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aus Heft 27/2012 Musik 5 Kommentare

USA, 20.56 Uhr

Seite 3: »Die sind besessen davon, dass es gut ist.«

Von Alexander Gorkow  Fotos: Andreas Mühe





Till Lindemann, »Rockfish Diner«, Mockingbird Lane, Dallas: »Alles Gute in meinem Kopf entsteht auf dem Land. Ich hab eine Wohnung in Berlin, aber manchmal zieht Berlin mich runter. Also lebe ich viel in meinem Dorf, oben, zwischen Schwerin und Wismar. Viele meiner Freunde, die mit uns hier auf Tour sind, leben auch dort. Mein Vater ist schon lange tot. Aber meine Mutter lebt da. Meine Tochter Nele mit ihrem Sohn, dem kleinen Fritz, ist oft da. Wir sind eine große Familie. Ich angle. Ich jage. Ich starre auf den See. Ich schlafe nachts im Wald und horche. Ich höre in die Natur. Sagenhaft, was du nachts im Wald hörst. Das ist unbeschreiblich schön. Ich hasse Lärm. Ich hasse Geschwätz. Ich setze mich dem aus, das ist dann der reine Masochismus. Und dann muss ich mich davor schützen. Lärm macht irre. Man kommt darin um.«

Leonard Cohen singt in Anthem: »There is a crack in everything / That’s how the light gets in.« Rammstein erzählen von diesem Riss, und so ist das im Theater: Wenn man Glück hat und man hat einen großen Theaterabend gesehen, dann wird einen dieser Riss noch lange beschäftigen. Dazu braucht es zuerst Inspiration. Man braucht die ruhige Sprache, die Lindemann auf dem Land findet. Man braucht, wie Paul Landers sagt: »Wut.« Dann, wie Richard Kruspe sagt: »Das Team. Nimm einen bei uns raus, und du hast die Band nicht mehr.« Das alles zusammen: der größte Kulturexport deutscher Sprache. Katharina Wagner würde die Band gerne für Bayreuth gewinnen. Und Oliver Riedel sagt nur: »Es müsste auch dort bruzzeln, knistern, es müssten auch im Festspielhaus die Funken fliegen. Wir können ja nicht nach Bayreuth und da Classic Rock abseiern.« Und dann kommen, Abend für Abend, die Zahlen zum Gemüt, die Formeln zur Seele, also die Produktion zur Intuition.

Nicolai Sabottka, Tour- und Produktionsmanager, AT&T Center, San Antonio: »Für Tills brennende Flügel und all das Feuer verwenden wir Lycopodium. Das sind gemahlene Bärlappsporen. Ein Naturprodukt. Elf Tonnen war die Jahresernte in China. Davon haben wir vier Tonnen aufgekauft. Die sind nach dem letzten Konzert, morgen in Houston also, weg. Wenn Till das Lycopodium durch eine Flamme schießt, und wir blasen von unten durchs Gitter Luft dazu, da brennts dir die Hosenbeine weg. Ich sag immer: Lyco ist für alle da! Die Band könnte das billiger machen. Aber die Band will das nicht. Die sind besessen davon, dass es gut ist. Und das sage ich nicht, weil ich für die arbeite.«

Diese Produktion kostet insgesamt rund eine halbe Million Euro pro Abend. Sabottka ist dafür verantwortlich, dass die Bühne in Flammen steht, nicht die Halle. Für so etwas eignet sich besser als jeder andere: ein Westfale. Sabottka ist freundlich, er redet nur das Nötigste, dies aber, wie man gleich sehen wird, mit Bedacht. Täglich schlägt seine Stunde nicht um 21 Uhr, wenn die Show beginnt. Sondern um 16 Uhr. Es ist dies immer wieder der heikelste Moment des Tages.

