bedeckt München 27°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 17/2012 Aus dem Magazin

»Toleranz ist keine Lösung für Rassismus.«

Tobias Haberl  Fotos: Heji Shin

Der Dramatiker René Pollesch ist Antikapitalist, Antirassist und Feminist. Trotzdem glaubt er weder an die Liebe noch an Rücksicht. Gespräch mit einem Radikaldenker.

Anzeige
René Pollesch, 49, mit seinem einzigen Jackett.


SZ-Magazin: Herr Pollesch, in Ihrem Stück Kill your Darlings!, das Anfang des Jahres an der Berliner Volksbühne uraufgeführt wurde, geht es um die Menschenfeindlichkeit sozialer Netzwerke. Trotzdem sind Sie bei Facebook. Warum?
René Pollesch: Warum? Oh Gott, ich weiß es nicht. Ich kann Ihnen sagen, was ich nicht bei Facebook mache.

Was denn?
Ich halte nicht mit Freunden Kontakt. Ich poste keine Premierentermine. Ich schreibe nicht, was ich gerade so mache.

Dafür, dass Sie nichts machen, haben Sie ganz schön viele Freunde, nämlich 5000.
Angefangen hat es als eine Art Sport. Ein Wettbewerb mit einer befreundeten Schauspielerin. Irgendwann habe ich alle Freundschaftsanfragen angenommen. Vor einem Jahr habe ich eine beiläufige Bemerkung gepostet, als mich eine Frau angriff, was mir als politischem Autor eigentlich einfalle, so eine Belanglosigkeit zu verbreiten, während in Ägypten der Teufel los sei.

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe mir ihr Profil angesehen. Es war gepflastert mit politischen Aufrufen. Danach bin ich auf ihre Homepage. Die Frau hatte zuletzt einen Tango-Liederabend veranstaltet und ein Theaterstück mit Jopie Heesters inszeniert.

Nicht schlimm, oder?
Nein, aber sie macht eben ganz andere Sachen, als ihr Facebook-Profil suggeriert. Sie konnte ja davon ausgehen, dass es bei mir umgekehrt ist. Ich mache wenigstens keine Tangoabende. Und das ist so umständlich an Facebook. Dass man immer googeln muss, um herauszufinden, was die Leute wirklich machen.

Halten Sie Facebook für eine gute oder schlechte Sache?

Ich glaube, wir wissen noch nicht, wozu es gut sein kann. Neulich meinte ein Freund zu mir, dass Warhol Facebook bestimmt toll gefunden hätte. Vielleicht hätte er dieses Netzwerk geknackt. Vielleicht hätte er herausgefunden, wie wir es wirklich gebrauchen können. Bisher wollen die Menschen sich nur miteinander verbunden fühlen, und zwar durch das, was sie lieben. Ich glaube aber nicht, dass die Liebe das geeignete Instrument ist, um Menschen miteinander zu verbinden.

Das müssen Sie erklären.
Ich glaube, dass die Liebe uns eher trennt. Sie hat keinen Gebrauchswert. Wir schaffen es nicht, durch die Liebe zu einer Gemeinschaft zu kommen, die mehr ist als bloße Geselligkeit.

Ihr neues Stück hatte gerade an den Münchner Kammerspielen Premiere. Es heißt Eure ganz großen Themen sind weg!
Und die Liebe ist eines davon. Immer wird gesagt, die Liebe sei für alle da und stehe genau wie der Himmel jedem offen. Ich kann das nicht bestätigen. Ein Beispiel: Wenn man vor Freunden sagt: »Ich wurde verlassen, und ich werde mich heute umbringen«, sagen die Freunde: »Bist du verrückt? Das Leben geht weiter, es gibt doch noch andere.«

Die Erfahrung zeigt, dass sie recht haben.
Aber der Liebende will das nicht hören. Er empfindet nichts als Schmerz und sagt sich: »Moment mal, ihr habt mir doch immer erzählt, dass es im Leben um die Liebe geht. Nun habe ich sie verloren. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als mich umzubringen.« Die beiden Parteien verstehen sich nicht, keine weiß, wovon die jeweils andere spricht. Es handelt sich um einen unlösbaren Konflikt: das große Gefühl auf der einen Seite, das lange Leben auf der anderen. In einer Gesellschaft, in der keiner mehr raucht und alle Fahrradhelme tragen, wollen alle so lange wie möglich leben. Der Liebende aber will kein langes Leben, er will das große Gefühl.

