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Musik 05. Juli 2012 23 Kommentare

Feuer, Wut und feine Lyrik

Erstmals hat die Band Rammstein Journalisten einen tiefen Einblick in ihr Leben und ihre Arbeit gestattet. Für die morgige Ausgabe des SZ-Magazins begleiteten der SZ-Journalist Alexander Gorkow und der Fotograf Andreas Mühe die Musiker mehrere Wochen lang auf ihrer Tournee durch Kanada und die USA. Ein Auszug.

Fotos: Andreas Mühe




»Wer Gutes tut, dem wird vergeben / So seid recht gut auf allen Wegen / Dann bekommt ihr bald Besuch / Wir kommen mit dem Liederbuch.«
(Rammstein, Ein Lied)

Rammstein sind Deutschlands größtes Missverständnis - zugleich sind sie Deutschlands größter Kulturexport. Mit Journalisten reden die Musiker ungern oder gar nicht. Der Leiter der Seite Drei der Süddeutschen Zeitung, Alexander Gorkow, (45), und der Fotograf Andreas Mühe, (32), kennen die Band seit Jahren. Erstmals gewährten die Musiker jetzt einen tiefen Einblick in ihr Leben und ihre Arbeit: Gorkow erinnert sich an »viele, viele Stunden mit nachdenklichen, musikalischen und im Kern total aufsässigen Anarchisten«.

Rammstein formierten sich 1994 in Berlin-Prenzlauer Berg. Schnell provozierten Rammstein, zu deren Vorbildern die slowenische Kunstgruppe Laibach zählte, deutsche Behörden und Kritiker mit brachialem Sound und einer martialischen Bühnenperformance aus Feuer und Licht. Anerkennung und Ruhm kamen über das Ausland: US-Regisseur David Lynch untermalte mit der Band 1996 seinen Psychothriller Lost Highway. Der linke Philosoph Slavoj Žižek sagte in einem Interview der taz im Jahr 2010: »So wie Charlie Chaplin in Der große Diktator Hitler zwischen Gebrabbel nur ›Apfelstrudel‹ und ›Wiener Schnitzel‹ sagen lässt, so sabotiert Rammstein auf obszöne Weise die faschistische Utopie.«



Hinter der brachialen Fassade der Musik und einer pro Abend rund eine halbe Million Euro teuren Show erklingt dann oft eine erstaunlich leise Lyrik: »Doch der Abend wirft ein Tuch aufs Land / Und auf die Wege hinterm Waldesrand.«

Und so beschreibt Alexander Gorkow in dem 30-seitigen Porträt etwa Till Lindemann, den Sänger, als Widerspruch-in-Sich: Auf der Bühne eine Kreatur. Und aber auch ein Mann, der leise und wie geschrumpft im Schatten einer Poolbar eines Hotels in Phoenix sitzt, über seinen Texten, über seinen Zeichnungen. Teils ist das Lyrik für seinen Enkel, den kleinen Fritz. Teils ist es auch Lyrik für keinen kleinen Fritz dieser Welt. Mal werden Lieder für Rammstein draus, mal nicht. Mal sind es regelrechte Kurzgeschichten. Mal stehen da nur zwei Zeilen, alleine auf einem Blatt, und schon klingt das wie die Gesamtausgabe Rainer Werner Fassbinders: »In stillen Nächten weint ein Mann / Weil er sich erinnern kann.«

Thilo »Baby« Goos, zuständig für die Veranstaltungstechnik, sagt über die Tournee: »Das, mein Lieber, ist eine der größten Bühnen, die momentan unterwegs sind. 24 Meter breit, 15 Meter hoch, eine reine Stahlkonstruktion. Hier werden 100 Lautsprecherboxen und viel Licht ans Hallendach gehängt, die Crew zieht 50 Tonnen Equipment an 120 Motoren hoch. Die Anlage hat 380 000 Watt. Es muss dengeln. Es ist Rammstein. Die meisten Produktionen sehen heute aus wie Fernsehstudios. Auch die Rockkonzerte. Eiskalt. So geht's auch. Aber nicht bei Rammstein.«

Im SZ-Magazin zeigen Alexander Gorkow und Andreas Mühe die Band in vielen privaten, mitunter intimen Momenten hinter der Bühne. Morgen im SZ-Magazin: ein ganzes Heft auf Tour mit Rammstein.
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Kommentare

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Kommentar:

  • Brigitte Zöllner (0) Wow, das sind mit die ausführlichsten Beschreibungen über diese Band, die ich je gelesen habe :)
    Abschließend sei noch zu erwähnen, dass Rammstein auch sehr viele prominente Bewunderer haben, und zwar aus allen Bereichen. Sollte man denen jetzt auch einen Hang zu nationalsozialistischen Dingen nachsagen? Erstaunlicherweise werden sie grade im Ausland sehr wohlwollend aufgenommen, auch von den Medien, der Presse. Und die wundern sich immer wieder darüber, weshalb Rammstein in ihrem Heimatland solche Probleme haben und schütteln über die Gründe nur müde den Kopf. Und das soll beispielsweise bei den Engländern, Franzosen oder auch Russen schon was heißen.
    Alleine das rollende R (was seit der letzten CD übrigens gar nicht mehr so auffällt) schon wieder zu erwähnen und alleine daraus was "erkennen" zu können - unglaublich! In meinem Heimatland, dem Saarland, gibt es einen Ort namens Eppelborn, dort rollt man das R ebenso, ist halt der Dialekt dort. Sollte es ein bisher von der Welt unentdecktes Dorf voller Nazis sein?? Ich sollte vielleicht schleunigst den unfähigen deutschen Verfassungsschutz darauf ansetzen :)