Es erscheinen um Punkt 16 Uhr, in jeder Stadt, in jeder Halle, sechs Marshalls der örtlichen Feuerwehr. Sie bekommen in der leeren Halle die pyrotechnischen Effekte vorgeführt. Sie haben schon viel gesehen im Leben und sind trotzdem etwas fassungslos. In Anaheim gibt es schlechte Stimmung bei den Fire Marshalls. Sie beraten sich. Einer sagt leise zu seinem Kollegen: »That’s fuckin’ weird.« Eine Frage stellen sich bei Rammstein amerikanische Feuerwehrleute wie deutsche Feuilletonisten im Akkord: Dürfen die das? In Anaheim beratschlagen fünf Feuerwehrmänner, denen eine Feuerwehrfrau vorsteht. Vor allem die Chefin ist ausgesprochen humorlos. Es gibt endlose Diskussionen. Am Ende trollt sich die Feuerwehr. Und Sabottka erzählt ungerührt, mit der Miene eines notlandungserprobten 747-Piloten: »Mein Job jetzt gerade war es, der Feuerwehr zu erklären, dass wir alle Anträge ordnungsgemäß eingereicht haben. Auf dieser Basis und auf der Basis der Vorführung gerade seien wir entschlossen, alle Raketen heute ab 21 Uhr abzufeuern. Gerade eben gab es ein psychologisches Extraproblem: einen weiblichen Fire Marshall. Die Frau war die Chefin der fünf männlichen Fire Marshalls. Keinesfalls durfte sie von mir vor den Kerlen vorgeführt werden. Also musste ich ihr das Gefühl geben, dass sie mit jedem Zweifel im Recht ist, und dass wir diese Zweifel aber schon präventiv ausgeräumt haben. Da es mir gelungen ist, ihr das verständlich zu machen, wird die Show heute mit allen pyrotechnischen Begleitelementen von 21 Uhr an über die Bühne gehen.« Pause. Dann: »Dies ist grundsätzlich mal erfreulich.«

Unglaublicher Sabottka. Supersabottka. Griechenland retten? Achmadinedschad Bescheid geben? Wir haben seine Nummer.

Fünf Wochen tourten Rammstein so durch Kanada und die USA, und diese fünf Wochen, sie waren wiederum nur das Finale einer Konzertreise, die bis jetzt eigentlich drei Jahre dauerte. Zwei Programme. Von 2009 an die finstere und von einem Index der verrückten Bundesprüfstelle für jugendgefährdendes Dingsbums überschattete Liebe ist für alle da-Tournee. Seit 2011 dann die Best Of-Tournee. Europa mit Konzerten zum Beispiel in London und Moskau, die beiden denkwürdigen Abende in Paris im Frühling: Zweimal 17 000 Menschen im legendären Bercy, die Halle knüppelvoll mit jungen Menschen unten in der Arena und klassisch christine-lagardehaft kostümierten Damen und grau melierten Herren oben auf den Rängen: Kulturvolk, im Programm blätternd, wie in der Comédie-Française. Davor Russland, Skandinavien, England, Deutschland. Davor Südamerika, Mexico City, Monterrey, Massen von Menschen, von denen viele Wochen vorher neben den Stadien ihre Zelte aufschlugen: Rammstein sind ein universales Phänomen, und anders als ein Künstler wie Gerhard Richter, anders als ein Regisseur wie Wolfgang Petersen müssen sie dabei wesentlich nicht nur auf Bilder und Töne vertrauen, sondern auch auf die Emotionalität einer in Bilder und Töne kongenial eingewebten deutschen Sprache. Das merken die Leute offenbar, dass es hinter der brachialen Fassade der Musik eine oft erstaunlich leise Lyrik ist, die sie da mitsingen: »Doch der Abend wirft ein Tuch aufs Land / Und auf die Wege hinterm Waldesrand.«

Vor allem die letzten beiden Wochen durch den Süden der USA sind dann eine heikle Choreografie des Alltags: Die Show läuft seit Monaten wie geschmiert. Sie ist für Musiker und Techniker zur blanken Gewohnheit geworden. Flake Lorenz sagt, da sitzt man mit ihm wegen Flugzeugüberdruss in einem Chevrolet Malibu und fährt vier Stunden von San Antonio nach Houston: »Ich habe Heimweh. Tour ist stumpf. Tour ist nicht Produktion. Tour ist Reproduktion.« Heimweh wonach? »Nach der Jenny. Meiner Frau. Nach den Kindern. Nach meinem Dorf in Brandenburg. So ne Sachen.« Was man in diesen Tagen auch lernt, rund um diese explosiven Konzerte: So sicher diese Band einen Berg von Rührung auslöst, so wenig können die, die diese Rührung auslösen, mit der Bürde leben, diese Rührung ausgelöst zu haben. Steht ein Fan plötzlich auf der Straße, im Restaurant, vorm Hotel und starrt einen an: Was tun? Wie soll man, die Zimmerkarte schon in der Hand, vor einem Hotel in Kalifornien, Arizona oder Texas einlösen, was man vor Jahren in einem Lied versprochen hat?

