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aus Heft 18/2012 Musik

Ein Punk wird 50

Tobias Haberl und Gabriela Herpell  Foto: Robert Eikelpoth

… und feiert die erste Geburtstagsparty seines Lebens. Ein Gespräch mit Campino über rare Glücksmomente, seinen Sohn und Minigolf.



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(Die Toten Hosen in der Besetzung der frühen 80er-Jahre: v.l. Breiti; Andi; Trini; Kuddel; Campino. Foto: Interfoto/Archiv Friedrich.)

SZ-Magazin: Sie werden in wenigen Wochen 50 Jahre alt. Nervös?
Campino: Nein, ich habe den Vorteil, dass ich mich schon lange wie 50 fühle.

Jetzt kokettieren Sie.
Nein. Meine Midlife-Crisis hat begonnen, als ich in der 7. Klasse zum zweiten Mal sitzen geblieben bin. Ständig bekam ich gesagt: »Andreas Frege, Sie sind hier der Älteste, Sie sollten es doch besser wissen.« Mit 50 komme ich also endlich da an, wo man mich schon immer verortet hat.

Ein Punk wird 50 - könnte ein schwieriger Tag werden.
Keine Sorge, Sie erwischen mich nicht beim Jammern, das wäre doch armselig. Ich fühle mich wie die Figur aus einem Computerspiel. Es gibt Leute, die fliegen bei Level 20 oder 30 raus, ich hab’s bis Level 50 geschafft und noch ein bisschen Energie übrig. Klar habe ich Beulen abbekommen, aber wenn ich was im Leben gelernt habe, dann, dass man an so einem Tag Haltung bewahren muss.

Werden Sie feiern?
Wir spielen am Abend davor und danach ein Konzert, aber ein paar Wochen später mache ich mit zwei Freunden ein großes Fest. Zelten am See. Viele Leute. Viel trinken. Laute Musik. Wer keine Lust auf Zelten hat, braucht nicht zu kommen. Das wird meine erste und letzte richtige Party.

Ihr ganzes Leben war eine Party.

Aber ich war immer nur Gast. Ich hatte immer ein gestörtes Verhältnis zu meinen Geburtstagen. Ich wusste nicht, was es da zu feiern geben soll, und organisierte Fröhlichkeit mag ich nicht. Vielleicht weil meine Mutter mich zum 19. Geburtstag mit einer Party überrascht hat. Ich weiß noch, wie froh ich war, weil ich dachte, keiner hat meinen Geburtstag mitbekommen, und dann standen auf einmal alle auf der Matte.

Warum tun Sie sich dann die Feier an?
Weil jeder einmal im Leben da durch muss: Einladungskarten schreiben, den Diener machen, Gastgeber sein.

Ihr Sohn ist acht Jahre alt. Darf er mit oder ist er noch zu jung?

Natürlich ist er dabei. Er muss ja nicht durchmachen, darf aber gern ein paar Eier zum Frühstück braten.

Was machen Sie heute, wofür Sie sich 1982 verachtet hätten?
Da fällt mir nicht viel ein. Vielleicht, dass ich heute täglich dusche und ab und zu Parfum benutze.

Vielleicht Rotwein trinken?
Rotwein war nie ein Problem. Wir haben doch alles zu uns genommen, was genug Umdrehungen hatte.


(Campino heute. Foto: Robert Eikelpoth)

Gibt es Dinge, die Sie bereuen?
Jede Menge. »No regrets« ist das dümmste Statement der Welt. Nichts zu bereuen ist tragisch. Das fängt bei mir schon mit den Namen an: Campino, Die Toten Hosen. Wenn ich geahnt hätte, was die Zukunft bringt, hätte ich mir damit mehr Mühe gegeben. Oder dass ich mit 20 Jahren sturzbetrunken nach Konzerten in die Kaserne gefahren bin.

Sie waren bei der Bundeswehr?
Nur ein paar Monate, bis meine Verweigerung durch war. Oft war ich so voll, dass ich auf der Autobahn anhalten musste, um die Schilder zu lesen. Es gab eine Zeit, da habe ich immer wieder Kontrollverlust und Exzess gesucht. In mir steckte eine gewisse Selbstzerstörungswut. Ich glaube nicht, dass die noch existiert. Hoffentlich ist mein Sohn da anders.

Der Punk, der zum autoritären Vater wird - ganz schön gemein.
Ich will nur verhindern, dass er die Erfahrungen macht, die ich mir herausgenommen habe. Ich habe Angst um ihn, genau wie mein Vater Angst um mich hatte. Meine Eltern waren eine autoritäre Institution, aber nicht die Personen meines Vertrauens. In einer Großfamilie mit sechs Kindern ist das oft so. Für ernste Gespräche habe ich mir
lieber den großen Bruder genommen.

Was an Ihnen ist auch mit fast 50 noch nicht bürgerlich?
Ich habe nie versucht, nicht bürgerlich zu sein. Ich weiß nicht, was falsch daran sein soll. Kleines Haus, schönes Auto, zwei Kinder, alles wunderbar.

Trotzdem haben Sie sich für einen anderen Weg entschieden.
Ich habe viel weniger entschieden, als Sie denken. Ich bin in dieses Leben reingeraten und zahle einen Preis dafür, genau wie man für jedes andere Leben einen Preis zahlt.

Jetzt jammern Sie doch.
Nein, ein Musikerleben hat auch Nachteile. Zum Beispiel ist es eine riesige Belastung für den Partner. Man kommt schwerer in eine Tiefe, die andere Paare erreichen, die mehr und intensiver Zeit miteinander verbringen können. Abgesehen davon, dass ich als Junge lange ein einsamer Bauarbeiter werden wollte, weil die ihr Bier aus Flaschen trinken dürfen, wäre ein richtiges Familienleben eine Alternative gewesen. Aber die hat sich für mich nun mal nicht geboten. Bekannte aus Düsseldorf haben vor Kurzem das zwölfte Kind bekommen, das ist Punkrock in Reinkultur. Besser geht’s nicht.

Auf dem neuen Album besingen Sie die Magie des Aufbruchs, den Moment, in dem man alles hinter sich lässt. Traurig, dass das nicht mehr möglich ist?

Ich verstehe nicht, was Sie meinen.

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Tobias Haberl und Gabriela Herpell

waren nach dem Interview mit Campino zu einem der berühmten Wohnzimmerkonzerte der Toten Hosen eingeladen. In Plauen, Sachsen. Fußballvereinsheim. Ungefähr 40 Fans, ganz junge und fast alte. Tolle Sache.

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