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aus Heft 30/2012 Die Gewissensfrage 5 Kommentare

Die Gewissensfrage

Soll man als Veganer auch auf Lederschuhe und Ledergürtel verzichten?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Marc Herold

»Ich bin Veganer und bemühe mich, nichts ›Tierisches‹ zu konsumieren. Ist es mir moralisch gestattet, Gürtel und Schuhe aus Leder zu kaufen? Mir ist sehr wohl bewusst, dass Tiere überwiegend wegen des Fleisches geschlachtet werden und vergleichsweise selten wegen des Leders. Soll ich trotzdem radikal bleiben?« Conny F., Ulm



In seiner Eristischen Dialektik, oft auch »Die Kunst, Recht zu behalten« betitelt, stellt Arthur Schopenhauer 38 »Kunstgriffe« vor, »so zu disputieren, dass man Recht behält, also per fas et nefas (mit Recht und Unrecht)«; mit erlaubten und unerlaubten Mitteln, unabhängig davon, ob man inhaltlich Recht hat oder nicht. Gleich als ersten dieser Kunstgriffe nennt Schopenhauer: »Die Erweiterung. Die Behauptung des Gegners über ihre natürliche Grenze hinausführen, sie möglichst allgemein deuten, in möglichst weitem Sinne nehmen und sie übertreiben.«

Dies kann man verbinden mit dem Kunstgriff 16: »Argumenta ad hominem oder ex concessis. Bei einer Behauptung des Gegners müssen wir suchen, ob sie nicht etwa irgendwie, nötigenfalls auch nur scheinbar, im Widerspruch steht mit irgend etwas, das er früher gesagt oder zugegeben hat, oder mit den Satzungen einer Schule oder Sekte, die er gelobt und gebilligt hat, oder mit dem Tun der Anhänger dieser Sekte … oder mit seinem eignen Tun und Lassen.«

Und nun wäre man bei Ihrer Argumentation sich selbst gegenüber: Sie bezeichnen sich als Veganer, und weil diese Leder – da aus Tieren hergestellt – ablehnen, sehen Sie sich gezwungen, auch auf Leder zu verzichten. Unterm Strich wenden Sie also einen rhetorischen Kunstgriff gegen sich selbst an.

Wo steht denn geschrieben, dass Sie, wenn Sie sich bemühen, nichts »Tierisches« zu konsumieren, gezwungen sind, das bis zur Perfektion zu treiben? Es wäre in der Tat konsequent, so zu handeln wie Sie beschreiben, aber das ist nicht verpflichtend. Immer wenn man sich bemüht, irgendetwas, das man für sinnvoll hält, zu tun, etwa auf Fleisch zu verzichten oder Energie zu sparen, hört man laufend das Argument: »Dann müsstest du doch auch dies und das tun.« Nein! Wenn man an einer Stelle aus guten Gründen etwas tut oder auf etwas verzichtet, muss man es an anderer Stelle nicht zwangläufig auch machen.

Das ist nur das Argument, besser gesagt, der unerlaubte argumentative Kunstgriff derjenigen, die gar nichts tun wollen. Natürlich ist es gut, konsequent richtig zu handeln, aber es ist besser, ein bisschen was richtig zu machen als gar nichts. Und radikal zu werden ist selten gut. Mir persönlich sind Menschen, die inkonsequent richtig handeln, meist sogar lieber als die, die es mit nahezu religiösem Eifer tun und womöglich sogar missionieren.

Quellen:

Arthur Schopenhauer, Eristische Dialektik, verschiedene Ausgaben, zum Beispiel:
  • Arthur Schopenhauer, Eristische Dialektik oder Die Kunst, Recht zu behalten. Verlag Kein & Aber, Zürich 2009
  • Arthur Schopenhauer, Die Kunst, Recht zu behalten: In achtunddreißig Kunstgriffen dargestellt. Hrsg. von Franco Volpi, Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1995

Online abrufbar bei Projekt Gutenberg


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Kommentare

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  • Stephen Immerwahr (0) Herr Well, ich denke, gerade die besseren Veganerkreise (was auch immer das sein soll) reagieren auf diese Bakterien- und Ameisen-Argumente seit langem nur noch mit etwas, was man heutzutage wohl als "Facepalm" bezeichnet.

