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aus Heft 26/2012 Gesundheit

Kranke Häuser!

Werner Bartens  Illustrationen: La Tigra

Wenn Ärzte und Kliniken wirtschaftlich erfolgreich arbeiten, ist das gut für uns alle. Es sei denn, ein Patient braucht Hilfe.

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Traurig oder komisch?
Obwohl die Krankenkassen zurzeit Milliardenüberschüsse erwirtschaften, sind Ärzte in den Kliniken zum Sparen verdammt.

Jeden Tag bekommt der Betriebsrat der Uniklinik Marburg eine Überlastungsanzeige. Jeden Tag gesteht einer der 9500 Mitarbeiter ein: Ich kann nicht mehr. Folgen hatte das bisher nur, als öffentlich bekannt wurde, dass auch die Oberärzte der Kinderonkologie die Überlastung beklagten. »Da war das Geschrei groß«, sagt die Betriebsrätin Bettina Böttcher. »Alle hatten Angst um die Kinder.« Die Klinikleitung schuf daraufhin ein paar neue Stellen. In der Regel werden die Hilfeschreie überhört und die Mitarbeiter flüchten sich in Zynismus. Sie haben ihr eigenes Vokabular entwickelt, um die Zustände im Universitätsklinikum Gießen und Marburg zu beschreiben, das 2006 von der Rhön AG übernommen und als erste Uniklinik in Deutschland privatisiert wurde. Drei-Punkt-Pflege lautet einer der Begriffe. Klingt nach umfassender, individueller Versorgung der Kranken. Meint aber »je einen Tropfen Wasser mit dem Waschlappen unter die Achseln und einen untenrum«, sagt Ulrike Kretschmann, eine Hausärztin mit eigener Praxis in Marburg. Oder Intermediate Care: Hört sich nach einem ausgeklügelten Konzept für die Pflege an. Bedeutet aber, dass »sich die Schwester entscheiden muss, zu welchem Patient sie im Notfall als Erstes geht und wer auf der Strecke bleibt«.

Kretschmann hat mit anderen niedergelassenen Ärzten den »Notruf 113« gegründet, der gegen den Klinikalltag in Marburg protestiert. Über Jahre wurde dort die Arbeit verdichtet, mit dem Resultat, dass »heute einer wegschuftet, was früher zwei gemacht haben«, sagt die Betriebsrätin Böttcher. Krankenschwestern kritisieren, in der Hektik des Alltags könne es zu fatalen Fehlern kommen: Dann würden Infusionen zu spät abgestellt, Verbände nicht erneuert oder gar die Medikamente für verschiedene Patienten verwechselt. Es sieht nicht danach aus, als hätten Patienten und Personal in Marburg in naher Zukunft Besserung zu erwarten. Gerade läuft ein weiteres Rationalisierungsprogramm, 500 der 9500 Stellen sollen am Ende wegfallen. Und im Mai wurde bekannt, dass die Rhön AG vom Gesundheitskonzern
Fresenius, der bereits 75 Krankenhäuser betreibt, übernommen wird. Die nächste Sparwelle in Marburg - nur eine Frage der Zeit.

Nachhaltig wirtschaften mussten Krankenhäuser schon immer. Doch inzwischen haben Stellenkürzungen und Arbeitsverdichtungen ein Ausmaß erreicht, das die gesamte medizinische Versorgung in Deutschland zu ruinieren droht. Es ist nicht allein die Privatisierung der Medizin, die Patienten gefährdet. Auch in kommunal oder konfessionell geführten Krankenhäusern und in den Praxen macht es die Industrialisierung der Medizin Ärzten wie Pflegekräften schwer, das Wohl der Patienten noch im Auge zu behalten. Vor allem geht in dem ständig steigenden Arbeitsdruck etwas verloren, was wesentlich wäre für eine gute Medizin: Zeit für Zuwendung, Zuhören, Trost. Der Patient steht nicht mehr im Mittelpunkt, sondern wird zum Störfaktor.

Die ökonomisierte Medizin gleicht dieses Problem mit Technik aus: »Kann ein Patient im Krankenhaus nicht mehr genug trinken, bekommt er einen Tropf. Isst er zu wenig oder zu langsam, wird eine Magensonde gelegt. Nässt er ein, wird ein Dauerkatheter gelegt. Verhält er sich unruhig, werden Bettgestelle oder Fixierungen angebracht.« So beschreibt der Marburger Oberarzt Konrad Görg einen Krankenhausalltag, aus dem Fürsorge, Mitgefühl und Menschlichkeit wegrationalisiert wurden.

Der Fehler liegt im System, das sich auch dadurch auszeichnet, dass kaufmännische Direktoren die Ärzte an den Kliniken darüber belehren, welche Therapien lukrativ sind und welche eine Minusgeschäft. Wirtschaftlich günstig: zum Beispiel ein Patient mit Lungenkrebs. Er braucht alle drei bis vier Wochen eine Chemotherapie, für jeden dieser Aufenthalte von zwei bis drei Tagen kann die Klinik 2000 Euro abrechnen - zusätzlich bekommt sie Geld für die Chemotherapie. Ein Minusgeschäft: die Behandlung eines älteren Dialyse-Patienten mit chronischer Wunde am Fuß und Lungenentzündung. Er muss im Zweibettzimmer isoliert werden, ein Bett bleibt leer. Bei allen Untersuchungen muss anschließend der Raum desinfiziert werden. Die stationäre Behandlung kann schnell länger als zehn Tage dauern, dafür sind die 3500 Euro, die das Krankenhaus bekommt, keinesfalls kostendeckend.

Diese pauschale Honorierung je nach Diagnose bringt viele Kliniken in Bedrängnis. Bis vor wenigen Jahren wurde nach Liegedauer bezahlt. Das führte zwar zum Missbrauch, Patienten wurden oft unnötig übers Wochenende einbehalten. Aber wenigstens waren sie dann gesund. Die neue Bezahlung nach Krankheiten führt dazu, dass komplizierte Fälle abgeschoben werden - und im Extremfall »blutig entlassen«: Patienten müssen die Klinik verlassen, obwohl Wunden noch nicht verheilt, Drainagen nicht gezogen sind.

(Foto: Kirsty Griffin)

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Wenn Werner Bartens , Arzt und Medizinredakteur der SZ, beim Arzt ist, hat er nicht unter Hektik und Fließbandmedizin zu leiden. Die Kollegen nehmen sich meist viel Zeit - allerdings nicht für seine Leiden, sondern um über das Gesundheitswesen, die vielen falschen Anreize und ihre schlechte Honorierung zu klagen.

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