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aus Heft 15/2012 Aus dem Magazin 6 Kommentare

Bleiben lassen

Wenn Eltern sich trennen, werden die Kinder oft zwischen Mutter und Vater hin- und hergeschickt. Dabei gibt´s eine Alternative: Die Kinder behalten die Wohnung - und die Eltern pendeln. Funktioniert wirklich!

Von Gabriela Herpell  Fotos: Toby Binder Redaktionelle Mitarbeit: Karoline Amon

Immer wieder sonntags ist Übergabe bei Schmidts: Die Eltern leben getrennt. Aber sie versorgen ihre Kinder abwechselnd in der der Wohnung, in der Emma und Elsa aufgewachsen sind.
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Seit einem Jahr sind die Schmidts kein Paar mehr. Aber Eltern sind sie noch. Und kümmern sich beide um ihre Kinder. Eine Woche sie, eine Woche er, sonntags wechseln sie sich ab. Ganz normal, eigentlich.


Doch nicht Elsa, 8, und Emma, 5, packen ihre Sachen und ziehen zwischen Vater und Mutter hin und her, sondern die Eltern pendeln. In der Vierzimmerwohnung in München-Schwabing leben die Kinder, immer. Und ein Elternteil, abwechselnd. In der »Papawoche« schläft Sascha Schmidt bei ihnen, macht Frühstück, bringt sie zur Schule, kocht, hilft bei den Hausaufgaben, liest abends vor. Am Ende dieser Woche geht der Vater, und die Mutter kommt. Juristen nennen diese Regelung »Nestmodell«, weil die Eltern sich verhalten wie Vögel, die abwechselnd zum Nest fliegen, um ihre Küken zu füttern.

Für Eltern, die sich nach einer Trennung gleichermaßen um ihre Kinder kümmern möchten, gibt es im Grunde zwei Möglichkeiten. Die eine: Jeder nimmt eine Wohnung, die groß genug ist, dass die Kinder jede zweite Woche dort schlafen können. Und die ziehen an einem Sonntag zum Vater und am nächsten zur Mutter. In der Fachsprache heißt das: Wechselmodell. Die Kinder haben dann zwei Zimmer, zwei Paar Gummistiefel, zwei Winterjacken, zweimal das Lieblingsbuch. Damit nicht immer etwas fehlt.

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Die andere Möglichkeit: das Nestmodell. Doch nach Familien, die das Nestmodell praktizieren, muss man lange suchen. Dabei ist die Idee so einfach. Und so gut. Denn die Eltern tragen die Folgen der Entscheidung, die sie als Paar getroffen haben, selbst. Warum ist es dann so unpopulär? Die einfachste Erklärung: Weil es keiner macht, weiß auch keiner davon. Eine andere Erklärung: Es ist teuer. Oder es kommt einem zumindest auf den ersten Blick so vor. Aber zwei große Wohnungen sind auch teuer. Und oft haben Familien genau das Problem: Wer bleibt in der Wohnung oder im Haus? Eine dritte Erklärung: Eltern sehen nicht, dass sie ihren Kindern ein Leben zumuten, das sie selbst nicht gern führen würden - und halten sie unwillkürlich für belastbarer als sich selbst.

Die Schmidts kamen auf das Nestmodell aufgrund ihrer Erfahrungen als Paar und Eltern. Sie waren beide voll berufstätig, als Elsa und Emma geboren wurden; Katrin Geißler-Schmidt, die Mutter, als Verlagsleiterin, Sascha Schmidt als Unternehmensberater. Sie hat nach beiden Geburten für drei Monate ausgesetzt, dann wieder gearbeitet. Die Kinderbetreuung haben sie sich geteilt. Er hat abgepumpte Milch gefüttert; sie hat die Kinder morgens zur Tagesmutter gebracht; er hat sie abgeholt; sie war mit Elsa einkaufen, er mit Emma beim Arzt. Abends haben sie zusammen am Esstisch mit ihren Kalendern gesessen und Termine abgestimmt.

Das ist so geblieben. Bereits jetzt haben die Schmidts, beide 42, bis zum Frühling 2013 festgelegt, wer in welcher Woche und an welchem Wochenende die Kinder betreuen wird. Wer mit ihnen Ostern verbringt und wer Silvester. Wer den Elternabend in der Schule übernimmt und wer im Kindergarten Kuchen backt.

Elsa und Emma gehen nach der Schule und dem Kindergarten nach Hause, einer von beiden Eltern wird da sein. Sie müssen nicht, wie viele andere Trennungskinder, darüber nachdenken, dass sie die Turnhose, die Geige, das Kuscheltier brauchen, wenn sie vom Papa zur Mama ziehen. Alles ist da, wo es immer war in der großen und hellen Münchner Wohnung, in der sie aufgewachsen sind und jede ihr Zimmer mit einem großen Pferdebild hat. Bei Emma sind es zwei Haflinger auf einer Blumenwiese, bei Elsa Fjordpferde im Schneegestöber.

Obwohl die Mädchen traurig sind, dass sich die Eltern getrennt haben, hat sich für sie ziemlich wenig verändert. Der Vater brät in seiner Woche nach wie vor Tofuwürstchen und die Mutter welche aus Fleisch.

Kommentare

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Kommentar:

  • Dimitri Amelo (0) "Der Vater brät in seiner Woche nach wie vor Tofuwürstchen und die Mutter welche aus Fleisch."
    Ja sicher!
    Hierfür gibt es gleich einen Sonderbonus für Subversion und Agitation.
  • Wiebke Nöthlich-Künnemann (0) Ein sehr berührender Beitrag. Für die Kinder sicher optimal, so lange Frieden herrscht und die Eltern kein Reviergebaren haben. Aber wenn Frieden herrscht, funktioniert das Wechselmodell auch, mit dem üblichen Nerv um die vergessene Zahnspange etc. Aber über die vergessenen Feinrippunterhemden in der Waschmaschine würde ich mich auch aufregen.
  • Stefan O. Thiem (0) Guter Artikel, aus eigener Erfahrung kann ich aber berichten, dass es hierzu Frauen bedarf, die die Rolle des gleichberechtigten Vaters akzeptieren und sich nicht in ihre Mutter-Rolle zurückziehen. Sogar in der Mediation habe ich gesagt bekommen, dass Frauen sich oftmals (entgegen allen Emanzipationsgeredes) in die Mutterrolle zurückziehen, ist ja doch bequem den Unterhalt zu beziehen, gell :-) Daran wird es zumeist scheitern.
  • Otto E. Fuss (2) Klingt erst mal gut, dürfte aber in den meisten Fällen nicht praktikabel sein, denn die wenigsten können sich 3 (Kinder, Papa, Mama) Wohnungen leisten.
  • Volker Hoff (2) Sehr interessanter Artikel. Ich bin damals ausgezogen, die Mutter blieb bei den Kindern. Das Nestmodell hätte bei uns nicht funktioniert.