    Mich würde wirklich interessieren, warum es der Fragestellerin wichtiger ist, sich "Veganer(in)" zu nennen, als eine zu sein.
  • Alexandra Schmidt (0) Nein, man muss nicht perfekt sein. Nur: das Wort Veganer bedeutet nun mal Verzicht auf alle tierischen Produkte, also auch Leder, gerade kein Leder zu verwenden ist eine sehr einfache Übung. Lösung: sich Vegetarier nennen und so konsequent sein wie man es mit Freude schaffen kann. Die Tiere die unten Justus Well anspricht, sind nicht die von uns ausgebeuteten Nutz-Tiere, und um die geht es aber und um sonst keine.
    Ansonsten, wen das Thema Leder interessiert:
    http://www.peta.de/web/leder_eine.1846.h...
    Leder ? eine Gefahr für Tier, Mensch und Umwelt

    Sie sind der Meinung, es sei völlig in Ordnung Leder zu tragen, da die Häute lediglich den Abfall der Fleischproduktion darstellen? Und Sie denken immer noch, echtes Leder sei ein reines Naturprodukt und stehe für Qualität, Umweltfreundlichkeit und sei gesundheitlich unbedenklich? Lesen Sie folgende Fakten und Sie werden Ihre Meinung ändern!
    Lederlieferant Tier
    (Auszug) Leder ist die Haut eines einst lebendigen Tieres. Häufigste ?Lederlieferanten? sind Rinder und ihre Kälber, aber auch die Häute von Schweinen, Ziegen, Schafen und Pferden werden zu Leder verarbeitet. Der größte Teil der Tiere wird konventionell gezüchtet, was im Klartext bedeutet: Millionen von Tieren werden für die Fleisch- und Milchproduktion ? und somit auch unweigerlich für die Ledergewinnung ? in dunklen, völlig überfüllten Ställen gehalten. Voll gepumpt mit Antibiotika vegetieren sie dahin, bis sie letztlich zum Schlachthof abtransportiert werden. Auf ihrem ?letzten Weg? werden sie oft geschlagen und misshandelt, bevor sie getötet werden und ihnen die Haut vom Körper gerissen wird. Die Behandlung der Tiere sowohl in Zucht- und Milchbetrieben, wie auch in Schlachthäusern ist grausam, entwürdigend und in keinster Weise ?natürlich?. Darüber hinaus ist die Tierwirtschaft ? wie viele Studien mittlerweile belegen ? der Hauptverursacher des Klimawandels!
    (Artikel geht noch weiter)
  • Justus Well (1) Obwohl mir die Antwort von Herrn Erlinger mit dem Verweis auf Schopenhauer sehr gut gefallen hat, schließlich wird das erschlage-Argument "Dann müsstest Du aber auch..." ausgesprochen gerne verwendet, auch von Leuten, die ihn nicht gelesen haben. Leider hinkte das Beispiel etwas, weil man auf Leder noch recht gut verzichten kann. Aber fährt ein Veganer auch Auto? Und was tut er gegen die vielen toten Fliegen auf der Windschutzscheibe? Ein Netz vorne aufspannen, und besonders langsam fahren? Und wie verhindert er, dass er beim Gehen nicht bei jedem Schritt Ameisen, Schnecken und anderes Gekreuch zu Tode bringt? Sogar Kochen von Speisen ist ausgesprochen bakterienunfreundlich, auch für ganz unschuldige Bakterien, die uns nie was zu Leide täten. Sicher alles Fragen, die in besseren Veganerkreisen schon ausführlich diskutiert wurden. Aber man sieht daran in aller Überdeutlichkeit, wie sinnlos dieses "Dann müsstest Du auch"-Argument ist.
    Aber jedes auch noch so schlechte Gegenargument sollte für einen intelligenten Menschen der Anlass sein, über seine wahren Motive nachzudenken. Liegt ihm an der Sache, oder vertritt er eine bestimmte abweichende Meinung, um sich moralisch über seine Mitmenschen erheben zu können. Wem es um ersteres geht, kann seine Grenze ziehen, wo er will. Wer letzteres will, wird zum Missionar, und das ist gefährlich, selbst die Mission für eine gute Sache. Sie kann sich zu Fundamentalismus und Intoleranz auswachsen und damit den zwischenmenschlichen Frieden empfindlich stören. Meist führt das dann zu mehr Unglück, als man ursprünglich verhindern wollte.
    Also, wie schon die alten Griechen sagten "Erkenne Dich selbst"!
  • Kristian Petrick (0) Ich stimme Hr. Immerwahr zu, dass ein ?echter? Veganer sämtliche tierischen Produkte vermeiden sollte. Allerdings ist das in unserer heutigen Welt oft nicht ganz einfach, so dass es nach dieser strengen Definition nur sehr wenige Veganer geben dürfte, dafür eher ?bemühte Veganer?.

    Aber warum sollten eigentlich nur Veganer tierische Produkte vermeiden? Eigentlich müsste die Frage doch vielmehr lauten: ?Ist es mir [als Menschen, nicht nur als einem ? ?bemühten? ? Veganer] moralisch gestattet, Gürtel und Schuhe aus Leder zu kaufen??. Und hier finde ich den letzten Satz von Hr. Erlinger erstaunlich, der ausdrückt, dass Missionieren abzulehnen sei. Natürlich ist Missionieren im Sinne der verachtenswerten Weise, wie Menschen zu einem anderen Glauben missioniert wurden, abzulehnen. Aber wo zieht man die Grenze zwischen ?missionieren? und ?versuchen, jemanden von seinem Standpunkt argumentativ zu überzeugen??

