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aus Heft 23/2012 Fußball

»Ich tauche in den Muskel«

Seite 2: Der blutige Turban

Interview: Dirk Schönlebe und Werner Bartens 

Müller-Wohlfahrt neben Torwarttrainer Andreas Köpke, Co-Trainer Hans-Dieter Flick und seinem Chef, Jogi Löw (von rechts). Während der EM-Vorbereitung flog Müller-Wohlfahrt mehrmals die Woche zwischen München und dem Trainingslager hin und her.

Forscher behaupten, dass Behandlungserfolge bei Patienten davon abhängen, wer sie behandelt. Ob der Arzt souverän auftritt. Wenn ja, kann er mit der gleichen Behandlung bessere Erfolge erzielen als jemand, der unsicher wirkt. Kann es sein, dass Sie auch deshalb Erfolge feiern, weil jemand das Gefühl hat: Ich bin beim Besten! Ist schon der erste Schritt getan, allein durch Ihren Namen und die Reputation?
Ganz ehrlich: Das wird so sein. Ich erlebe mich ja selbst. Ich fühle mich mittlerweile jeder Aufgabe gewachsen. Ich bekomme vor der Tür eine kurze Anamnese geschildert, Name, Alter, Werdegang, worunter leidet der Patient, weshalb kommt er, bei wie vielen Ärzten war er? Dann sage ich mir: Ja, da kann ich helfen. Ich bin sogar sicher, da kann ich helfen! So komme ich zum Patienten. Der Gesichtsausdruck, das Auftreten. Der Patient nimmt alles in Sekundenschnelle wahr: Da kommt jemand, der fühlt sich sicher, der hat keine Angst vor dem schwierigen Fall – der packt an! Und ich komme mit einem ziemlichen Schwung in das Untersuchungszimmer - wohlgemut! Das trifft es: wohlgemut. Dann kommt das Gespräch. Ich gebe dem Patienten Zeit, sich zu äußern, und Sie können fast sehen, wie er sich öffnet. Das ist, wie wenn sich gleichsam der Brustkorb öffnet und alles herausströmt. Der Patient teilt sich mit. Dann kommt die Untersuchung. Jeder Patient muss sich bis auf die Unterwäsche ausziehen. Danach kommt die Berührung bei der Ganzkörperuntersuchung, und zwar so, dass der Patient spürt: Ich untersuche ihn. Und gleite da nicht oberflächlich über den Rücken. Das hilft der Beziehung zwischen Arzt und Patient sehr. Er gewinnt Vertrauen, und die Distanz zwischen Arzt und Patient wird abgebaut.

Als Sie 1977 als Mannschaftsarzt bei Bayern München anfingen - wie gut waren Sie da?
Damals verstand man unter Sportmedizin hauptsächlich Innere Medizin: Milchsäuretests, Belastungs-EKGs. Orthopäden spielten keine große Rolle. Dadurch, dass ich zu Bayern kam und neue Wege gegangen bin in der Diagnostik, in der Therapie, und immer schon im Stadion die Diagnose mitgeteilt habe, ohne Ultraschall, ohne Kernspin, habe ich ein bisschen mitgeholfen, dass die Sporttraumatologie und Sportorthopädie entwickelt wurden. Aber ich musste das lernen. Und dann war da Uli Hoeneß, der bald Manager des FC Bayern wurde und anfangs mit den Spielern mitgefahren ist in die Praxis und alles genau wissen wollte.

Er war beim Untersuchen dabei?
Ja. Und wir haben alles besprochen: Wie lange dauert das? Was meinst du, was hat er? Wann kann er wieder spielen? Ich sehe das als extreme Förderung. Uli hat mich angeschoben! Ich spürte: Er will mich! Er will mich behalten und mir Zeit geben, mich zu entwickeln.

Gab es nie das Dilemma, dass man als Arzt denkt: Der braucht zwei Monate Pause. Der Verein hat aber im Hinterkopf: am liebsten nächste Woche wieder spielen lassen!

Da habe ich das Glück, dass ich Uli Hoeneß hinter mir weiß, er sagt eher: Nimm dir die notwendige Zeit.

Der blutige Turban von Dieter Hoeneß - würde es so was heute bei Ihnen noch geben?
Ja. (Pause) Sie müssen dazu wissen, die Wunde an Dieters Stirn war sehr klein. Die Blutungen an der Kopfhaut sind aber unverhältnismäßig stark. Blutstillende Präparate, die in Sekunden wirken, gab es damals noch nicht.

