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aus Heft 19/2012 Aus dem Magazin 4 Kommentare

Bretter, die die Welt bedeuten

Das gleiche Regal, verschiedene Aussichten: Wenn Menschen bei Straftaten psychisch krank waren, kommen sie nicht ins Gefängnis, sondern in den Maßregelvollzug. So lang, bis sie als »nicht mehr gefährlich« gelten. Wie richtet sich jemand ein, der nicht weiß, wann er wieder rausdarf?

Von Christa Pfafferott  Fotos: Christa Pfafferott




Herr B.
Delikt Mord
Diagnose Paranoide Schizophrenie, Cannabis-Abhängigkeit
Unterbringungsdauer seit Juni 2005
Lockerungsstufe 3 (darf allein auf das Gelände, aber nur zu vorher festgelegten Zwecken)

»Ich mag Frauen. Vor allem, wenn sie schön geschminkt sind. Ich habe mich mit der Bibel beschäftigt. Eva hatte eben Lust und Verlangen nach etwas anderem. So sind Frauen. Die wollen ausgeführt werden und was zum Anziehen haben. Die mögen es, wenn man sich um sie kümmert. Ich mag es, dass man sich mit Frauen gut präsentieren kann.«

50 mal 80 Zentimeter, das ist der Platz von Frau B. und Herrn T., der kleine Raum, auf dem sie zeigen können, was sie besitzen, was ihnen wichtig ist, woran sie sich festhalten. 50 mal 80 Zentimeter messen die Regalbretter über den Betten in der Klinik Nette-Gut für Forensische Psychiatrie in der Nähe von Koblenz. 380 Menschen leben hier - 20 Frauen und 360 Männer - Sexualstraftäter, Mörder, Pädophile, Gewaltverbrecher, Dealer; Menschen, vor denen die Gesellschaft Angst hat; Menschen, die manche gern für immer wegsperren würden.

Jeweils zwei von ihnen teilen sich in der Regel ein Zimmer: ein Bett für jeden, ein Schrank für jeden, ein Regal für jeden. Sie alle haben unter dem Einfluss einer psychischen oder einer Suchterkrankung Straftaten begangen und wurden von einem Gericht meist für schuldunfähig oder vermindert schuldfähig erklärt. Deswegen sind sie nicht im Gefängnis, sondern im Maßregelvollzug, »zur Besserung und Sicherung«, wie es offiziell heißt. Wer krank ist, ist nicht schuld. Und wer nicht schuld ist, kann seine Strafe nicht nach einer festgelegten Zeit verbüßen. Er wird freigelassen, wenn er keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit darstellt.

Wie schwierig es aber ist, eine endgültige Wahrheit zwischen geistiger Gesundheit und Krankheit zu finden, zeigt sich gerade im Prozess gegen den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik und die unterschiedlichen Bewertungen seiner psychischen Zurechungs- und damit Schuldfähigkeit. Denn wann ist ein Mensch psychisch gestört? Wann ist er allgemeingefährlich und wann geheilt? Das wurde auch vor dem Prozess in Oslo in letzter Zeit immer wieder diskutiert, seitdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Praktiken der Sicherungsverwahrung in Deutschland kritisierte, bei der Menschen nach der Haftstrafe weiter auf unbestimmte Zeit eingesperrt werden können.

Seitdem das Bundesverfassungsgericht die nachträglich verhängte Sicherungsverwahrung als verfassungswidrig erklärt  hat, wird vor Gericht, vor allem aber in Zeitungen und Talkshows weiter diskutiert: Es geht um Sicherheit und Würde, um gesetzliche und gefühlte Gerechtigkeit; es geht um Hafturlaub, der Tätern den Kontakt zum sozialen Außen ermöglichen soll. Und es geht um Schmerzensgeld, das denen zugestanden werden soll, die andere verletzt haben und die selbst verletzt wurden, weil sie rechtswidrig in Sicherungsverwahrung gehalten wurden. Lässt man Täter zu früh frei, ist die allgemeine Sicherheit bedroht. Hält man sie zu lange fest, verletzt man ihr Menschenrecht auf Freiheit. Das ist das Dilemma. Frei kommt, wer nicht mehr gefährlich ist. Das gilt auch im Maßregelvollzug: Doch bis zu dieser Einschätzung kann es Jahre dauern.

Die Klinik Nette-Gut liegt abgeschieden inmitten weiter Felder, in der Nähe verläuft eine Schnellstraße. Ein doppelter Zaun mit Stacheldraht umgibt das Gelände. Besucher müssen durch eine Schleuse wie am Flughafen und ihre Handys abgeben. Manche Patienten sind seit 25 Jahren in der Klinik, andere sind erst vor ein paar Monaten hierher gekommen. Manche sind psychisch schwer krank, einigen merkt man die Krankheit kaum noch an. Verschiedene Lockerungsstufen legen fest, wie frei sich die Patienten auf dem Gelände bewegen dürfen. Insgesamt gibt es neun Stufen: Stufe 1 bedeutet, man darf das Gelände nur mit Personal betreten; Stufe 4, man darf das Gelände mit Personal verlassen; Stufe 9 heißt, der Patient ist beurlaubt und kann versuchen, ein weitgehend normales Leben in Freiheit - allerdings unter Betreuung der Klinik - zu beginnen.

Den Patienten war es wichtig, anonym zu bleiben. Sie haben eine Ahnung davon, wie viel Ablehnung ihnen außerhalb der Klinik entgegenschlägt. Sie wollen nicht, dass ihr Leben in Freiheit noch schwerer wird, vorausgesetzt, sie können die Klinik überhaupt irgendwann verlassen. Dafür durften wir ihre Regalbretter fotografieren und fragen, was ihnen der kleine Fleck Atmosphäre bedeutet. »Es ist schon so, sagt ein Betreuer, dass man vom Zustand des Patienten schließen kann.« Ein Satz, der wahrscheinlich nicht nur für Patienten gilt.

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Kommentare

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  • Vincent Laenen (0) Transsexualismus wird psychologisch klassifiziert als Form der Geschlechtsidentitätsstörung. Allerdings ist das ein unwissenschaftlicher Begriff der Psychoanalyse und wird bemängelt, da er wertend ist und ist Auslöser für weltweite Transphobie, Diskriminierung und Menschenrechtsverletzung.
  • Jeanne Ruffing (0) Fällt hier eigentlich niemandem auf, dass psychisch kranke Menschen für Zeiträume eingesperrt werden, die bei einem "normalen" Straftäter (was immer das sein mag) juristisch grenzwertig bzw. völlig unmöglich wären? 10 Jahre hinter Gittern wegen "Bedrohung"?? Hier müsste der Artikel die Frage stellen, ob der Schutz der Allgemeinheit und die Beschränkung der Freiheitsrechte wirklich noch in einem sinnvollen Verhältnis stehen - oder zumindest Hintergrundinformationen liefern, die eine solche Maßnahme nachvollziehbar machen.
  • August Singer (0) Super Geschichte und ein wunderbar passender Titel. Kompliment.
  • Franziska Deckert (0) Warum ist "Transsexualismus" eine Diagnose? Und warum ist es eine psychische Störung? (Ich frage nicht um zu provozieren sondern weil ich darüber verwundert bin)