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aus Heft 16/2012 Außenpolitik 3 Kommentare

Der Bürgermeister der Hölle

Bis vor Kurzem betrieb Mohamoud Ahmed Nur ein Internetcafé in London. Jetzt will er die gefährlichste Stadt der Welt retten: Mogadischu.

Von Michael Obert  Fotos: Jan Grarup

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Fotos: Jan Grarup (noor photo agency and foundation)

Gewehrkugeln haben die Mauern zerfressen, Granaten die Fassade aufgerissen. Das Dach: weggebombt. Vor den höhlenartigen Öffnungen der dreistöckigen Ruine im Zentrum von Mogadischu gehen Soldaten mit Schnellfeuergewehren in Stellung. Sie sollen den Mann schützen, der an diesem Morgen Ende Februar im dunklen Anzug zwischen Granattrichtern im Hof steht und lächelt. Das ehemalige Regierungsgebäude werde wieder aufgebaut, sagt er, und in den neuen Büros würden Mitarbeiter der Stadt schon bald wieder ihren Dienst verrichten.

Dann fallen Schüsse. Haben sich Attentäter in der Ruine versteckt? Aufständische Islamisten? Die Soldaten reißen ihre Waffen von der Schulter, bilden einen schützenden Kreis um den Mann und drängen ihn in einen schwarzen Geländewagen. Zur Verstärkung rasen Pick-ups mit aufgebockten Maschinengewehren heran, auf den Ladeflächen hantieren Soldaten in Kampfanzügen mit Kalaschnikows, Panzerfäusten, Granatwerfern. Reifen drehen durch. Steine fliegen durch die Luft. Und der Konvoi jagt in einer Staubwolke davon.

»Der Tod kommt, wenn er kommt«, sagt Mohamoud Ahmed Nur wenig später und lässt sich auf den Lederstuhl in seinem Büro fallen. »Wenn du Angst hast, kannst du in Mogadischu nichts bewegen, mit Angst kannst du diese Gesellschaft nicht verändern.« Bis vor Kurzem führte der 57-Jährige mit dem grauen Kinnbart ein Internetcafé in der Seven Sisters Road im Norden Londons. Jetzt führt er eine der gefährlichsten Städte der Welt. Als Bürgermeister von Mogadischu, der Hauptstadt Somalias.

Nach über 20 Jahren Bürgerkrieg und Häuserkampf sieht das »Stalingrad Afrikas« aus wie eine gewaltige archäologische Grabungsstätte. Zweieinhalb Millionen Menschen fristen ein Dasein in Ruinen. Ohne Strom, ohne sauberes Trinkwasser, ohne Müllabfuhr und ausreichende medizinische Versorgung. In einer Stadt, in der man beim Gemüsehändler um die Ecke für ein paar hundert Dollar eine Panzerfaust kaufen kann und ausgefranste schwarze Flecken die letzten Bombenanschläge markieren. Alle paar Minuten krachen Schüsse.

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Als Bürgermeister gehört Nur zu einer Übergangsregierung, die zwar international anerkannt ist, aber nicht einmal 20 Prozent des Landes kontrolliert. Und das nur mithilfe der afrikanischen Friedensmission Amisom. 12 000 bis an die Zähne bewaffnete Soldaten aus Uganda und Burundi liefern sich blutige Gefechte mit al-Shabaab, einer islamistischen Miliz, die sich kürzlich offiziell mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verbündete und weite Teile Somalias kontrolliert.

Wer etwas dagegen hat, dass al-Shabaab Bomben unter Marktstände legt, Kinos in die Luft jagt, Frauen steinigt und Dieben, Musikern oder Fußballern die rechte Hand und den linken Fuß absägt, landet auf der Abschussliste ihrer Killerkommandos. Ganz oben: Bürgermeister Nur. Mit zwei Dutzend Bodyguards, einem Monatsetat von 150 000 Dollar, ein paar Computern und drei Olivetti-Schreibmaschinen will er Mogadischu, das Höllenloch am Horn von Afrika, retten. Oder sterben.

Als ihm der somalische Präsident, ein Weggefährte aus Jugendzeiten, vor anderthalb Jahren den Job anbot, versammelte Nur seine Frau, sechs Kinder und acht Enkelkinder in der kleinen Mietwohnung in London, wohin er 1993 vor dem Krieg in Somalia geflohen war. Er erklärte ihnen, dass er von seiner Mission womöglich nicht zurückkehren werde: »Vielleicht hört ihr in den Nachrichten bald, dass der Bürgermeister von Mogadischu erschossen wurde.«



Die Fotos unserer Cover-Geschichte stammen vom dänischen Fotografen Jan Grarup. Es war nicht seine erste Reise nach Somalia. In diesem Video spricht er über seine Arbeit - und über den Spagat zwischen Nähe und Distanz, den es braucht, um Menschen in Krisengebieten zu porträtieren.

Kommentare

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  • Din Mikkith (0) Insgesamt liest sich die Story ein wenig wie ein propagandistisches Rührstück. Ich verstehe ja, dass es schwer ist als Gast des Bürgermeisters jemand anderes offen sprechen zu hören. Ein wenig differenzierter und weniger melodramatisch hätte es trotzdem dargestellt werden können. Schade, denn das Thema ist sehr interessant.

    Din
  • Christian Suess (0) Die Fotostrecke von Jan Grarup ist absolut beeindruckend.

    Die Bildunterschriften sind im krassen Gegensatz dazu leider ziemlich peinlich (?Man kann es leben [sic!] nennen, man muss aber nicht?... oh jeeeee ... !).
    Und ein Schlusslektorat wär' insgesamt auch nicht schlecht gewesen. ;-)

    Grüße

    Chr Suess