Geraten Sie manchmal in eine Art Gewissenskonflikt? Sie sind Arzt bei Bayern und der Nationalmannschaft. Nun kommen Spieler aus allen möglichen Vereinen und Ländern, die Konkurrenten sind von Bayern oder der Nationalmannschaft. Gibt es das nie, dass Uli Hoeneß oder Jogi Löw sagen: Behandle den doch bitte nicht auch noch?

Niemals. Das ist zu Erich Ribbecks Zeiten grundsätzlich besprochen worden. Da wurde klar ausgemacht: Es geht uns nicht darum, dass wir gegen angeschlagene Gegner gewinnen. Wir wollen gegen den bestmöglichen Gegner gewinnen. Doktor, du hast von uns das Okay. Damit war das ein für alle Mal geklärt.

Haben Sie schon Patienten abgelehnt?
Wegen meiner vielen terminlichen Verpflichtungen beim FC Bayern, der Nationalmannschaft und gegenüber meinem großen bestehenden Patientenstamm schaffe ich es nicht immer, allen Terminanfragen und -wünschen gerecht zu werden. Aber wenn jemand um meine Hilfe bittet, bin ich generell jedem gegenüber bereit, zu helfen.

Jedem? Auch einem Kassenpatienten?
Ja. Aufgrund meiner Erziehung.

Wie sah die aus?
Ich bin dankbar, eine christliche Erziehung erfahren zu haben. 15 Jahre lang habe ich Kassenpatienten an manchen Tagen bis Mitternacht behandelt. Meine Behandlung ist sehr aufwendig. Ich nehme mir viel Zeit und wende eine umfangreiche Therapie an. Ich arbeite mit homöopathischen Mitteln, die ich zum Beispiel in Triggerpunkte und Akupunkturpunkte infiltriere. Weil diese Behandlung nicht in das normale Muster einer Patientenbehandlung passte, musste ich alle Vierteljahre zur Kassenärztlichen Vereinigung zum Rapport. Die haben mich gefragt: Warum arbeiten Sie mit so viel Aufwand? Ziehen Sie eine Bilanz, habe ich gesagt. Wenn ich drei Behandlungen mache, möchte ich erreicht haben, dass keine weiteren Behandlungen notwendig sind. Und jetzt schauen Sie, wie es bei anderen ist. Da werden Patienten immer wiederbestellt. Zehnmal Fango und Massage, noch mal zehnmal Fango und Massage. Schauen Sie, was am Ende mehr kostet. Man hat mich nicht verstanden und immer einen beträchtlichen Teil meines Honorars an jedem Quartalsende abgezogen. Nach 15 Jahren habe ich das Handtuch geworfen und gesagt: Ich kann beim besten Willen mit Kassenpatienten keinen wirtschaftlichen Praxisbetrieb führen. Nicht so, wie ich arbeite. Und dann der Ärger jedes Vierteljahr. Das hat mir den Spaß verdorben.

Morgens untersuchen Sie Arjen Robben, mittags Usain Bolt, und dann kommen wir mit Wehwehchen vom Altherrenfußball - wirken Ihre Finger auch bei uns?
Sehr gute Frage. Sie bekommen genau die gleiche Behandlung.

Durch die vielen Superbeine haben Sie keine falschen Bilder gespeichert, wenn mal ein Normalbein kommt?

Ach was! Ich lege großen Wert darauf, die gesamte Orthopädie abzudecken. Ich habe Patienten, die sind über 90. Die kommen seit 35 Jahren. Die würde ich nie enttäuschen wollen. Die waren in der alten Praxis die Ersten. 1977 kamen sie schon, und die sind mir treu geblieben. Was Schöneres gibt es nicht.

