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aus Heft 27/2012 Musik 5 Kommentare

USA, 20.56 Uhr

In vier Minuten startet eine der größten Shows der jüngeren Popgeschichte. Zehntausend Amerikaner werden mit Rammstein singen: »Alle warten auf  das Licht / Fürchtet euch / Fürchtet euch nicht.« Das SZ-Magazin begleitete die Band durch die Tage und Nächte in Kanada und den Vereinigten Staaten. Willkommen zu einer Reise, die Narben hinterlässt

Von Alexander Gorkow  Fotos: Andreas Mühe

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Rammstein, Ein Lied:
»Wer Gutes tut, dem wird vergeben / So seid recht gut auf allen Wegen / Dann bekommt ihr bald Besuch / Wir kommen mit dem Liederbuch.«

Thilo »Baby« Goos, Veranstaltungstechnik, Denver Coliseum: »Das, mein Lieber, ist eine der größten Bühnen, die momentan unterwegs sind. 24 Meter breit, 15 Meter hoch, eine reine Stahlkonstruktion. Hier werden 100 Lautsprecherboxen und viel Licht ans Hallendach gehängt, die Crew zieht 50 Tonnen Equipment an 120 Motoren hoch. Die Anlage hat 380 000 Watt. Es muss dengeln. Es ist Rammstein. Zwei der 24 Trucks hat die US Trucking Company alleine für die beiden mitreisenden Kraftwerke dabei. Das sind zwei Megawatt-Aggregate, und die ziehen rund 1000 Liter Diesel pro Show ausm Tank. Die Kraftwerke braucht man, damit in den Städten nicht das Licht ausgeht, wenn’s bei Rammstein angeht. Öko ist das nicht. Man muss sich entscheiden: Heiße alte Konzertlampen statt kaltes Licht? Brauchst du Strom. Die meisten Produktionen sehen heute aus wie Fernsehstudios. Auch die Rockkonzerte. Eiskalt. So geht’s auch. Aber nicht bei Rammstein.«

Brauchst du Strom. Von unten, aus dem Keller der Bühne, pfeifen Rauchfontänen durch den Gitterboden, bis weit hoch an die Decke. Von unten schießen Flammen durch den Gitterboden. Von unten strahlt das Licht durch den Gitterboden. Auf dem Gitterboden steht Rammstein-Sänger Till Lindemann. Er sieht ein bisschen traurig aus, wie einer, der aus der Unterwelt vorbeischaut. Dazu diese Stimme: wie sehr schlechtes Wetter. Hört er womöglich selbst Stimmen? Man denkt an den »ehemaligen Zement- und Transportarbeiter« Franz Biberkopf aus Döblins Berlin Alexanderplatz. Die Freiheit? Ein Panoptikum. Die Städte? Ein Exzess. Das Leben? Man muss ihm entgegentreten, dem Leben, mit Wucht. Lindemann ruft »Links, zwo, drei, vier« und marschiert, als hätte er unter jeder Arschbacke eine Batterie, er fragt dann diese vielen Amerikaner Abend für Abend: »Können Herzen singen? Kann ein Herz zerspringen? Können Herzen rein sein? Kann ein Herz aus Stein sein?«

Die Menschen in den Konzerthallen hier in Amerika singen jede einzelne dieser Fragen mit. Sie weichen zurück vor dem Feuer. Sie schwitzen in der Hitze. Sie schließen die Augen vor dem Licht. Irgendwann, nach diesen Wochen auf Konzertreise hier in Nordamerika, kurz vorm Abflug am frühen Morgen auf dem Bett des Zimmers 1023 im »Zaza Hotel« in Houston liegend, die finale Gewissheit: So hell ist das, so laut, so heiß, wenn ein Planet entsteht. Rechts eingelassen in die Eisenbühne steht ein Bunker für die Pyrotechniker. Wer während der Show durch diesen Bunker schleicht, bewegt sich durch die Eingeweide einer gigantischen Maschine aus Kabeln, Düsen, Schläuchen, Sauerstoffflaschen. Zum Beispiel steht Gitarrist Paul Landers in dem Lied Asche zu Asche an seinem brennenden Mikrofonständer auf dem Gitterdach dieses Bunkers, die Sohlen seiner Stiefel nur Millimeter über den Köpfen der Techniker, und durch schmale Sehschlitze schaut man, während Landers über einem steht, hinaus auf eine Show, die eine traurige und komische Geschichte erzählt. Sie handelt von der Dunkelheit und davon, auf welche Art und Weise das Licht in die Dunkelheit tritt. Das Licht bei Rammstein, das ist zum Beispiel ein an Lindemanns Brust geheftetes rotes Herz, pochend in der stockfinstren Halle: Minimal Art in einem Lied, das mit dem Gewicht einer Planierraupe um die Ecke biegt, Mein Herz brennt. Oder es sind bei Engel Lindemanns Flügel aus Stahl, fünfzig Kilo trägt er da, und am Ende der Show werden diese Flügel Flammen spucken. Oder es sind die Feuerstöße, mit denen Lindemann als Höllenkasper den Keyboarder und weiß gekalkten Riesenkomiker Flake Lorenz in einem
Eisentopf zubereitet, bis der heraushüpft und mit rauchender Hose über die Bühne rast.

