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aus Heft 17/2012 Aus dem Magazin Noch keine Kommentare

"Schönes gehört nun mal restauriert"

Sie ist 80 und steht seit 66 Jahren als Model vor der Kamera: Carmen Dell'Orefice über die Grenzen der Natur und die Kunst, sich in einer Männerwelt zu behaupten.

Von Anuschka Roshani 



Foto: Getty Images/Andrew H. Walker

Wer Carmen Dell’Orefice erlebt, bekommt unweigerlich Lust, alt zu werden. Nicht weil sie – weiße Haargischt auf dem Haupt von biegsamen Einsfünfundsiebzig – so herausragend aussieht, und das nicht nur für eine Achtzigjährige. Was einen sofort in ihren Bann zieht, ist ihre Wachheit: die Reaktionsschnelligkeit einer Katze, ohne deren misstrauisches Lauern. Und selbst mitten in einem anstrengenden Fotoshooting, nach Stunden in einer eiskalten Ruine Brandenburgs, nur ein schulterfreies Ballkleid tragend und mit Jetlag in den Knochen, bleibt sie hoch konzentriert.

Kein Wunder, dass sie als dienstältestes Supermodel gefeiert wird – seit sie 14 war, steht sie vor der Kamera, darunter vor denen von Fotografenlegenden wie Irving Penn, Cecil Beaton, Richard Avedon, Horst P. Horst, Arthur Elgort, Norman Parkinson und Helmut Newton. Die New Yorkerin mit italienischen und ungarischen Wurzeln ist bis heute in der von Jungen besessenen Modewelt begehrt: Die Mutter einer 56-jährigen Tochter erschien auf etlichen »Vogue«-Titelseiten, warb in den letzten Jahren für Rolex, Gap, Elizabeth Arden; führte die Kollektionen von Alberta Ferretti und Jean Paul Gaultier vor. Es ist leicht, sich vorzustellen, dass sie unzählige Männer schwach werden ließ. Sie habe tatsächlich nichts anbrennen lassen, sagt sie, so wie sie sich in jeder ihrer drei (geschiedenen) Ehen vollen Herzens verausgabt habe. Sowieso scheint sie eine Frau zu sein, die einzig eins nicht beherrscht: die halbe Sache.


SZ-Magazin: Frau Dell’Orefice, woher nehmen Sie Ihre unglaubliche Energie?
Carmen Dell'Orefice: Es geht darum, sich zu entscheiden, sich ein Ziel zu setzen – und zu fragen: Wie kommst du da hin? Nichts im Leben ist umsonst. Also brauchst du viel Selbstdisziplin, um es zu erreichen.

Haben Sie keine Ermüdungserscheinungen nach 66 Jahren im Modebusiness? Ich fühle mich heute jünger als damals mit 14, als ich anfing zu modeln. Damals war ich eine kleine alte Lady. Ich hatte eine sehr bodenständige Kindheit: Ich war allein mit meiner Mutter, wir waren arm und hatten oft Hunger. Mir war früh klar, was die Wirklichkeit von mir verlangt – was ich zu tun habe, wenn ich durchkommen will.

War der Sprung in die Modewelt dadurch nicht gewaltig?
Ich wurde Ende August 1945 im Bus entdeckt, auf der 57. Straße in New York, als ich von der Tanzschule kam. Es war eine höchst glückliche Wendung: Ich habe es immer geliebt, durchs Modeln für ein paar Stunden in meine Fantasiewelt zu springen. Eine stumme Schauspielerin sein zu können. Und ich lernte dadurch früh, was ich nicht will und nicht brauche.

Nämlich?
Keine Diamanten. Ich brauche es warm, und ich muss tun können, was ich will. So schön die Kleider von Dior und all den anderen Designern waren – nichts davon wollte ich wirklich.

Wem verdanken Sie Ihre Schönheit?
Den Knochen meines Vaters – sind die nicht wunderbar? Danke, Papa! Ich passe nur auf sie auf.

Empfinden Sie Ihrem Körper gegenüber Verantwortung?
Notgedrungen. Mir ist bewusst, dass ich nicht arbeiten kann, wenn mein Körper verkommt. Meine Gebrechen würden ein ganzes Buch füllen.

Das hat früh angefangen: Sie lagen mit 13 ein Jahr lang mit rheumatischem Fieber im Bett.

Das war mein erster Tod. Ich war ein sehr trauriges Kind, das unbedingt froh sein wollte. Durch einen glücklichen Zufall geriet ich in die Hände von Emigranten, die dem schrecklichen Krieg entkommen waren: Alex Liberman – Artdirector der Vogue –, Cecil Beaton, Horst P. Horst, Erwin Blumenfeld, der noch seine KZ-Tätowierung auf dem Arm hatte. All diese Männer waren echte Künstler – sie lebten ihre Kunst, und sie brachten mir bei, was sie in mir sahen.

Was sahen sie?
Durch sie begriff ich, dass sich das Gehirn ständig wandelt und damit der Blick auf die Dinge und auf einen selbst. Ich schaue jeden Morgen in den Spiegel und sage: Hallo, Fremde! Jeden Morgen entdecke ich eine andere im Spiegel.

Dann wirds Ihnen nie langweilig mit sich?
Ich bin ein Stück »Art in Progress«. Regisseurin, Drehbuchschreiberin, Darstellerin in einem. Mein Leben ist fantastisch.

Haben Sie viele Freunde?
Nur sehr wenige. Eileen Ford, die gerade 90 geworden ist, ist seit 64 Jahren meine Mentorin und beste Freundin. Als sie nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Modelagentur gründete, begann meine Lebensschule. Denn was wusste ich schon, etwa vom Krieg? Dass die Jungs aus meinem Quartier, die Sullivan-Brüder, im Schiff untergegangen waren; dass sich aus der Silberfolie der Zigarettenpackungen Tiere basteln ließen – das war alles, was ich kannte.

Sie machen einen angstfreien Eindruck. Liegt das auch an Ihrer frühen schweren Krankheit?
Ich habe meine Mutter und die katholische Kirche überlebt. Seitdem kann mich nichts mehr umhauen.


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