aus Heft 21/2012 Männer 4 Kommentare
Stirb langsam
Sauna-WM in Finnland: Zwei Männer im Kampf um den Titel. Ein Toter. Wie konnte das passieren? Eine Geschichte über schrecklich falsch verstandene Männlichkeit.
Von Sacha Batthyany Fotos: Jussi Puikkonen
In Finnland gibt es sogar eine nationale Sauna-Gesellschaft. Ihr Direktor Kristian Miettinen hält allerdings wenig von der Sauna-WM. »Das ist ein Wettbewerb für Verrückte«, sagt er.
Sechs kräftige Männer in Badehosen betreten die Sauna, sie wissen, es wird die Hölle, man sieht es in ihren Gesichtern. Sie setzen sich auf die Holzbank, verschränken ihre Arme über den Bierbäuchen, vergraben ihre Fingerkuppen in den Achselhöhlen und krümmen sich, als frören sie, dabei herrschen 117 Grad. Draußen, auf den Tribünen, jubeln ihnen zweitausend Zuschauer zu, sie trinken Bier aus Plastik-bechern und essen Makkara, hautfarbene Bratwürste, die nach Mehl schmecken. In den nächsten zehn Minuten wird ein neuer Sieger erkoren, es ist der Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens in Heinola, einer Kleinstadt an der finnischen Seenplatte, bekannt unter Anglerfreunden und Kajak-Enthusiasten: Das Finale der Sauna-Weltmeisterschaft hat begonnen.
Der Erste, der die Sauna verlässt, ist Markku Mustonen, ein erfahrener Saunagänger, der wöchentlich trainiert und schon einige Turniere gewonnen hat. Mustonen hält es gerade mal zwei Minuten und 15 Sekunden lang aus, so steht es im Polizeibericht, Akte 8210/S/4474/10. Kopfschüttelnd verlässt er die 16,3 Kubikmeter große Glaskiste, die von Weitem aussieht wie eine Gondel, und verzieht sich unter die kalte Dusche.
In den nächsten zwei Minuten verlassen drei weitere Teilnehmer die Sauna, in der Bedingungen herrschen wie in einem Dampfkochtopf; ihre Haut ist so rot wie die Panzer der finnischen Flusskrebse in kochendem Wasser. Übrig bleiben zwei: Timo Kaukonen, Metallarbeiter aus Lahti, blondes, halblanges Haar, fünffacher Sauna-Weltmeister, in Finnland kennt ihn so ziemlich jedes Kind. Und Wladimir Ladyschenski, ein Amateurringer aus Nowosibirsk. Ein Fremder. Ein Russe.
»Ich gewinne um jeden Preis«, hatte er zu seiner Frau und seiner Tochter gesagt, bevor er das Flugzeug nach Finnland bestieg.
T-I-M-O – T-I-M-O!, rufen die Zuschauer von den Rängen, die Sonne scheint an diesem ersten Augustwochenende 2010, die Luft ist voller Bier und Bratöl und Mücken, die Dramaturgie ist perfekt: Mann gegen Mann, Freund gegen Feind, 114 Grad Celsius, 17,2 Prozent Luftfeuchtigkeit. Der Ofen heizt schonungslos mit einer Energie von über 16 Kilowattstunden, genug für einige Einfamilienhäuser. Der Wasserdampfdruck ist so hoch, dass der Schweiß nicht mehr verdunstet und den Körper nicht mehr kühlt. Alle 30 Sekunden wird ein halber Liter Wasser auf die Steine gegossen, so will es das WM-Reglement. Timo hält den Daumen hoch, 5 Minuten 22 Sekunden, Wladimir hält den Daumen hoch, 5 Minuten 30 Sekunden, als Zeichen, dass sie noch bei Bewusstsein sind, auch das gehört zu den Vorschriften. Die Kameras filmen jede Regung aus dem Inneren und schicken die Bilder übers Internet um die ganze Welt. Die Sekunden verstreichen, die Zuschauer saufen, das Wasser in der Sauna zischt, der Dampf sticht beim Einatmen, als esse man Reißnägel, wird später einer der Finalteilnehmer sagen. Zwei Minuten darauf ist alles vorbei. Der Russe tot - die Kameras übertragen, wie er langsam verbrennt, bei 116 Grad, 23,2 Prozent Luftfeuchtigkeit. Timo verliert das Bewusstsein.