    Übrigens - man hätte eigentlich damit rechnen müssen, dass diese Auflage stärker nachgefragt wird, trotzdem habe ich jetzt erfahren - obwohl ich mein Exemplar zwei Tage vor Erscheinen hier bestellt hatte - dass alles komplett ausverkauft sei. Ich weiß ja nicht, ob das der Bild-Zeitung passiert wäre.
  • Tilla Eulenspiegel (0) @Maria Peerdeman: Vielen Dank und viele Grüße aus Bremen!
  • Maria Peerdeman (0) Allererst: Enschuldigung, mein Deutsch ist nicht so stark und leider auch nicht Fehlerlos. Aber als Ausländerin soll ich trotzdem versuchen unter Worte zu bringen wass das SZ Magazin über Rammstein für mich bedeutet. Weil Rammstein die einzige Grund ist dass ich überhaupt Deutsch lesen kann. Es war Rammstein, und kein andere Band oder Schreiber oder andere Kulturform, denen mich interessiert machte über Deutsch und Deutschland. Weil ich neugierig war, was die Texten von Rammstein bedeuten, habe ich Deutsch gelernt. Und das hat ein Tür geöffnet für ein neue Welt: Deutsche Kultur. Ich verstehe noch nicht wie Brecht und Büsser und Loriot sind - viellicht soll ich das noch lernen...

    Auch Rammstein verstehe ich nicht total, aber ich glaube dass so etwas nie passieren soll. Zu viel zu verstehen, so tief kann mann graben und immer geben die Lieder neue Ecke, kann ich ein Satz anders verstehen und ist in die Show wieder etwas anderes zu sehen. Weil ich denke dass mann nicht erfahren kann wass Rammstein ist wen mann nur die Songs hört oder die Texte lest. Rammstein ist am Besten zu erleben wenn sie auf die Bühne stehen: ein total - Erlebnis für alle Sinne.

    Das SZ Magazin über Rammstein ist deshalb nicht genügend um zu verstehen was Rammstein ist. Es ist ob mann dieses Phänomen anguckt, es macht neugierig nach mehr aber sie reisen schon wieder weiter. Nein, kein blödsinn über wie die Texten interpretiert müssen werden - links oder rechts. Dass ist für jeder um selbst zum interpretieren - oder nicht. Als Holländerin finde ich das sowieso fremd: diese politische Quatsch denen um Rammstein gemacht wird. Verstehe ich total nicht. Das ist doch auch nicht die Sache mit zB. Scorpions, oder Tokio Hotel? Auch Musik aus Deutschland aber ohne diese politische Belastung.

    Für mich erzählen Rammstein Songs von Dinge die es auf der Welt gibt. Auch über slechte Sachen aber die Sachen sind einfach da. Und Rammstein macht dass ich ein Meinung darüber formen kann. Ich bin dabei frei um meine Meinung darüber zu formen, es wird mich nicht aufgedrängt durch die Herrn. Und jeder ist frei um ein Meinung zu haben über diese Band, über diese Musik, über diese Show. Jeder darf darüber sagen wass mann will. Aber ich hoffe dass jeder einander mit Respekt ansieht, auch wenn die Meinung nicht dasselbe ist. Guck mal weiter denn ihre eigene Meinung, und sehe wass diese Band schon bedeutet hat für Deutschland...

    Ich weiss, ich bin ein Rammstein Fan. Ein grosse Rammstein Fan. Ich kann damit leben dass nicht jeder diese Musik liebt und versteht. Aber liebe Deutsche Leute, sei doch ein bisschen stolz auf diese sechs Herrn. Sie verkaufen ihre Konzerte in Stunden total aus. Sie sind stolz um Deutsch zu sein ohne zu bewehren dass sie besser sind denn andere Nationalitäten. Sie haben mich gelernt dass es viele slechte Sachen gibt - und dass ich dass wissen muss. Ich kann nicht mehr den Kopf ins Sand stecken, "Ich habe es nicht gewusst" sagen, weil Rammstein mich gewarnt hat. Sie warnen - und reisen weiter. Und ich folge. Hoffentlich noch viel weiter...
  • Tilla Eulenspiegel (0) Vielen Dank für diese Rückmeldung, Hardy Funk. Sie ist sehr ehrlich, und das weiß ich zu schätzen. Und: über Geschmack läßt sich wirklich nicht streiten. Deshalb kann ich wunderbar damit leben, wenn jemand Rammstein oder andere von mir geschätzte und jahrzehntelang von Rockhörern unterschätzte Musiker (darunter auch Brian Wilson, Scott Walker sowie die gesamte klassische Musik) nicht ertragen kann, weil er andere Hörgewohnheiten hat. Ich sage nur immer: Lernt alles, was wirklich gut ist, zu schätzen, sonst entgehen euch Schätze.

