redet von Fußball? Die Hooligans von heute treffen sich kaum noch im Stadion, sondern im Wald. Einblicke in eine Welt voller Gewalt – die dennoch klare Regeln kennt.

Von Marc Felix Serrao  Comic: Reinhard Kleist

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Es gibt Männer, die kotzen beim ersten Mal vor Aufregung. Andere laufen im letzten Augenblick weg, irgendwo in den Wald hinein, und lassen sich danach nie wieder blicken. Und es gibt welche, die trotz weicher Knie weiterkämpfen. Die dürfen, wenn sie später noch können und wollen, zum nächsten Kampf wiederkommen. So einfach ist das. So einfach und so fremd.

Hooligans sind längst nicht mehr nur radikale Fußballfans, die am Spielfeldrand auf gegnerische Fans einprügeln. Das Geschehen hat sich von den Stadien wegbewegt. Weil die Hooligans vorbestraft sind, weil sie im Stadion zu genau beobachtet werden oder weil sie sowieso Stadionverbot haben. Und da sie auf die Gewalt nicht verzichten wollen, treffen sie sich eben woanders, um zu kämpfen. In der Natur. Auf einem Feld, im Wald.

Wer schon einmal so einen Kampf im Freien gesehen hat, der weiß, warum da selbst erfahrene Schläger nervös werden. Ganz langsam und schweigend bewegen sich die beiden Gruppen aufeinander zu, mal sind es nur 15, mal 50 Mann pro Seite. Ganz vorn laufen die schwersten Kerle. »Die stoppen den Aufprall«, erklärt Mirko. Er selbst läuft immer in der zweiten Reihe, »bei den Technikern«. Das Ganze ist klar strukturiert, »wie bei den römischen Legionen«. Erst auf den letzten Metern kommt das Kommando des Anführers: »Doppeldeckung hoch« – Fäuste vors Gesicht, Ellbogen zusammen. Dann folgt der Aufprall. Im wörtlichen Sinne.

Ein typischer Kampf ist schnell vorbei, nach 30, manchmal 60 Sekunden. Aber was man in dieser Zeit erlebt, ist eine Dimension von Brutalität, die »einfach anders« ist, sagt Mirko. »Ein höheres Level.«

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Das Treffen mit Mirko und Adrian findet in einer Bar statt. »Schreib: in einer großen deutschen Stadt«, sagen die beiden gleich zu Anfang, bitte keinen Ortsnamen nennen. Und natürlich heißen sie auch nicht Mirko und Adrian. Sie sind Hooligans. Keine ehemaligen, die ihre Memoiren verkaufen wollen, sondern aktive »Krieger«, wie sie sich selbst nennen. Kein einfaches Gespräch. Die beiden Männer sind misstrauisch. Erst nach unzähligen Kontaktversuchen und fast zwei Monaten Warterei sind sie bereit, etwas von sich zu erzählen. Es soll um Gewalt gehen, um Schmerzen und Adrenalin. Und um die Frage, warum sich manche Männer ein Leben ohne all das nicht vorstellen können – und dafür sogar bereit sind, ihren Beruf, ihre Familie und ihre Freiheit zu riskieren. Mirko und Adrian bestellen Wein und Tee und nennen noch eine Bedingung: »Keinen Scheiß schreiben!« Man kenne sich ja jetzt.

Was die Männer dann über sich und ihr Leben erzählen, erst in Andeutungen, dann immer offener, hat mit dem Bild, das die meisten Menschen von Hooligans haben, nichts zu tun. Stadionschlägereien, Vollsuff und Randale vor Publikum – vorbei. Nicht, weil’s nicht schön wäre, noch mal wie früher auf den Putz zu hauen. Sondern weil es inzwischen ganz andere Nervenkitzel gibt. Auf dem »Acker«, also in der freien Natur, weit weg von Polizei und Passanten.

Das Erste, was auffällt, ist, dass die beiden Männer eigentlich überhaupt nicht auffallen. Mirko ist ein großer, schlanker Mann mit einem freundlichen Jungsgesicht. Wie ein gewalttätiger Mensch sieht er nicht aus, eher wie jemand, der einfach viel Sport treibt. Er ist schon Ende dreißig, ein Veteran der Szene. Adrian ist Mitte zwanzig und erst seit zwei Jahren dabei. Er ist so klein und drahtig, dass man sich kaum vorstellen kann, wie er lange auf dem »Acker« überleben soll. Den Eindruck hätten viele, sagt er und lächelt. »Das ist ja das Schöne.« Wie oft er sich im Leben schon geprügelt hat, weiß er nicht mehr. Ein paar Hundert Mal vielleicht, sagt er.

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