Flake Lorenz, Autofahrt von San Antonio nach Houston: »Alles, was aus Anstrengung entsteht, ist Scheiße. Hör dir die Musik im Radio an. Leiernder, wehleidiger, stumpfer Dreck. Entstanden aus Anstrengung. Gemacht von Leuten, die Häuser abbezahlen müssen. Stumpf anmoderiert von Leuten, die Häuser abbezahlen müssen. Kapitalismus macht stumpf. Ich habe mich noch keine fünf Minuten im Leben angestrengt. Man muss sich entscheiden. Gute Kunst entsteht nicht aus Anstrengung. Sondern absichtslos. Aus Lust.«

Von Amerika selbst werden nach dieser Reise Eindrücke nur wie Fetzen zurückbleiben. Das grüne Denver und der Red Rock State Park zum Beispiel, hier der Park Ranger, der warnt, als man Richard Kruspe nackt in die Felsen stellt, um ihn abzulichten: »Freunde, wenn die Sheriffs kommen, heißt das für jeden von euch: mindestens 180 Tage Gefängnis.« Die Mockingbird Lane in Dallas, der »Rockfish Diner« und das Mittagessen mit Lindemann in brütender Hitze. Lindemanns Erinnerungen an die DDR und seinen Brieffreund Dschenja aus Kasachstan, der eines Tages leibhaftig anrückte und als Gastgeschenk bunte Teller aus der Heimat mitbrachte zu den Jugendweltfestspielen: »Komsomolzen hier, FDJ dort. Die Jugendweltfestspiele wurden organisiert, damit die jungen Sozialisten sich vermehren. Das war ein einziges Gepoppe.« Der kleine Till, ein sensibler, eigensinniger Junge. Am 19. März 1970 sieht er im Westfernsehen Willy Brandt zu Besuch in Erfurt, dort ans Fenster des »Erfurter Hofs« tretend. Stundenlang brüllt das Kind durchs Haus: »Willy Brandt ans Fenster! Willy Brandt ans Fenster!« Seine Bautischlerlehre im »Betriebsteil 5«, Rostock-Schmarl: »Ein Holzstamm, nu mach ein Fenster draus, Lindemann! Ich mach dir heute noch aus einem Stamm ein Fenster.« Ein anderer Reisefetzen: der Spaziergang mit Flake Lorenz durch Huntington Beach. Flakes Entsetzen über die puebloartigen Bauherrentotgeburten unter kalifornischer Sonne, bewacht wie das Pentagon. Flake fluchend: »Wer lebt hier? Wer will hier leben? Wahnsinn. Stumpf.« Wie er in das Pazifik-Suburbia plötzlich sagt: »Ich wohnte mal auf der Fehrbelliner Straße 7.« Und? »Nu halt dich fest: Im selben Haus wohnten Frau Fett und Herr Fleischfresser.«

Will er einen verarschen?
»Ich schwör’s. Astrid Fett in der einen Wohnung. Wolfgang Fleischfresser in der anderen. Ich hab auch Zeugen.«