Warum ist er nicht früher aus der Sauna, warum ist er sitzen geblieben? Timo Kaukonen sitzt an seinem Küchentisch und trinkt Filter-kaffee. Wie alle Finnen mag er ihn gern schwach, dafür mit extra viel Milch. Es ist lange her seit jenen Minuten im Finale, die aus seinem Kopf verschwunden sind, alle Erinnerungen im Hirn — wie verdampft. Timo lag drei Monate im Koma, wochenlang im Spital, die Niere blockiert, 70 Prozent der Haut verbrannt, die Lungen beschädigt, der Chefarzt der Töölö-Klinik in Helsinki, Jyrki Vuola, spricht in der Tageszeitung Helsingin Sanomat von einem Mysterium: Wie kann ein normaler Mensch so was überleben?
»Ich war ein Idiot«, antwortet Timo nach einer langen Pause. Er hat starke Finger, breite Schultern, er ist einer, der sein Schicksal trägt, der die Scheiße, die das Leben so mit sich bringt, im Stillen schultert, ohne viel darüber zu reden. Den Psychologen, die ihm helfen wollten, »das Trauma zu verar-beiten«, antwortete er: »Welches Trauma?«
6 Minuten 06 Sekunden: Wasser wird auf die Steine gegossen. 115 Grad, 21,3 Prozent Luftfeuchtigkeit. 6 Minuten 10: Timo hält den Daumen hoch. Sein Gesicht wirkt laut Polizeibericht, Akte 8210/S/4474/10, aufgedunsen.
Mehr als 20 Mal hat sich Oberkommissar Sami Lilja das Video aus dem Inneren der Sauna angeschaut und immer wieder »neue Details gefunden«. Lilja hat die Untersuchung geleitet, die in Finnland über Monate für Schlagzeilen sorgte. Er ist ein erfahrener Polizist, einer, den man für die großen Dinger holt, wie das Schulmassaker von Jokela 2007, wie den Amoklauf von Kauhajoki 2008. An seinen Wänden hängen Bilder von Leichen, er sei einem Serienkiller auf der Spur, alles streng geheim, sagt Lilja in seinem kleinen Büro, Vantaa-Polizeistation, in der Nähe des Flughafens Helsinki.
»Timo ist ein Tier. Für viele Finnen war er schon vor diesem Tag ein Vorbild. Ein echter Champion. Seit dem Sommer vor zwei Jahren ist er für sie ein Held.« Warum?
»Warum? Weil er nicht davonrannte.«
Timo führt durchs Haus, vorbei an der Vitrine mit den Sauna-Pokalen, den Zinnbechern, an den Wänden hängen Indianerbilder, ein Bogen, bunte Federn. »Schon als Kind fühlte ich mich zu Indianern hingezogen«, sagt er heiser, auch seine Stimmbänder sind versengt, »als ich aus dem Koma erwachte, habe ich dauernd von Indianern geträumt. Zumindest ist meine Haut nun ähnlich rot«, sagt er ohne zu lachen. Er geht hinaus in den Garten, um die Sauna zu zeigen, die er sich gebaut hat. Doch seit den Verbrennungen kann er seine Beine schlecht beugen, weil die Haut zu sehr spannt. Timo hat sich einen Tempel aus Erlenholz gezimmert, doch er kommt kaum rein.
Drinnen riecht es, wie es immer riecht, nach Holz und Harz-warzen, nach Ruß und nassem Stein. »Ich darf seit dem Finale keine heiße Sauna mehr betreten«, er habe solche Brandnarben, dass er nicht mehr schwitzen könne. Seiner Frau sage er, sie solle die Tür offen lassen, nachdem sie drin war, damit er wenigstens die Dämpfe riecht. Den Geruch dieses Landes. Den Geruch seiner Kindheit.
Alles beginnt in der Sauna, sagen Finnen, auch Timo wuchs mit Löyly auf, dem Dampf, der nach dem Aufguss entsteht. Er hat vier Geschwister, einen abwesenden Vater, »dem ich nur in der Sauna an den Wochenenden näher kam«. Die Sauna sei der zentrale Ort der finnischen Familie, dort, wo gemeinsam gelacht, geschwiegen, gestritten wird, wo man sich gegenseitig mit Birkenzweigen auspeitscht und sich den Rücken schrubbt, sagt Kristian Miettinen, der Direktor der Sauna-Gesellschaft, der aussieht und spricht wie der englische Monty-Python-Schauspieler John Cleese. Viele Familien in Finnland warten auch heute noch den gemeinsamen Saunagang ab, um unangenehme Dinge wie Krankheiten oder Eheprobleme zu besprechen. Saunas sind geschützte Räume, ohne Ablenkung, ohne Börsenkurse, Krisengipfel, Steuererklärungen, die es den verstockten Finnen erlauben, sich ein wenig zu öffnen. Eine Sauna wirkt wie eine Beichte: Man zieht sich aus, lässt seine Uniform, seinen akademischen Titel am Garderobenhaken, setzt sich nackt auf die Bank, wartet, bis sich die Poren öffnen, lässt den ganzen Dreck hochkommen, leidet in Maßen und geht reingewaschen wieder raus. Die Finnen sagen es so: Erst wenn Schnaps und Sauna nicht mehr helfen, geht’s dir richtig beschissen.
