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aus Heft 29/2012 Männer

Beil ist geil

Johannes Waechter  Illustration: Dirk Schmidt

Manchmal ist es besser, zu spalten statt zu versöhnen: Wie unser Autor die Liebe zum Holzhacken entdeckte.

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Ich möchte etwas gestehen: Ich habe mich in meine Axt verliebt. Der elegant geschwungene Stiel aus Hickory-Holz. Der keilförmige Kopf aus geschmiedetem C60-Stahl. Die messerscharfe Schneide. Was für eine Freude, die Axt mit beiden Händen zu packen und mit roher Gewalt auf einen Holzklotz niedersausen zu lassen! Der dumpfe Klang, der dann in unserem Garten tönt, trägt eine Botschaft von Kraft und Männlichkeit durch unser Viertel, von starken Armen und dicken Muskeln.

Nicht dass ich das beides hätte. Tatsächlich fällt mir das Holzhacken schwer. Schon nach wenigen Hieben schwitze ich wie ein italienischer Bademeister. Oft treffe ich statt des Holzscheits den Hauklotz – fast ein Wunder, dass ich mir noch nicht ins Knie gehackt habe. Um zwei Bäume zu zerkleinern, die im Garten gefällt werden mussten, habe ich mehrere Jahre gebraucht. Müssten wir mit Holz heizen, wäre meine Familie letzten Winter erfroren.

Andere können das anscheinend besser: In jedem fünften deutschen Haushalt steht irgendeine Art von Holzofen, laut einer Studie der Uni Hamburg hat sich der Brennholzverbrauch in deutschen Privathaushalten zwischen 2000 und 2010 nahezu verdreifacht: Mehr als 33 Millionen Festmeter werden jährlich verheizt. Das ist so viel, dass die holzverarbeitende Industrie um ihren Nachschub fürchtet. »Inzwischen wird bereits die Hälfte des jährlich in Deutschland verfügbaren Holzaufkommens verbrannt«, klagte vor wenigen Wochen ein Branchenverband. Der größte Teil des Brennholzes wird zwar mit maschinellen Holzspaltern zerkleinert, die im Baumarkt teilweise schon ab hundert Euro zu haben sind. Andererseits hacken viele weiterhin freiwillig mit der Axt – nicht nur die Alten, die es schon immer so gemacht haben, sondern auch junge Leute, die sich so das Fitnessstudio sparen.

Zum Beispiel mein ehemaliger Nachbar, Gymnasiallehrer im Münchner Umland. In sein Haus ließ er eine Scheitholzvergaser-Anlage einbauen, das ist eine moderne Zentralheizung, in der Holzstücke verfeuert werden. Nun fährt er mehrmals im Jahr mit der Motorsäge in den Wald und kauft vom Förster Holz, das er selbst zersägt und im Hänger abtransportiert; zu Hause spaltet und stapelt er dann die Scheite. Um durch den Winter zu kommen, braucht er rund zehn Ster, dafür gehen über hundert Arbeitsstunden drauf. Brennholz, so sagt man, macht eben zweimal warm - einmal beim Hacken, einmal beim Heizen.

»Seit einigen Jahren machen Privatleute wieder verstärkt ihr eigenes Holz«, sagt Claudia Hausemann vom deutschen Axthersteller Ochsenkopf. Dabei sei hochwertiges Werkzeug, das früher eher von Profis benutzt wurde, für viele ein Statussymbol geworden. Die Folge: Bei Ochsenkopf zeigt die Tendenz der verkauften Äxte »nach oben«. In den Läden der Designkette Magazin liegen Ochsenkopf-Äxte inzwischen neben Kleiderbügeln und Frühstücksbrettchen, bei Manufactum bestaunen die Kunden den mächtigen Spalthammer, eine besonders dicke Axt der schwedischen Kultfirma Gränsfors Bruks, handgeschmiedet und mit den Initialen des Schmieds gestempelt. Wer es noch ausgefallener mag, greift zum japanischen Forstbeil »Makiwari Ono« oder zur US-Marke Best Made, die von einem New Yorker Hipster gegründet wurde. Deren Äxte stehen in der Londoner Saatchi Gallery und im Geräteschuppen des Filmregisseurs David Lynch.

