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aus Heft 25/2012 Kinder

Hör mal, Freundchen!

Cathrin Kahlweit 

Fremde Kinder können anstrengend sein. Aber wehe, man setzt ihnen als Außenstehender Grenzen. Dann bekommt man Ärger mit den Eltern. Warum eigentlich?


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Die Geschichte spielt in einem Restaurant: Ein Paar möchte nach der Arbeit in Ruhe essen, ein bisschen reden, die Nacht herbeiträumen. Am Nebentisch eine Familie, Mutter, Vater, drei Kinder. Die Kinder spielen rund um den Nachbartisch herum Fangen, Mutter und Vater unterhalten sich ungerührt weiter. Das Paar ist genervt, schließlich bittet der Mann die fremden Kinder: »Könnt ihr bitte weniger Lärm machen? Wir würden gern in Ruhe essen.« Der Vater schreckt auf, ist verärgert. Nicht über seine Kinder, sondern über diese fremden Menschen, die sich anmaßen, seine Kinder zu erziehen. Er sagt hämisch: »Ihr hört doch, Kinder, der Mann möchte nicht, dass ihr lacht.«

Die Sache hätte natürlich auch anders ausgehen können, theoretisch. Nicht mit einer bissigen Antwort und Unverständnis, sondern mit einer Entschuldigung. Die Eltern hätten hochschrecken können, weil ihnen die Situation peinlich ist. Hätten sagen können: »Danke, dass Sie unseren Kindern die Meinung gesagt haben.« Und dann hätten sie ihren Kindern erklären können, dass der Herr am Nebentisch recht hat, dass man Rücksicht nimmt …

Aber stopp, das kommt selten vor, dieses Ende der Geschichte ist lebensfremd. Der Mann, der den Vorfall aus dem Restaurant erzählt, heißt übrigens Bernhard Bueb. Er ist ein bekannter deutscher Pädagoge, leitete lange das Internat Schloss Salem, schrieb einen Bestseller über Disziplin in der Erziehung – und er war, was man gut versteht, ziemlich irritiert über die Reaktion des Vaters. War er auch verwundert? Nein. Denn: Man erzieht fremder Leute Kinder nicht ungestraft. Wer sich gegen Kinder wehrt, hat nie recht. Selbst wenn er – theoretisch – recht hätte. Seltsam, oder? Da gibt man seine Kinder in den Kindergarten, in die Schule oder in ein Internat, damit Pädagogen sie zumindest miterziehen, aber wenn sie von Fremden ermahnt werden, bitte in der U-Bahn nicht zu rauchen, oder von Freunden und Verwandten angehalten werden, nicht zu lügen oder zu klauen, ihre nasse Badehose nicht auf das Gästebett zu schmeißen oder das eingesaute Klo zu putzen, sind die Eltern in der Regel beleidigt.
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»Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen« – so lautet ein afrikanisches Sprichwort, Hillary Clinton hat darüber mal ein Buch geschrieben. Auch in Deutschland galt das mal, früher. Kollektive Erziehung war sogar lange eine Selbstverständlichkeit. Bis zur Entstehung der bürgerlichen Familie war ein Kind selten einzig einer Mutter, einem Vater, einer Kindergartentante ausgesetzt, sondern im Zweifel einer Großfamilie oder gleich dem ganzen Dorf. Im 19. und 20. Jahrhundert delegierte, wer es sich leisten konnte, die Erziehung an mehr oder minder gut ausgebildetes Personal. Oder an die höhere Töchterschule, das Kloster, die Kadettenanstalt. Und heute? Werden alle Neurosen der Kleinfamilie auf den Nachwuchs übertragen – und wehe, ein Außenstehender schützt sich, sein Eigentum, sein Verständnis von Anstand. Es gibt eine Szene in der Fernsehserie Mad Men, die man mit angehaltenem Atem ansieht, so sehr hat sich die Stellung der Kinder in der Erwachsenenwelt verändert seit den Fünfzigerjahren: Die Drapers feiern eine Hausparty mit Kollegen und Freunden und die Kinder toben herum, eins rennt in einen Gast. Der haut ihm sofort eine runter. Vater Draper kommt hinzu, herrscht nicht den Gast an, sondern sagt zu ihm: »Soll ich ihm noch eine geben?« Nein, sagt der Gast, ist schon in Ordnung.

Niemand wünscht sich diese Zeiten zurück. Gott bewahre. Aber könnte es nicht ganz nützlich, ja nachgerade erleichternd sein, wenn mal jemand anderer als die ewig nörgelnden Eltern sagte: Tobe jetzt hier nicht herum, lass mich aussprechen, hör auf, die Katze am Schwanz zu ziehen? Aber nein: »Dass jemand anders sich in die Erziehung meiner Kinder einmischt, das geht gar nicht«, sagen alle Eltern, die für diesen Artikel befragt wurden. Warum bloß?

Round-Table-Gespräch unter Frauen. Was wäre, wenn das eigene Kind sich schlecht benimmt und von einem Fremden zurechtgewiesen wird? »Kritik an meinen Kindern ist immer auch Kritik an mir. Da dringt jemand in mein Terrain ein und will mir im Zweifel mitteilen, dass ich versagt habe. Denn wenn sich mein Kind schlecht benimmt, bin doch letztlich ich verantwortlich«, sagt Simone, 60, Mutter von zwei erwachsenen Töchtern. Susanne, 45, Mutter eines Sohnes, ergänzt: »Wer meine Kinder zurechtweist, weiß oft gar nicht, warum sie sich so verhalten. Vielleicht sind sie überfordert? Gestresst? Müde?« Und Eva, 48, Mutter einer Tochter, wendet ein: »Wenn meine Mutter meine Kinder erziehen will, gibt sie mir zu verstehen, dass ich eine schlechte Mutter bin. Wenn meine Freunde das tun, dann greifen sie meine Kompetenz an; das verunsichert mich. Und wenn Fremde sich einmischen, im Supermarkt oder auf der Straße, dann bekommen sie es mit mir zu tun: Was bilden die sich ein?« Übereinstimmendes Nicken. Wie die dazugehörigen Väter das sähen, fragt eine in die Runde. Genauso: mein Haus, mein Auto, mein Kind, mein Stolz.

Foto: roodini / photocase.com

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Cathrin Kahlweit weiß, wie schwierig es ist, wenn einem andere in die Erziehung hineinreden. Wie wohl alle Eltern, findet sie, dass ihre Kinder supergut erzogen sind. Und dass es gar nicht nötig ist, dass andere sie zurechtweisen. Gleichwohl hat das mal eine Freundin versucht, die fand, dass die drei Kahlweit-Kinder sich nicht ausreichend oft bedankten. Die beiden Frauen sehen sich heute nur noch sehr selten.

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