    Und nun noch etwas Bemerkenswertes. Vorhin habe ich zufällig entdeckt, was Campino (früher ein entschiedener Rammsteingegner) dem SZ-Magazin anläßlich seines 50. Geburtstags gesagt hat, nämlich: "Bekannte aus Düsseldorf haben vor Kurzem das zwölfte Kind bekommen, das ist Punkrock in Reinkultur. Besser geht?s nicht." (Quelle: http://tinyurl.com/c4paqjy) Man stelle sich vor, Till Lindemann hätte das gesagt. Nicht auszudenken, was ihm unterstellt worden wäre und bis zum St. Nimmerleinstag vorgeworfen würde.

    Mit den allerbesten Wünschen und Grüßen::

    Tilla Eulenspiegel
  • Hardy Funk (0) Hmm.. also ich würde sagen, K.O. in der dritten Runde. : ) Das waren mit Sicherheit die ausführlichsten und schlauesten Sachen, die ich bisher zu Rammstein gelesen habe, Danke Ihnen beiden.

    Ich denke immer noch, dass die Band von vielen aus - dann quasi falschen - Gründen gut gefunden wird, aber das ist ja nicht die Schuld der Band.

    Naja, ich habe generell ein Problem mit pathetischer Musik, auch mit diesen mir abwechselnd hölzern oder blöd erscheinenden Texten. Aber was Sie schreiben macht Sinn, und ich muss wohl tatsächlich ein wenig Scheuklappen los werden.

    Aber Schade, dass sowas nicht einmal Andeutungsweise im SZ-Magazin vorkommt.
  • Tilla Eulenspiegel (0) Und auch von mir noch einmal: Hallo Hardy Funk! - Inzwischen hat Heidi Schulz einiges gesagt, was ich mit anderen Worten auch hatte sagen wollen. Also füge ich noch etwas anderes hinzu.

    Den 'poplinken' Rammsteinkritikern à la Büsser, deren Sichtweise bisher von den allermeisten deutschen Journalist*innen unreflektiert übernommen wurde, ist eines gemeinsam: sie schreiben immer wieder über "faschistische Ästhetik", Nationalismus und all das, huschen jedoch stets darüber hinweg, worauf es doch bei Songs zunächst vor allem ankommt: nämlich auf die Songs selbst - also die jeweilige Melodie und den Text - und nicht auf deren Darbietung. Bis auf den heutigen Tag werden von den Rammsteinkritikern im Zusammenhang mit den Songs Begriffe wie "Brachialrock", "Lärm", "Machismo", "Gewaltverherrlichung", "Pubertätslyrik", "Schwulst", "Marschmusik", "Teutonentum" u.dgl.m. bemüht. Derlei Klischees jedoch ersetzen keine musikalische Analyse. Allerdings bedarf es auch keiner musikwissenschaftlichen Kenntnisse, um herauszubekommen, daß Rammstein eine erstaunliche Menge an großartigen Riffs und Melodien geschrieben haben. Man muß nur ein gutes Gehör haben, um festzustellen, daß es sich bei Rammsteinstücken zunächst einmal um Lieder handelt, die auch dann noch klingen, wenn man sie zur Gitarre oder gar 'nur' a cappella singt. Schon allein darauf beruht ihr großer Erfolg gerade im Ausland. Aber die hohe folkloristisch-melodische Qualität vieler Rammsteinsongs und die nicht etwa marschmäßig-stumpfsinnigen, sondern synkopiert-federnden Rhythmen sind eben selbstverständlich nicht alles. Hinzu kommen die Texte.

    Auch Büsser zählt zu jeden, die sie als "Pubertäts-Lyrik" (siehe den bereits verlinkten Artikel) disqualifiziert haben. Das ist kompletter Blödsinn. Denn abgesehen davon, daß mir während meines gesamten Rockmusikerinnenlebens noch nie ein pubertierender Jugendlicher oder junger Erwachsener begegnet ist, der solche Texte geschrieben hat, zählt das Schwarzweißdenken bzw. -fühlen zu den typischen Kennzeichen der Pubertät. Rammsteintexte aber sind nicht schwarzweiß oder extrem, sondern loten die Abgründe zwischen den Extremen aus. Ein typisches Beispiel ist gleich das erste Stück auf "Herzeleid", der ersten CD. Wer einen Titel wie "Wollt ihr das Bett in Flammen sehen" und dann Zeilen wie "ihr wollt doch auch das Blut vom Degen lecken / Rammstein" liest, mag sich die Haare raufen. Doch mit gouvernantenhaften Reflexen kommt man bei Rammstein nicht weiter. Gleich die nächsten Verse lauten nämlich: "Ihr seht die Kreuze auf dem Kissen / Ihr meint euch darf die Unschuld küssen". Rammstein verherrlichen also nicht die (sexuelle) Gewalt, sondern bringen unser aller Faszination am Perversen zur Sprache, vor allem aber die Neigung der ganz besonders Braven zum Perversen. Am deutlichsten wird dies in ihrem Stück "Halleluja" (erschienen 2001), das von einem Priester handelt, der sich heimlich einen Lustknaben hält. Wie wir inzwischen wissen, wurde diese Geschichte längst durch die Realität überboten. Doch Rammstein haben alles auf den Punkt gebracht, als unsere saubere Gesellschaft noch nicht wahrhaben wollte, welche Abgründe sich hinter den Fassaden auftun.

