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aus Heft 25/2012 Das Beste aus aller Welt

Das Beste aus aller Welt

Axel Hacke  Illustration: Dirk Schmidt

Manche arme Menschen bilden sich ein, in einer Fernsehshow zu leben; Truman-Show-Wahn heißt diese Krankheit. Was aber, wenn man wirklich in eine Serie einziehen könnte? Wo würde man sich am wohlsten fühlen?


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Der englische Psychologe Charles Fernyhough, der an der Universität von Durham arbeitet, habe sich, so las ich, von achtzig Kindern erzählen lassen, welche unsichtbaren Spielgefährten sie hätten, solche, die nur sie, niemand anderer, kennen. Ergebnis: lauter Figuren, die alle Titelhelden eines illustrierten Kinderbuches sein könnten. Fernyhough hörte vom »faulen Herr Niemand«, der keinem hilft, wenn er gefragt wird, weil immer gerade was anderes zu tun ist, und dem »hageren Bill«, der nie spricht, aber jeden zum Lachen bringt, der ihn sehen kann. Auch gab es »die gelbe Großmutter«, die im Schloss wohnt und erst geht, wenn wirklich Zeit zum Schlafen ist – und das ist nicht der Zeitpunkt, den die Eltern nennen.

Diese Oma hat mich an Gregor Gysi, Peter Scholl-Latour, Arnulf Baring und die anderen gelben Großmütter unseres Fernsehens erinnert: Immer, wenn man zu später Stunde längst im Bett sein sollte, dann aber doch den Apparat einschaltet, um die Einschlafprogramme der deutschen Sender zu betrachten, sitzen sie da. Und quatschen einen in jenen Dämmer hinein, in dem man bereit ist für die kleinen Träume eines Arbeitnehmerschlafes.

Und wohin gehen diese gelben Großmütter, wenn wir die Augen schließen? Auch in ein Schloss? Könnte es sein, dass Gysi, Scholl-Latour, Baring im schrecklichen Quasselschloss von Bad Zwischenruf an der Quatsche leben, wo sie sich schon morgens nach spätem Frühstück zu einer ersten Diskussionsrunde begeben, denn sie verbringen ihr Leben in Sesseln sitzend, nach schräg links unten ins Mikrofon am Revers redend, in Diskussionsrunden?

In der Zeitschrift Cognitive Neuropsychiatry haben jetzt die Brüder Joel und Ian Gold, der eine Psychiater, der andere Philosoph, darauf hingewiesen, dass immer öfter Menschen am Truman-Show-Wahn leiden. Das heißt: Sie bilden sich ein, in einer Fernsehshow zu leben, von bezahlten Darstellern umgeben, ständig gefilmt, wie Jim Carrey eben in Peter Weirs berühmtem Film The Truman Show von 1998. Ja, es gibt sogar Menschen, die Fernsehsender angezeigt haben, weil sie sich von ihnen verfolgt fühlen: Man gebe ihnen keinen Job mehr, weil sie in der Show benötigt würden – und Gage werde auch nicht gezahlt. Irgendwie sieht es aus, als sei der Truman-Show-Wahn nicht zufällig die Spezialparanoia unserer Zeit: Angst vor der kompletten Kontrolle des eigenen Lebens durch andere haben ja heute nicht nur ein paar Behandlungsbedürftige.

In jedem Fall fände ich es übrigens interessant, wenn sich jeder mal die Frage stellen würde: Müsste ich ab sofort in einer Fernsehserie leben, welche wäre das? Muss keine aktuelle sein, irgendeine aus der Geschichte der Serien.

Natürlich will jeder wissen: in welcher Rolle denn? Man möchte nicht Catherine Howard in The Tudors sein, die fünfte Frau Heinrichs VIII., die er nach kurzer, unerfreulicher Ehe enthaupten lässt, auch nicht Christopher Moltisanti in den Sopranos; der ist drogensüchtig und wird mittendrin von Tony Soprano persönlich erdrosselt.

Aber lassen wir mal die Rolle beiseite. Es geht hier nur um die Atmosphäre der Serie, ihren Geist, ihre Art von Drama. Es sagt doch eine Menge über einen Menschen aus, welche Serie er sich aussucht, nicht wahr? Paola, meine Frau, würde, wenn sie schon wählen müsste, Sex and the City nehmen, eine akzeptable Art von Leben, sagt sie. Bruno, mein alter Freund, sagt, das Schlimmste für ihn wäre jedenfalls Raumschiff Enterprise. Und ich? Bonanza? Baywatch? Die Simpsons? Der Landarzt?

Monaco Franze
– das wäre was. Ich würde aber auch eine Rolle in Forellenhof nehmen, das kennt keiner mehr, es spielte in den Sechzigern in einem Hotel im Schwarzwald, ich liebte das als Kind. Hans Söhnker als sonorer Direktor, keine Morde, angenehme Umgebung, oft gutes Wetter, harmlos vergnüglich. Lachen Sie nur, so bin ich eben. Manchmal stelle ich mir vor, wie jemand in einer Gerichtsserie nachmittags zu lebenslänglich Verbotene Liebe verurteilt wird, wie er kniend fleht. Aber es hilft nichts, ab geht’s für immer: endlich Schluss mit der Harmlosigkeit im Fernsehen, endlich greift einer durch, und es wird richtig hart.

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Ein Fenster in die Welt des jungen Axel Hacke: Die TV-Serie »Der Forellenhof« von 1965 gibt es inzwischen auf DVD.

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