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22 Uhr 53
"Timo Kaukonen sitzt an seinem Küchentisch und trinkt Filter-kaffee. Wie alle Finnen mag er ihn gern schwach, dafür mit extra viel Milch."
Wenn der Autor Stereotype benutzt, um eine vermeintlich "passende Stimmung" zu erzeugen, wird es jedoch verletzend:
"Draußen schieben klein gewachsene Mütter ihre blassen Babys durch leere Einkaufsstraßen."
Es hört sich aber alles auf, wenn dann noch Rassismus ins Spiel kommt:
"an den Wänden hängen Indianerbilder, ein Bogen, bunte Federn. »Schon als Kind fühlte ich mich zu Indianern hingezogen«, sagt er heiser, auch seine Stimmbänder sind versengt, »als ich aus dem Koma erwachte, habe ich dauernd von Indianern geträumt. Zumindest ist meine Haut nun ähnlich rot«"
Bitte ersparen Sie uns in Zukunft solche Artikel, für die man sich fremdschämen muss und informieren Sie sich über diskriminierungsfreie Sprache im Journalismus. Danke.
13 Uhr 04
Timo, Reijo und Markku sind gute Freunde von mir und wir treffen uns mehrmals im Jahr um gemeinsam in der Sauna zu sitzen und Wettkämpfe auszutragen, die es selbstverständlich in Finnland und in Deutschland immer noch gibt.
Wie Leo Pusa kurz nach der Tragödie von Heinola im finnischen Fernsehen sagte, findet jedes Wochenende irgendwo in Finnland ein kleiner Saunawettkampf statt und in all den Jahren ist es -- mit der einen Ausnahme -- nie zu einem tödlichen Unfall gekommen.
Saunawettkämpfe wird es selbstverständlich auch zukünftig geben, letztes Wochenende fand in der Nähe von Joutseno der Saimaan Löyly Cup statt, in zwei Wochen beginnt die deutsche Meisterschaft in Stralsund, im Oktober ist ein Wettkampf in Imatra, im Dezember das "Thermische Quartett" in Kleinostheim und so weiter.
Timo hat sich mittlerweile prächtig erholt, geht wieder jeden Tag in die Sauna und würde auch gerne wieder an Wettkämpfen teilnehmen, allerdings gibt es da ein kleines Problem. Auf meine Frage wann er wieder dabei sei, antwortete er lächelnd: "Das wäre zu gefährlich für mich. Der Löyly kann mich zwar nicht umbringen, aber Nini würde es tun."
Zum Juhannus-Fest werden sich wieder alle treffen und man muss kein Hellseher sein um zu wissen, dass auch diesmal wieder mehrfach getestet werden wird, wer am meisten Löyly aushalten kann. Möglicherweise ist es diesmal wieder Timo. Das Indianer-Tattoo will er übrigens demnächst wieder nachstechen lassen. Dann ist die Seele wieder komplett.
14 Uhr 13
Was mich sehr irritierte sind jedoch Sätze wie "Alle Finnen trinken den Kaffee schwach" - gefolgt von weiteren starken Verallgemeinerungen, die sich irgendwie auf "den Finnen als solchen"... beziehen.
Naja, ich lebe jetzt seit eineinhalb Jahren in Finnland und habe derartige Eigenheiten weitestgehend nicht entdeckt. Vor allem machen die Finnen im allgemeinen eben keinen Wettkampf aus der Sauna: Ich kenne etliche Finnen, die gern auch bei nur 60°C in die Sauna gehen, dann eben länger bleiben - aber nie zu lange. Es sollte stets angenehm bleiben.
Wie gesagt, gut geschriebener Artikel - aber das Anreichern mit Verallgemeinerungen und Klischees war vollkommen unnötig... Und Dumme gibt es eben überall.
17 Uhr 35
Ansonsten zeigt der Artikel aufs erschreckende wie bekloppt Leute seien können, der Verweis auf Sisu macht das nicht wirklich besser.