    Weshalb Till Lindemann solche Texte schreibt, ist eine Geschichte für sich. Genug, daß er es nicht um des Geldes willen tut, sondern weil er aus vielen Gründen dazu prädestiniert ist. Darin ist er - ein humorbegabter Melancholiker - Wilhelm Busch und Loriot verwandt. Ach! und überhaupt: Loriot. Als die Rammsteinkritiker über den Kannibalensong "Mein Teil" zeterten, dachte ich immer nur an das Adventsgedicht des Vicco von Bülow, dem man vorwerfen könnte, er habe den Kannibalismus verherrlicht. Ein Vergleich beider Texte zeigt eindeutig, daß Loriot sich mit keinem Wort vom Treiben der Förstersfrau distanziert, wohingegen es bei Till Lindemann sarkastisch heißt: "Dazu ein guter Wein und zarter Kerzenschein / Ja, da lass ich mir Zeit, etwas Kultur muss sein". Nicht zuletzt dieser Song zeigt, daß es sich bei Rammsteintexten in aller Regel um Rollenlyrik handelt und nicht um persönliche Aussagen des Sängers, die wörtlich zu nehmen wären. Doch es gibt auch Ausnahmen: und das sind Liebeslieder wie "Ohne dich"; "Wer bist du", "Stirb nicht vor mir" oder "Frühling in Paris". Hier erscheint der Mann als einsam, gebrochen, verzweifelt und suchend, und hier wird das R auch nicht gerollt. Doch das erfährt man nicht von dem Rammsteinkritikern. Die nämlich scheinen diese Songs nicht zu kennen - oder ignorieren sie, weil sie nicht als Beleg für die immergleichen Vorwürfe dienen können, sondern sie im Gegenteil ad absurdum führen. Till Lindemann verherrlicht weder die Gewalt noch das Mackertum und schon gar nicht den Faschismus. Er verherrlicht überhaupt nichts, nicht einmal das, was Rammstein auch immer wieder unterstellt wird: eine 'reaktionäre' deutsche Romantik. Er singt von dem, was ist, und zwar auf eine sehr differenzierte Art und Weise. Um das erkennen zu können, muß man freilich ein guter Leser bzw. Zuhörer sein. Wer Rammsteintexte banal oder gar dumm findet, der muß sich mit Georg Christoph Lichtenberg fragen lassen: "Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?"

    Und nun kurz zur Machart dieser Texte. Auch sie hat zu den zahllosen Unterstellungen beigetragen, jedoch aufgrund von Merkmalen, die im Ausland besonders geschätzt werden. Till Lindemanns Texte nämlich haben das in der Rockmusikwelt bestehende Vorurteil, die deutsche Sprache sei eine unmusikalische, gründlichst widerlegt. Seine Texte klingen musikalisch. Und warum? Weil er aus der Literatur des 19. Jahrhunderts, aber auch aus den alten Kinder-, Volks- und und Arbeiterliedern gelernt hat, worauf es ankommt: Verston und Satzton (bitte danach googeln; ich kann und will hier nicht alles erklären) sollten zusammenfallen, und Songtexte sollten starke Metaphern enthalten. Seine Altersgenossen und die noch Jüngeren in der BRD haben es - anders als seine Altersgenossen in der DDR und im Ausland - nicht gelernt: denn bekanntlich ist mit der gewiß teilweise nötigen Kulturrevolte der 68er ein großer Teil unserer bedeutenden Tradition (speziell die Romantik) als 'reaktionär' verdammt worden. Die Folge? Inzwischen sind Generationen von Schülern und auch von Akademikern dermaßen von unserer Kultur entfremdet, daß sie nicht einmal mehr über ein Mindestmaß an jener literarischen und musikalischen Bildung verfügen, die man besitzen muß, um Rammstein richtig einordnen zu können. Auch die mir bekannten Rammsteinkritiker besitzen diese Bildung nicht. Wäre es anders, verwiesen sie nicht immer wieder gebetsmühlenhaft auf die angeblich so reaktionäre deutsche Romantik, die geradewegs nach Auschwitz geführt habe. Ach! sie hat uns auch Heinrich Heine gebracht; und ohne sie hätte es keinen Bertolt Brecht gegeben, ganz zu schweigen von den Liedern Schuberts oder Schumanns oder auch Hanns Eislers. Rammstein sind die Kinder dieser im Ausland vielgerühmten Tradition, und ihr großes Verdienst besteht nicht zuletzt darin, daß sie uns Wessis (sofern wir nicht schon vorher davon wußten) wieder daran erinnert haben. Dies allerdings paßte Büsser & Co. nicht in ihren politischen Kram; denn nach dem Mauerfall haben sie ja befürchtet, ein Viertes Reich werde anbrechen, und Rammstein mit ihren deutschen Texten und der angeblich faschistischen Ästhetik (die man auch auch als eine "kommunistische" bezeichnen könnte; man vergleiche die Wahlplakate der NSDAP und der KPD) erschienen ihnen als popmusikalische Vertreter dieses Vierten Reichs. Noch 2007 ritt Büsser darauf herum; vgl. das Stück "Ramm-Stein" seiner Band Pechsaftha, http://tinyurl.com/cm5rdg2). Sich dieses Video mit offenen Augen und Ohren anzutun kann ich jedem Rammsteingegner nur empfehlen. Es wirft ein grelles Licht auf den offenbar sehr haßgeplagten Martin Büsser, der - wäre er nicht traurigerweise so früh gestorben - sein (Vor-) Urteil über Rammstein vielleicht noch revidieren würde.