Einige Kollegen von Ihnen sind sehr kritisch und sagen, dass nicht wissenschaftlich belegt sei, was Sie tun. Ärgert Sie diese Kritik?
Leider fehlte mir für zeitaufwendige wissenschaftliche Arbeiten die Zeit, aber ich habe eine Menge Erfahrung sammeln können und mich schon immer schriftlich geäußert und Vorträge auf nationalen und internationalen Sportärzte- oder Orthopädie-Kongressen gehalten. Das Lehrbuch Muskelverletzungen im Sport, das ich vor zwei Jahren mit meinen Praxiskollegen geschrieben habe, erscheint in diesem Jahr in der dritten Auflage und auf Englisch. Schon in den Achtzigerjahren habe ich bei der neurogenen Muskelverhärtung den Flüssigkeitssaum entdeckt, über den wir vorher gesprochen haben, und dieses Phänomen in meinen Vorträgen erklärt. Vor ein paar Jahren haben australische Wissenschaftler dieses Ödem entlang eines bleistiftdicken Muskelbündels erstmals bei Kernspinuntersuchungen bemerkt und meinten, sie hätten etwas Neues entdeckt.

Wurden Sie verkannt?
Dass im Bereich der Wirbelsäule gereizte Nervenwurzeln die von ihnen versorgten Muskeln falsch ansteuern und nach meiner Einschätzung in über 90 Prozent aller Muskelverletzungen ursächlich beteiligt sind, habe ich schon Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger beschrieben. Erst jetzt schließen sich andere Sportmediziner dieser Erkenntnis an. Ich konnte nur beschreiben, was ich fühlte und vermutete. Beweisen konnte ich es nicht. Eines aber kann man mir nicht nehmen: dass ich die Mitbeteiligung der Wirbelsäule vor langen Jahren erkannt und schriftlich erklärt und entsprechend in die Behandlung mit einbezogen habe. Damals gab es noch keine Kernspinuntersuchung. Oder zumindest war es nicht Usus, dass man eine Muskelverletzung mit einem Kernspingerät untersucht. Wegen dieser durch Tasten ermittelten Erkenntnisse gab es Neider.

Die gibt es noch, oder?
Ja. Aber früher viel mehr. Im Laufe der Jahre haben viele erkannt: Der ist immer noch bei Bayern, Hoeneß ist immer noch zufrieden. Das gibt manchem zu denken. Wenn bei Bayern jemand keine solide Arbeit abliefert, muss er gehen. Der Müller-Wohlfahrt ist immer noch da - also muss er ordentliche Arbeit leisten. Natürlich habe ich Neider, damit kann ich aber jetzt gut leben, ich übe einen Traumberuf aus, und manch anderer wäre gern an meiner Stelle.

Warum können Sie damit jetzt besser umgehen?

Ich fühlte mich früher unverstanden. Es haben Leute über mich geurteilt, die gar nicht wussten, wie ich arbeite. Die nicht sahen, wie lange ich mich bei jedem Patienten um die Diagnose bemühte, und meine Therapie nicht kannten und verstanden. Das hat sich in den letzten Jahren entscheidend geändert.

Vielleicht waren manche auf Ihren Promi-Status neidisch.
Dabei nehme ich schon lange keine Einladungen zu öffentlichen Events mehr an. Ich schätze, ich habe seit zehn Jahren keine Erwähnung in der Bunten mehr gehabt. Vielleicht länger. Früher bin ich zu Einladungen gegangen. Wenn ich fotografiert werden sollte, habe ich erklärt: Das möchte ich nicht. Aber verbieten Sie es mal! Das funktioniert nicht. Also bleibt man fern. Ich weiß, dass über andere Ärzte, die laufend irgendwo auftauchen, geredet wird: Wann arbeitet der eigentlich?

Schauen Sie sich wenigstens die Städte an, in die Sie mit Bayern oder der Nationalmannschaft reisen?

Das habe ich mir abgewöhnt, seit Pál Csernai Trainer war bei Bayern. Damals waren wir in Madrid zu einem Freundschaftsturnier. Unser Hotel lag im Zentrum, und ich hab mir gedacht: Ich schau mir in der Mittagspause die Innenstadt an. Als ich zurückkam, stellte ich fest: Genau da hätte man mich gebraucht. Und Csernai sagte: Wir sind hier nicht im Urlaub! Ich hatte verstanden. Nie mehr habe ich das Hotel verlassen.

Duzen Sie eigentlich alle prominenten Sportler?
Ja.

Vom ersten Moment an?
Ja. Unter Sportlern duzt man sich.

Foto: dapd

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Dirk Schönlebe und Werner Bartens

haben leider keine prominenten Sportler im Wartezimmer gesehen. Dafür aber im Büro von Müller-Wohlfahrt die handsignierten goldenen Schuhe von Usain Bolt und auf einem Wandbildschirm die Bayern-Tore der letzten Saison in Endlosschleife.

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