Die Musiker zappeln dazu täglich im Transit: Abflug mit der neunsitzigen Falcon, Ankunft am Flughafen, rein in den Van, raus ausm Van, rein ins Hotel, raus ausm Hotel, rein in die Halle, Show, Aftershowparty, raus aus der Halle. Paul Landers: »Der Mensch braucht zwei bis drei Tage, bis er sich an einen Ort gewöhnt hat. Wenn du diese Tage nie hast, wirst du irre. Der Körper reist immer der Seele voraus.« Flake, der erzählt, dass er mal eine Strichliste geführt hat, mit Komplimenten amerikanischer Fans vor Hotels. Ganz vorne: »You are awesome.« Zweiter Platz: »You are fuckin’ awesome.« In San Antonio wetzt Landers draußen vom River Walk ins »Mokara Hotel« zurück, aus einem Supermarkt kommend. Man will wissen, was in seiner Papiertüte ist. »Warte«, ruft Landers und verschwindet im Aufzug. Er schickt aus seinem Zimmer dann eine Mail mit Foto. Zu sehen: Rotwein, Knoblauch, Schwarzbrot, Salami.
Er schreibt: »Nichts Gekochtes, nichts Gebratenes, kein Kellner, keine Menschen. Herrlich. Gruß, Paul.«

Oliver Riedel, »Shorebreak Hotel«, Huntington Beach: »Was ich vermisse? Ruhe. Ich setze mich vor den Konzerten backstage in diese Großraumduschen mit der Akustischen und spiele Flamenco. Gute Akustik. Dabei sammle ich mich selbst ein, sozusagen. Am schlimmsten sind die Hotels und Restaurants. Überall Drum ’n’ Bass, House, ein einziges Geploppe, Gesirre, Gezwitscher, Geloope. Du kannst durch diese Hotels durchtanzen, vom Zimmer durch den Flur durch den Aufzug durch den Frühstückssaal und dann raus durch die Rezeption bis auf die Straße. Dich im Kreis drehen, mit dem Kopf wackeln, in die Hände klatschen, rausgrooven. Das ist Terror.«

Die Show in San Antonio, es ist die vorletzte, man hockt hinter der Bühne schon wieder in diesem Salat aus Eisen, Kabeln und Requisiten, und plötzlich findet man all dies weniger beeindruckend als vielmehr: rührend. Was die rumschleppen. Rein in die Halle. Raus aus der Halle. Kann es die Möglichkeit sein, dass sechs Deutsche in ihren Vierzigern Abend für Abend diesen Eisenkochtopf auf die Bühne rollen, um den dünnen Mann mit der Hornbrille zuzubereiten? Albern, von hinten betrachtet, diese Requisiten. Die dann ab 21 Uhr aber auf der Bühne im Netz der Inszenierung erstrahlen. Als
hätte jemand den Dingen eine Seele eingehaucht. Es dauert an jedem Abend immer nur ein paar Minuten, und man zappelt im Netz dieses Theaters der Lieder. Und dazu gehört eben auch das Lied mit dem Topf. Kannibalismus in Rotenburg, nicht ganz unkomisch, darin dann diese bittergroßen Zeilen: »Ein Schrei wird zum Himmel fahren / Schneidet sich durch Engelsscharen / Vom Wolkendach fällt Federfleisch / Auf meine Kindheit mit Gekreisch.«


Kommentare

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  • O. García (0) Großartig! Der Beitrag wäre ein würdiger Anwärter auf den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Aber wehe, wenn der Autor nicht im Keller unter dem Gitterboden war, von dem eingangs die Rede ist. :)
    Ebenso hervorragend die Fotografien.
  • detlef camp (0) Das war seit langer , langer Zeit das Beste , was ich zum Thema Musik gelesen habe - deshalb : vielen Dank !!!
  • Christian Schlosser (0) Auch von mir Danke! Ein wunderbarer und tiefsinniger Artikel ueber das wahre Rammstein.
  • RALF HUETTNER (0) Whow. Kompliment für diesen Artikel. Danke...
  • Marc Lohschmidt (0) Danke.
    Danke für diesen wirklich guten Artikel.
    Ich freue mich sehr, dass es Leute in dieser Branche gibt, die gegen den Mainstream schwimmen.
    Rammstein eben nicht runterschreiben oder in die rechte Ecke stellen.
    Eben Medienleute mit Cochones.
    Und dabei nicht nur auf die Knalleffekte hinweisen, sondern auch die Feinsinnigkeit hinter der Maske zu deuten wissen.
    All die flachdenkenden "Feuilletonisten", die sich dem Strom der erhobenen Zeigefinger hingeben, können die Lyrik nicht sehen, die da musikalisch-brachial auf den Hörer herniedergeht.
    Die Kritik an all dem einbetonierten, reglementierten, ökologisch und moralisch sauberem Bildungsbürgertum jeglicher politischer Couleur.
    Wut. Pure und brutale Wut auf alles was in bornierter Sturheit Grenzen und Rahmen setzt.
    Vielen Dank Euch beiden für den Einblick, der hoffentlich vielen die Augen öffnet und zum Denken zwingt.