    Womit wir wieder bei der Ästhetik wären. Woraus sich die spezifische Rammstein-Ästhetik tatsächlich speist, nämlich aus vielerlei sehr widersprüchlichen historischen und popkulturellen Versatzstücken, kann jeder selbst erkunden, wenn er nur unvoreingenommen genug ist. Hier sei nur noch kurz auf das Feuer eingegangen. Heidi Schulz hat bereits geschrieben, eine Äathetik sei nicht böse. Das ist richtig. Und es läßt sich auch am Beispiel des Feuers zeigen. Der Kraft dieses Elements haben sich nicht nur die Faschisten bedient, sondern die Menschen aller Zeiten, nicht zuletzt auch diejenigen, die uns vom Faschismus befreit haben. Was das Feuer bei Rammstein bedeutet, zeigt wiederum schon die erste CD, diesmal deren letzter Song, das programmatische "Rammstein". Darin heißt es: "Rammstein / ein Mensch brennt / Rammstein / Fleischgeruch in der Luft / Rammstein / ein Kind stirbt / Rammstein / die Sonne scheint". Auf der einen Seite also das lebensspendende Feuer der Sonne, auf der anderen das todbringende der Menschen. Das Feuer ist weder gut noch böse; es existiert. Und wir bewegen uns dazwischen und können ihm nicht entrinnen. Darum geht es in diesem Lied wie auch in den übrigen Rammsteinliedern über das Feuer, das in allen Kulturen nicht nur als bedrohlich, sondern auch als reinigend betrachtet wurde. Und wer wie ich zu denen zählt, die Rammstein live erlebt haben, der weiß, daß auch und gerade ihre Pyro-Show einen reinigenden Effekt hat. In den Texten ist vom existentiellen Elend die Rede, durch das Rollenspiel der Musiker wird die menschliche Trägödie zur menschlichen Komödie sub specie aeternitatis - und durch das Feuer, das etwas vom heiligen Fegefeuer hat, werden wir neu geboren. Auch und gerade deshalb machen Rammsteinkonzerte, ja sogar die Konzerte guter Rammstein-Coverbands, das Publikum glücklich. Und das hat nichts mit bewußtem Kalkül zu tun, sondern mit der ausgeprägten künstlerischen Intuition der Band, deren Werk eben nicht nur ein deutsches (und schon gar kein "typisch deutsches") ist, sondern ein universelles und zeitloses, das jeder Mensch auf dieser Welt intuitiv verstehen kann. Auch in diesem Sinne machen Rammstein keine somple "Rockmusik", sondern klassische Musik. Dies auch hat dazu geführt, was Tim Renner einst auf einer Konferenz der Tonträgerindustrie bemerkt hat. Als Rammstein dort vorgestellt wurden, waren nicht die für Rockmusik zuständigen Teilnehmer besonders beeindruckt, sondern die Klassikspezialisten. Wie nahtlos sich ein Rammsteinlied sogar in die Musiksprache Johann Sebastian Bachs einfügen kann, ist hier zu hören: http://tinyurl.com/cao42rz. Einer meiner Freunde, ein 71jähriger ehemaliger Krankenhausseelsorger und ein bedeutender Lyriker, der neben Albert Schweitzer auf der Orgelbank sitzen und ihm als einziger auf diese Weise beim Spielen der Werke Bachs zuhören durfte, kam unter anderem durch den "Sacred Mix" von "Ohne dich" zu dem Urteil, Rammstein seien genial. So ist es. Und das ist einer der vielen möglichen Erklärungen dafür, daß sie gerade unter 'linken' deutschen Akademikern so viele Feinde haben. Denn leider ist gar zu vielen 'Linken' hier in Deutschland alles, was das Mittelmaß überragt, aus politischen und wohl auch psychologischen Gründen fürchterlich suspekt. Dies betrifft (um nur 1 Beispiel zu nennen) auch den im Ausland von Kapazitäten wie Susan Sontag gerühmten, hier jedoch um 1980 von der Kritik beinahe einhellig abgelehnten und immer noch so gut wie unbekannten Hitlerfilm von Hans Jürgen Syberberg.

