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aus Heft 13/2012 Rätsel des Alltags Noch keine Kommentare

Bis es kracht!

Schon als Kind experimentierte Taylor Wilson in der elterlichen Garage mit Radioaktivität, mit 14 gelang ihm die erste Kernfusion. Derzeit erhitzt er seinen selbst gebauten Reaktor auf das 40-Fache der Sonnentemperatur: Porträt eines Wunderkindes, das besessen ist von den Möglichkeiten der Atomkraft.

Von Tom Clynes  Fotos: Bryce Duffy, Pete Souza/White House



Den Spruch »Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst ...« haben sich Taylors Eltern bisher verkniffen – trotz seiner bedenklichen Hobbys.

Raketenantriebe, ich will zu den Raketenantrieben!« ruft der neunjährige Junge und zerrt den Vater zum Eingang des NASA-Museums am Rande der Stadt Huntsville in Alabama. Kurz darauf stehen die beiden am Nachbau der mächtigen Saturn-V-Rakete, mit der Amerika einst zum Mond flog. Eine junge Führerin weist ihre Gruppe auf das Triebwerk hin. Alle bücken sich, auch Taylor Wilson, der neunjährige Junge. Von Kenneth Wilson, dem Vater, fällt für kurze Zeit eine Last ab: Endlich ist es mal nicht an ihm, den grenzenlosen Wissensdurst seines Sohnes zu stillen.

Dann hebt Taylor die Hand. Er erklärt der staunenden Gruppe, was die Saturn V, die größte Rakete aller Zeiten, zum Abheben bringt. Und wie Geschwindigkeit von Triebwerksschub und der sich reduzierenden Masse abhängt. Er doziert über Nutzlastverhältnisse, das Für und Wider von flüssigem und festem Brennstoff. Es sprudelt nur so aus ihm heraus, als habe er Angst, die Zeit könnte ihm ausgehen, bevor er alles mitteilen kann, was er weiß. Bald läuft die Führerin davon, um den Leiter des Museums zu holen – »Diesen Jungen müssen Sie sich ansehen!« Der Vater dagegen wird sich später an Tage wie diesen als die »unbeschwerten Zeiten« erinnern – als sich sein Sohn noch für so harmlose Dinge wie Raketenforschung begeisterte.

Die unbeschwerten Zeiten: Das waren die Tage, bevor Taylor die Garage der Familie Wilson in eine im Dunkeln leuchtende Zauberhöhle aus Gesteinen, Metallen und Flüssigkeiten mit unvorstellbaren Kräften verwandelte. Bevor er anfing, mit Neutronen zu experimentieren, um zwei der größten Probleme unserer Zeit zu bekämpfen: Krebs und Nuklearterrorismus. Bevor er als 14-Jähriger einen Reaktor baute, der in einem fast 600 Millionen Grad heißen Plasmakern Atome aufeinanderprallen ließ – und in die Geschichte als jüngster Mensch einging, dem je eine Kernfusion gelang.

Taylor ist mittlerweile 17, ein hagerer Junge, der aufblüht, wenn er über Atomenergie spricht: vom Urknall und vom nuklearen Winter, von Kernspaltung und Kernfusion, von Einstein und Oppenheimer, von Materie und Antimaterie – sein Repertoire scheint endlos zu sein. »Woher hat er das nur?« haben sich die Eltern oft gefragt. Kenneth Wilson vertreibt Coca-Cola, er hat früher Football gespielt und fährt gern Ski. Tiffany Wilson ist Yogalehrerin.

Es war von Anfang an klar, dass es schwer sein würde, den älteren der beiden Wilson-Söhne auf dem Boden zu halten. Mit vier Jahren zog Taylor eine orangefarbene Warnweste über, setzte einen Schutzhelm auf und regelte vor dem Haus den Verkehr. Zum fünften Geburtstag wünschte er sich einen Kran. Die Eltern fuhren mit ihm zum Spielzeugladen. »Nein«, schrie er dort. »Ich will einen echten Kran.« Andere Väter hätten ein Machtwort gesprochen, Kenneth Wilson rief einen befreundeten   Bauunternehmer an: Zu Taylors Geburtstagsfeier fuhr dann ein sechs Tonnen schwerer Kran vor. Auf dem Schoß des Kranführers sitzend, schwenkten die Kinder abwechselnd den Kranarm über die Dächer am Northern Hills Drive von Texarkana, der Heimatstadt der Wilsons an der Grenze von Texas und Arkansas.

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Als Taylor zehn war, hängte er ein Periodensystem der Elemente in seinem Zimmer auf. Nach einer Woche wusste er alle Kernladungszahlen, Massenzahlen und Schmelzpunkte auswendig. Zu einer Familienfeier erschien der Junge im Laborkittel mit einer Handvoll Chirurgenmesser und kündigte an, von allen Anwesenden Blutproben nehmen zu wollen. Im Labor, das er in der Garage der Großmutter eingerichtet hatte, werde er die Proben »vergleichenden Genanalysen« unterziehen. Im folgenden Sommer bat Taylor seine Großfamilie in den Hinterhof. Dort präsentierte er seinem Publikum ein Fläschchen, befüllt mit einem Gemisch aus Zucker und Kaliumnitrat, auch bekannt als Salpeter. Er setzte das Fläschchen ab und zündete die Zündschnur an, die oben herausragte. Was folgte, war nicht der harmlose Böllerknall, den die Umstehenden erwartet hatten, sondern eine krachende Explosion. Nachbarn stürzten aus ihren Häusern, während über dem Garten der Wilsons eine kleine pilzförmige Wolke aufstieg.

Zu seinem elften Geburtstag suchte sich Taylor in einer Buchhandlung das Buch The Radioactive Boy Scout (»Der radioaktive Pfadfinder«) von Ken Silverstein aus. Es erzählt die Geschichte von David Hahn, einem Teenager aus Michigan, der Mitte der Neunzigerjahre in einem Gartenschuppen einen Atomreaktor baute. Für Kenneth und Tiffany Wilson war Hahns Geschichte ein Warnsignal. Taylor dagegen sah sie als Herausforderung, zumal er gerade damit begonnen hatte, sich mehr für die unteren beiden Reihen des Periodensystems zu interessieren – die mit den stark radioaktiven Elementen. »Wisst ihr, was?« sagte er. »Die Dinge, die der Junge da versucht hat – ich glaub, die krieg ich hin.«

Wie Taylor Wilson hatte sich auch David Hahn in der Schule gelangweilt. Doch ab diesem Punkt verlief die Entwicklung der beiden Jungen unterschiedlich: Als Hahns Eltern die Forschungen verboten, machte der wütende Teenager heimlich weiter. Taylor Wilsons Eltern widerstanden dem Impuls, die Interessen des Sohnes auf harmlosere Hobbys zu lenken – keine leichte Entscheidung, wenn ein Kind, das offenbar Freude daran hat, Dinge in die Luft zu jagen, sich der Atomkraft zuwendet. Sie erlaubten Taylor, für die Forschungsausstellung seiner Schule eine »Erhebung über radioaktive Materialien im Alltag« anzufertigen. Der Vater borgte einen Geigerzähler vom örtlichen Katastrophenschutz. An den Wochenenden chauffierten die Eltern Taylor zu den Antiquitätenläden im Umkreis, wo er den tickenden Apparat auf Thorium-Laternen, alte Wecker mit Radium-Ziffernblättern und uranglasierte Keramik richtete. Vom Taschengeld kaufte er sich ein paar radioaktiv beschichtete Teller.

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