Anzeige

Wer hat Ihre Sympathie: der Romantiker, der sterben will, oder der Pragmatiker, der weiterlebt?
Es geht nicht darum, sich zu entscheiden, sondern zu erkennen, dass wir beides wollen, ein langes und ein intensives Leben, aber beides nicht geht. Noch ein Beispiel: Wenn ich früher einer Essenseinladung zugesagt habe, bin ich auch hingegangen. Wenn ich heute eine Stunde vorher einen geschäftlichen Anruf bekomme, melde ich mich bei den Gastgebern und sage: »Ihr seid mir sehr wichtig, aber ich muss leider woanders hin.« Und die Katastrophe ist, dass die mich auch noch verstehen.

Warum sind sie nicht gekränkt?
Weil Verbindlichkeit keine Kategorie mehr ist. Verfügbare Menschen sind beliebter, angesehener, erfolgreicher. Der Stil von Carsten Maschmeyer, viele Menschen kennen, Netzwerke bilden, überall dabei sein. Verbindliche Menschen gelten als langweilig.

Dafür sind sie sympathisch.
Ich weiß, was Sie meinen. Meine Eltern waren auch 50 Jahre verheiratet. Aber auch Verbindlichkeit kann problematisch sein.

Warum?
Weil sie Alltagstrott erzeugt und man alle anderen Optionen ausschlagen muss. Verbindlichkeit und Verfügbarkeit stehen sich unvereinbar gegenüber. Wir wollen immer eine Lösung. Die Wahrheit ist: Wir müssen aushalten, dass es keine gibt.

Aber was kann uns verbinden, wenn nicht die Liebe?

Vielleicht sollte nicht die Ähnlichkeit zwischen uns die Grundlage einer Kommunikation sein, sondern unsere Differenz. Bisher sortieren wir alles aus, was nicht passt. Aber es gibt ja nicht nur Männer, sondern auch Frauen mit Bartwuchs, und die rasieren und wachsen sich, damit sie aussehen wie die Frau aus dem Biologiebuch. Oder denken Sie an die Arche Noah. Angeblich steht sie für Vielfalt, in Wahrheit ist sie das genaue Gegenteil: zwei Eisbären, zwei Gorillas, zwei Elefanten, immer ein Männchen und ein Weibchen. Was aber ist mit dem schwulen Pavian und dem transsexuellen Zebra? Schon Brecht hat gejammert: »Penis und Vagina, immer nebeneinander, immer dasselbe.« Wir haben übrigens auch ein Problem bei der Auseinandersetzung mit dem Rassismus. Wir bearbeiten ihn mit Toleranz, aber Toleranz ist keine Lösung für Rassismus.

Warum nicht?
Weil es keine Rolle spielt, ob unsere besten Freunde Migranten sind, wenn wir Hamlet, damit er »richtig« verstanden werden kann, nicht mit einem Schwarzen besetzen. Das Problem des Rassismus ist in erster Linie das Problem der Repräsentation. Vor allem im Theater.

Was meinen Sie damit?
Gerade gab es eine Debatte, ob es rassistisch ist, wenn ein weißer Schauspieler schwarz angemalt wird, um eine schwarze Figur zu spielen. Es ist aber auch rassistisch, die Minirolle eines Türken im Stück mit einem türkischen Schauspieler zu besetzen. Dem Repräsentationstheater, damit meine ich das klassische Dialogtheater, geht es um universelle Lesbarkeit. Aber wenn in einer Szenenanweisung von Samuel Beckett steht: »Ein Mensch betritt die Bühne«, hat man automatisch einen weißen heterosexuellen Mann vor Augen. Das ist das Problem.
Seite 1 2 3

Tobias Haberl sprach drei Stunden mit René Pollesch im Musikzimmer der Münchner Kammerspiele. Nach dem Interview war der Aschenbecher so voll, dass er ihm an dieser Stelle - auch wenn das anscheinend nicht geht - ein langes UND intensives Leben wünschen möchte.

  • Aus dem Magazin

    Hört die Signale

    Die SPD war einmal eine stolze Volkspartei, heute dümpelt sie in Umfragen bei 20 Prozent. Wie konnte das passieren? Und was müsste sich ändern? Wir haben jemanden gefragt, der die Geschichte der Partei selbst erlebt hat: Luise Nordhold, Parteimitglied seit 1931.

    Von Wolfgang Luef
  • Anzeige
    Aus dem Magazin

    Um Jahresbreite

    Das Jahr 2015 war gleichzeitig dramatisch, traurig, absurd und amüsant. In unserem Quiz können Sie die Ereignisse der vergangenen zwölf Monate Revue passieren lassen.

    Von Till Krause, Wolfgang Luef und Johannes Wächter
  • Aus dem Magazin

    Sagen Sie jetzt nichts, Mark Ronson

    Mit »Back to Black« von Amy Winehouse wurde der Musikproduzent Mark Ronson weltbekannt. Im Interview ohne Worte geht es um Hipster in New York, seine Kindheit mit sieben Geschwistern und seine streng jüdische Erziehung.