    An dieser Stelle will ich nur noch sagen, wie ich zum Rammsteinfan wurde. Da ich mit der Muik der 50er und 60er Jahre aufgewachsen bin, Germanistik studiert und selbst jahrelang in Bands gespilt habe und Songs mit deutschen Texten geschrieben habe, stellte mir eine junge Freundin 1997 die CD "Sehnsucht" vor, um mein Urteil zu hören. Sie kannte die bereits kursierenden Faschismusvorwürfe gegen Rammstein, war aber trotz (oder wegen?) ihres ausgeprägt guten Musikgeschmacks - sie liebte Tori Amos und Portishead - begeistert von der Musik und litt unter dem Anflug eines schlechten Gewissens, weil sie schließlich wie all ihre Freunde mit den Rechten nichts zu tun haben wollte. Ich hörte die ersten Takte der CD, ließ mir das Booklet geben, lauschte und sagte: "Das soll rechts sein? Das soll Krach sein? Blödsinn. Das ist Literatur. Das ist Kunst."

    Und so sehe ich das alles erst recht, nachdem ich alles Erreichbare von Rammstein, Feeling B etc. gehört und fast alles über sie und die DDR-Bands, aus denen sie hervorgegangen sind, gelesen habe. Dies ebenfalls zu tun kann ich jedem nur allerwärmstens empfehlen. Rammsteinkritiker, die all das noch nicht kennen, haben nichts zu verlieren als ihre Scheuklappen, aber eine ganze musikalische Welt zu gewinnen.
  • Reinhard Genseleiter (0) Bin enttäuscht. Dünne Story. Fade Bilder. Mieses Layout.
  • Heidi Schulz (0) Hallo Hardy Funk, danke für ihre neuen Ausführungen, die bringen doch die Diskussion weiter.
    Dazu möchte ich Folgendes sagen. 1. Denke i c h durchaus nicht, dass R+ unpolitisch ist. Ich schätze nur diejenige politische Kunst gering, die sich darauf beschränkt, bestimmte politische Aussagen und Positionen zu illustrieren. Das ist für mich Agitprop, und keine Kunst Wir sind gegen Nazis! Na fein. Das sind wir doch alle, irgendwie ? na und? Kunst soll nicht illustrieren, sondern bestimmte Dinge so darstellen, dass eine Erkenntnis entsteht, die vorher so nicht da war. Und das kann dann sehr politisch sein, auch wenn kein politscher Slogan skandiert wird. Und in diesem letzteren Sinne ist Rammstein sogar sehr politisch. 2. Kunst muss interpretiert werden. Bilder müssen interpretiert werden. Kein Bild ist das, was es ist. Wenn jemand auf der Bühne den Nazi spielt, dann muss ich mich doch fragen: Was bedeutet das? Und nicht einfach den moralischen Zeigefinger erheben und böse, böse Nazis rufen. Das Traurige an der Rezeption Rammsteins ist, dass eine Interpretation nicht stattfindet. Die Reaktionen, die sie anführen, sind nichts als das übliche Werbegeplapper der Musikindustrie-Maschine. Die Intellektuellen müssten dem eigentlich eine Interpretation entgegensetzen, aber was tun sie? Sie erheben den moralischen Zeigefinger. Paradebeispiel ist da Martin Büsser. 3. Zizek ist der Einzige, der eine Interpretation versucht hat, und er sagt z.B.: Das R+ Universum ist die Welt der obszönen Überich-Verfügungen. Welche Welt ist da gemeint? Nicht der sogenannte Totalitarismus, sondern unsere schöne Spassgesellschaft, in der die Leute permanent zum ?Geniessen? ? d.h. zur Überschreitung sämtlicher Normen, zum Immer-Mehr-haben-Wollen - angepeitscht werden. Siehe dazu bspw. der Rammstein-Song Mehr auf Lifad. Um die verschiedenen Arten der Überschreitung geht es in jedem einzelnen Rammstein-Song. Allerdings muss man schon auf den Text hören, um das zu bemerken. Sich einfach hinstellen und sagen, der Text ist unwichtig, ich sehe ja, dass das Nazis sind, das ist dann wohl der Gipfel der Ignoranz. Rammsteinfans lesen übrigens die Texte, sogar die im Ausland. Der vermeintliche Faschist, den Sie auf der Bühne sehen, das ist ein Bild für diesen Einpeitscher, der zum Geniessen antreibt, der totalitäre Herr der Spassgesellschaft. Rammstein zeigen etwas, was normalerweise unsichtbar bleibt. Das ist die quasi-faschistische Dimension dieser schönen neuen Welt von Spass und Konsum, die sie auf der Bühne inszenieren. 4. Rammstein zeigen nicht nur diesen ?Herrn?, sondern auch die Kehrseite, das Individuum, das mit den Befehlen dieses Herrn bombardiert und dabei zerstört wird. Der Front-Sänger verkörpert beide Rollen. Wenn er auf der Bühne herumkriecht, verwirrt umherirrt, seltsame Verrenkungen macht usw. - schauen sie sich mal die Live-Videos von Heirate mich, Seemann, Mein Herz brennt? an ? wo ist da der Übermensch? Da ist nur eine gequälte Kreatur ? jemand, der getreten wird, weil er sich freiwillig zum Wurm gemacht hat, weshalb er auch kein Mitleid verdient , wie Kant sagt ? so wie die Insassen im Big Brother-Container. Für die Nazis wären diese Rammstein-Kreaturen entartete Kunst gewesen. 5. Sollte es Leute im Publikum geben, die sich am Anblick eines Faschisten berauschen (wie gesagt, ich habe solche Leute weder in Konzerten, noch in Rammstein-Foren angetroffen), dann sind das eben arme Schweine. Aber sie tun ja nichts anderes als die Kritiker mit dem moralischen Zeigefinger. Beide schreien: Huch, ein Nazi, nur das die einen das begrüßen, die anderen verabscheuen. Als interpretationsunfähig erweisen sich beide.
    Zusammenfassung: Ein Bild/eine Ästhetik ist nicht böse! Ein Bild ist immer nur ein Zeichen.
  • Tilla Eulenspiegel (0) Hallo Hardy Funk, - gern würde ich auf der Stelle ausführlich antworten, habe jedoch eine längere Zahnarztsitzung vor mir. Deshalb hier erst einmal nur: daß Sekundärliteratur hilfreich sein, aber niemals das Studium der Quellen ersetzen kann, schon gar nicht dann, wenn es um Rammstein geht. Mehr dazu hoffentlich bald an dieser Stelle.
  • Hardy Funk (0) Hallo Tilla Eulenspiegel und Hallo Heidi Schulz. Der verwirrte Zizek ist tatsächlich eine blöde Bemerkung gewesen, und auch der Ulf Poschardt gehörte hier nicht rein. Ich habe mich hinreißen lassen, einen viel zu saloppen Kommentar zu schreiben, auch einiges anderes war wohl unnötig frei Schnauze in meinem Kommentar.