Ich selbst benutze eine schwedische Spaltaxt, von der der Verkäufer einst behauptete, das Hacken sei mit ihr das reinste Kinderspiel. Was also mache ich falsch?

Bei der Bayerischen Waldbauernschule in Kelheim können Waldbesitzer die Grundlagen der Waldbewirtschaftung lernen und Kurse wie »Mechanisierte Holzernte« belegen. »Das Handspalten spielt in der Forstwirtschaft keine große Rolle mehr«, erklärt mir der Diplom-Forstingenieur Thomas Fottner. Doch natürlich gebe es in der Waldbauernschule noch Profis, die genau wüssten, wie Holz zu spalten sei.

Einer davon ist Hartmut Klosch. Der 44-jährige Forstwirtschaftsmeister ist gebaut wie ein Schrank, mit Oberarmen wie Ofenrohre. Schon Kloschs Vater war »Holzhauer«, 48 Jahre lang arbeitete er im Wald. Zu Hause spaltet Klosch mit einer Axt, die um 1840 geschmiedet wurde und sich seither im Familienbesitz befindet. Dass die Axt messerscharf ist, sei gar nicht so wichtig, sagt Klosch. »Das Holz soll springen und nicht zerschnitten werden.« Er warnt vor der Billig-Axt aus dem Baumarkt und empfiehlt ein Qualitätsprodukt aus hochwertigem Stahl, mit einem Stiel aus Esche oder Hickory. Spaltäxte und -hämmer gebe es in vielen verschiedenen Varianten, doch nicht die Form sei entscheidend. »Es geht darum, das Holz an der richtigen Stelle mit dem richtigen Schwung zu treffen.«

Mit drei Äxten und einer Motorsäge im Kofferraum fahren wir in den Wald. Von einem Stapel Eichenstämmen sägt Klosch einen Hackstock und ein paar kleinere Stücke ab. Er deutet auf einen feinen Riss, der quer über die Schnittfläche eines dicken Klotzes läuft. »Jeder Baum hat einen Hauptriss. Wenn Sie da reintreffen, dann ist das ein Klacks, dann springt der wie ’ne Eins.« Klosch stellt den Klotz auf den Hackstock, holt aus - und die beiden Hälften fallen rechts und links auf den Waldboden. Für mich sucht er einen mächtigen Kloben mit 40 Zentimeter Durchmesser aus. Ich ziele nahe am Rand auf den Hauptriss und haue die Axt so fest ich kann auf den Klotz, im Holz ist aber nur eine winzige Delle zu sehen. »Gleich noch mal, mit Schmackes!«, ruft Klosch. Beim vierten Schlag gibt der Klotz einen matten Knirschlaut von sich. »Jetzt hat er gesprochen, jetzt will er kommen.« Beim nächsten Schlag springt der Klotz entzwei.

Das ist im Prinzip alles. Hauptriss finden, mit Schwung ausholen, treffen. Und natürlich: viel Kraft hinter den Schlag bringen, woran es bei mir leider hapert. Kloschs Tipp: »Je mehr Holz Sie spalten, desto kräftiger werden Sie.«

Holzhacken ist eine erfrischend simple Tätigkeit: Wenn wir mit der Axt hacken, dann genauso wie unsere Vorfahren vor hundert oder tausend Jahren. Die Axt gilt einerseits als das älteste Werkzeug, für Paola Antonelli, Kuratorin am New Yorker Museum of Modern Art, ist sie andererseits heute das »ultimative Gegengift zu unserem Leben in Breitband-Geschwindigkeit«. So geht es beim Hacken auch um archaische Verhaltensmuster und um die Sehnsucht nach einer Tätigkeit, deren Sinn man nicht in Zweifel ziehen kann: Der Baum muss in den Ofen, das Holz muss brennen, das Feuer uns wärmen.

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Trotz seiner Freude am Holzhacken würde Johannes Waechter nicht so weit gehen wie der Schriftsteller Thomas Bernhard, der seinem Verleger Siegfried Unseld schrieb: »Holzhacken oder Ähnliches ist mir die längste Zeit lieber als Schreiben.«