Aber die Show. Aber das Licht. Aber das Feuer. Alles ist in jeder Millisekunde an seinem Platz. Cirque du Soleil minus Eskapismus. »Berghain« plus Lyrik. Till Lindemann erwirbt alle paar Jahre in einem Crashkurs im Berliner Velodrom den sogenannten Pyro-Schein. Was er dann in seinen großen, vernarbten Händen hält, ist etwas doppeldeutig Herrliches, nämlich das hier: »Erlaubnis und Befähigung zum Abbrand pyrotechnischer Sätze.« Krachen tut es heute schnell mal auch woanders. Rammstein aber wissen, wann es brennen muss und wann nicht, wann die Show ein Traum und wann sie ein Albtraum sein sollte. Sie ist in den Köpfen von Geschichtenerzählern entstanden, diese Show, nicht in den Köpfen von Eventhanseln. Zum Beispiel: Schlagzeuger Christoph Schneider. Der Vater ist Opernregisseur, und schon der junge Schneider hörte von mystischen Konzerten im Westen, von fliegenden Schweinen und gigantischen Mauern. So entstand in Schneiders Kopf früh die Vorstellung von einem Höllenzirkus, einem Schwarzen Theater. Keyboarder Christian Lorenz ist der Anti-Epiker, sein Spitzname Flake verweist auf die hoch störrischen wie auch liebenswürdigen Wickie-Figuren aus dem gleichnamigen Dorf in der TV-Serie. Flake ist – eigentlich – eine verspätete Fluxus-Geburt, dazu ein Spaziergänger wie außer ihm höchstens noch Robert Walser. Und als solcher also: ein Radikaler. Einer seiner lapidaren, umwerfenden Sätze zum Leben, mal eben so hingeworfen beim Weg aus der Halle zurück ins Hotel: »Man fickt. Oder man fickt nicht. ’N bisschen ficken geht nicht.«

Till Lindemann trägt etliche Narben am Körper und auch im Gesicht, da er zum Beispiel jeden Abend mit der Stirn den schweren Mikrofonständer wegköpft. Kommt man dieser Show nahe, muss man sagen: Sie ist tatsächlich richtig gefährlich. Man trägt Narben davon von umherfliegenden Funken, Augenreizungen von Licht und Rauch, Verbrennungen von den Feuerstößen.

Die Dunkelheit ist das eine, das Licht das andere. Die Lautstärke ist das eine, das Flüstern das andere. Die Trauer ist das eine, die Komik ist das andere. Man wird Rammstein nicht verstehen, wenn man sich mit Widersprüchen nicht abfinden mag. Das geht schon damit los, dass diese monstergroße Sonderbotschaft der deutschen Sprache nicht in den Riesentöpfen der Kultursubventionierung zusammengebraut wurde.

Goethe-Institut? Tja, am Arsch.
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Kommentare

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Kommentar:

  • O. García (0) Großartig! Der Beitrag wäre ein würdiger Anwärter auf den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Aber wehe, wenn der Autor nicht im Keller unter dem Gitterboden war, von dem eingangs die Rede ist. :)
    Ebenso hervorragend die Fotografien.
  • detlef camp (0) Das war seit langer , langer Zeit das Beste , was ich zum Thema Musik gelesen habe - deshalb : vielen Dank !!!
  • Christian Schlosser (0) Auch von mir Danke! Ein wunderbarer und tiefsinniger Artikel ueber das wahre Rammstein.
  • RALF HUETTNER (0) Whow. Kompliment für diesen Artikel. Danke...
  • Marc Lohschmidt (0) Danke.
    Danke für diesen wirklich guten Artikel.
    Ich freue mich sehr, dass es Leute in dieser Branche gibt, die gegen den Mainstream schwimmen.
    Rammstein eben nicht runterschreiben oder in die rechte Ecke stellen.
    Eben Medienleute mit Cochones.
    Und dabei nicht nur auf die Knalleffekte hinweisen, sondern auch die Feinsinnigkeit hinter der Maske zu deuten wissen.
    All die flachdenkenden "Feuilletonisten", die sich dem Strom der erhobenen Zeigefinger hingeben, können die Lyrik nicht sehen, die da musikalisch-brachial auf den Hörer herniedergeht.
    Die Kritik an all dem einbetonierten, reglementierten, ökologisch und moralisch sauberem Bildungsbürgertum jeglicher politischer Couleur.
    Wut. Pure und brutale Wut auf alles was in bornierter Sturheit Grenzen und Rahmen setzt.
    Vielen Dank Euch beiden für den Einblick, der hoffentlich vielen die Augen öffnet und zum Denken zwingt.