    Frau Eulenspiegel, ich kannte den Poschardt-Artikel tatsächlich nicht, habe mich aber trotzdem "mit Rammstein beschäftigt", zum Beispiel "Wie klingt die neue Mitte" von Martin Büsser gelesen. (Mit Poschardt meinte ich den Poschardt, der 2005 neoliberale Positiotnen schick machen wollte, aber das gehörte wie gesagt eh nicht hierher.) Im übrigen denke ich aber, dass man sich auch ohne Lektüre zu Rammstein eine Meinung machen kann.

    Frau Schulz, habe ich behauptet, Rammstein wären keine Kunst? Ich denke nicht. Natürlich machen Rammstein Kunst. Das heißt aber nicht gleich, dass diese harmlos oder unpolitisch wäre.

    Ich bleibe bei meiner Einschätzung, dass Rammstein eine rechte Band ist. Sie geben ja selbst zu, dass sie sich einer faschistischen Ästhetik bedienen. Die Musik ist purer Pathos, der Gesangsstil ist alte deutsche Schule, womit nicht nur das rollende R gemeint ist, sondern auch der kommandierende, herrische Ton. In Videos und auf der Bühne stellen sie den gesunden, starken, oft martialischen Mann dar. Die Live-Shows baden ebenfalls in Pathos und dem schon mehrmals erwähnten faschistischen (bzw. allgemein totalitären) Tand.

    Ich denke nun durchaus, dass dieses totalitäre Formenrepertoire und die harte, pathetische Musik wirken. Ich denke deswegen sind Rammstein - auch gerade im Ausland, auch gerade in den USA - so beliebt. Offenbar liegt in all dem eine Faszination, auch die Autoren sind z.B. von dem vielen Feuer fasziniert. Für mich zielen die Live-Auftritte auf Überwältigung, und überwältigt sind die Zuschauer dann auch. Die Autoren heben gerne zwei vermeintlich parodistische Episoden der Auftritte hervor, die Domina- und die Koch-Einlage, die brechen aber nicht die Ästhetik.

    Zwei der beliebtesten Reaktionen auf Rammstein sind dann auch "You're awesome" und "You're fucking awesome". Und nicht "You're so good at making fun of Nazi propaganda", oder "Ihr seid so toll doppel- und dreibödig", wie der Vater von GItarrist Paul Landers meint. Mal ganz erhlich: es geht doch bei Rammstein nur darum, dass es fett, fett, fett ist, und provokant. Was ich in Internet-Foren so gelesen habe, sind sich viele gar nicht bewusst, dass Rammstein eine faschisitische Ästhetik benutzen. Überwältigt sind wie gesagt auch die Autoren, sonst würden sie nicht die ganze Zeit fasziniert über die ganze Pyrotechnik schreiben. (Hätten sie Hitlers Inszenierungen auch so begeistert beschrieben?) Nein, natürlich machen die Zuschauer keinen Hitlergruß, aber was ist das denn auch für eine holzschnittartige Vorstellung von "faschistisch". Aber ja, ich war noch auf keinem Rammstein-Konzert, kenne nur, was in Videos zu sehen ist und was in Foren so geschrieben wird.

    Nun finde ich es ziemlich naiv von Rammstein, sich hinzustellen und zu sagen, sie und ihre Kunst seien unpolitisch. Kunst ist immer politisch und das Männer- und Frauenbild, das Rammstein propagieren, brauche ich wohl nicht noch extra auszubreiten.

    Es gibt von Klippenberger ein Bild, "Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen", auf dem lauter viertel Hakenkreuze sind, aber nicht ein richtiges. Ein bisschen so kommt mit die Diskussion um Rammstein vor. Im Grunde ist die Ästhetik von vorne bis hinten faschistisch, aber es ist nirgendwo ein Hakenkreuz oder eine SS-Rune drauf. Und die Band sagt ja selbst, sie sind keine Nazis, und auf das Rollen des Rs sind sie nur zufällig gekommen, und zu Gewalt haben sie auch noch nie aufgerufen. So: dann kann das ja auch nicht faschistisch sein. Das ist es aber, und so lange es nicht irgendwie gebrochen wird, bleibt es das auch 1:1. Rammstein nehmen diese Ästhetik, die Millionen Menschen das Leben gekostet hat, verkaufen damit Millionen Platten, machen einen auf ahnungslos und sind auch noch jedesmal beleidigt, wenn ihnen der Vorwurf gemacht wird, sie wären rechts. Je akzeptierter Rammstein werden, desto weiter schreitet die Ent-Sensibilisierung gegenüber totalitären Mechanismen voran.

    Ich möchte damit keinerlei Aussage über die Privatpersonen machen. Es ist für meine Argumentation völlig irrelevant, ob die Bandmitglieder selbst nun Nazis sind oder nicht.

    Dass Rammstein sich unreflektiert einer faschistischen Ästhetik bedienen, ist der eine Kritikpunkt. Der andere, dass das SZ-Magazin mit der Reduktion auf die private Ebene, mit dem Nennen von ein paar Namen ohne weitere Erläuterung (z.B. warum hat Lynch denn Rammstein-Musik eingestzt?!), mit dem Herausgreifen und Hochstilisieren einzelner Textzeilen und einem Abfeiern von Größe und Menge der Bühne, der Pyrotechnik, des Tour-Trosses, der Show, dass es mit all dem versucht, Rammstein hoffähig zu machen. Der Heft-Artikel ist, wie schon bemerkt wurde, ziemlich inhaltsleer und unkritisch. Ich würde auch sagen: tendentiell. Er ist eindeutig und absichtlich pro-Rammstein, und macht sich nicht mal die Mühe auf 30 Seiten wenigstens einmal den Faschismus-Vorwurf argumentativ anzugehen. Und damit treibt das SZ-Magazin eben auch die Akzeptanz dieser Ästhetik voran.

    Die Journalisten scheinen der Meinung zu sein, wer privat leise ist, auf der Gitarre Flamenco spielt, Bücher liest, Gedichte für seinen Enkel schreibt und aus bildungsbürgerlichem Hause kommt, könne kein Nazi sein. Wie gesagt, behaupte ich nicht, dass die sechs Nazis sind. Aber zunächst finde ich diese Beweisführung nicht stichhaltig, und selbst wenn es das wäre, würde das immer noch nichts über die Kunst von Rammstein aussagen. Es wäre doch mal interessant gewesen, wie Rammstein zu ihrer Musik und ihrem Auftreten gekommen sind, oder, was sie meinen, warum sie "Deutschlands größter Kulturexport" sind. Woanders habe ich zum Beispiel gelesen, dass die Fan-Basis in Amerika zu großem Teil aus weißen, kriegsbegeisterten "Neo-Macho-Man" besteht - stimmt das, was hat es damit auf sich? Im Heft stattdessen ein paar Worte einer illegal eingwanderten Mexikanerin, auch das bestimmt nicht ohne Hintergedanken so ausgewählt.

    Eins noch: Ich finde nicht erstaunlich, dass die kritischsten Stimmen zu Rammstein aus Deutschland kommen. Es wäre ja schlimm, wenn es anders wäre. Nun möchte ich einerseits gar kein anderes als ein verkrampftes Verhältnis zu Deutschland (oder irgend einer anderen Nation). Andererseits laufe ich auch nicht im Büßer-Hemd rum, so ein Quatsch. Aber auf faschistische Ästhetik steil gehen muss ich auch nicht. Und - weil manchmal so mitschwingt, wer Rammstein kritisiert, würde sich selbst zwingen, es nicht geil zu finden - das will ich auch gar nicht.
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