    Sind Vegetarier, Veganer oder Tierschützer nicht moralisch im Recht ? bzw. haben sie nicht ggf. sogar die moralische Pflicht ? , andere auf das Unrecht aufmerksam zu machen, welches Tieren angetan wird? Insbesondere Vegetarier, Veganer und Tierrechtler sollten moralisch unterstützt werden, ihre Meinung offensiv zu vertreten. Natürlich ist das für diejenigen unangenehm, die das Thema ausblenden. Aber wie soll sich denn jemals etwas daran ändern, dass wir Menschen jährlich 60 Milliarden Tiere umbringen, wenn diejenigen, die sich für die Rechte der Tiere einsetzen, gleich als ?Missionare?, ?Ideologen?, "Fundamentalisten" oder ?Radikale? verunglimpft werden?

    Es gibt keine moralisch stichhaltigen Argumente, die dafür sprächen, Tiere für menschliche Bedürfnisse auszubeuten oder zu töten (mal abgesehen von vergleichsweise wenigen, meist sehr armen Menschen in bestimmten Ländern, die sich sonst nicht ernähren könnten). Vegetarier und Veganer bräuchten hier argumentativ wohl nicht einmal Schopenhauers Kunstgriffe anzuwenden. Aber natürlich ist es schwierig, den richtigen Ton zu treffen. Mich persönlich hat erst Jonathan Safran Foers Buch ?Tiere essen? überzeugt, Vegetarier zu werden, mich mehr mit dem Thema Tierrechte auseinanderzusetzen und den Weg eines ?bemühten? Veganers einzuschlagen.

    Übrigens werden offensichtlich Kühe zumindest in Indien ausschliesslich zum Zwecke der Produktion von Leder geschlachtet, welches dann auch in die westliche Welt exportiert wird, siehe Film ?Earthlings? http://www.youtube.com/watch?v=gT3KdBOmK...
    Für eine weitergehende Sicht auf Tierrechte empfehle ich das Buch ?Zoopolis?, welches neulich in der ZEIT besprochen wurde http://www.zeit.de/2012/28/Interview-Kym... - ein Buch, das meiner Meinung nach Pflichtlektüre werden sollte, da es auf sehr überzeugende Weise die individuellen Rechte von Tieren in politische Rechte übersetzt und somit das Bewusstsein schärft.
  • Stephen Immerwahr (0) Herr Ehrlinger, nachdem Sie mir äußerst angenehm als Vorwort-Autor für vegane Kochbücher aufgefallen sind, hätte ich in dieser Frage mehr von Ihnen erwartet. Mehr Sachkenntnis, was Veganismus angeht, anstatt einem trendy Huschi-Fuschi-Veganismus das Wort zu reden; und auf alle Fälle mehr als das Auftragen der alten Hüte vom Veganer als alle missionieren wollenden, fundamentalistischen Selbstkasteier, der sich insgeheim nach feinsten Lederschuhen sehnt, während er selbst nur loses Blattwerk um die verhärmten Füße trägt.

    Ich verstehe das Problem der Fragestellerin nicht. Natürlich soll man als Veganer auch auf Leder verzichten, was denn sonst? Veganismus bedeutet, keine Tiere zu konsumieren, und dass Lederschuhe tote Tiere bedingen ist ja nun wahrlich kein Geheimwissen. Dass mehr Tiere für die Weiterverarbeitung zu Nahrungsmitteln geschlachtet werden, mag sein, ist aber völlig uninteressant für die Frage nach Leder, Pelz oder anderen Dingen, für die Tiere ?vergleichsweise selten? geschlachtet werden.
    Veganismus ist seiner Definition nach keine Ernährungsweise, sondern eine Lebenshaltung, die nicht auf Welpensüßfinderei aus ist, sondern sämtliche Handlungen ablehnt, die ein Herrschafts- oder Unterdrückungsverhältnis gegenüber nichtmenschlichen Tieren darstellen.

    Frau F. soll in Gottes Namen nach ihrer Fasson leben und essen, tragen und konsumieren, was sie für richtig hält, und wenn dazu Lederschuhe gehören, dann soll sie halt welche kaufen und sich weder Veganerin nennen noch sich von welchen einreden lassen, sie sei deswegen ein unmoralischer Mensch.
    Aber wenn sie Veganerin ist, weil es ihr ernst ist, dann ist's eben Essig mit Ledergürteln, -taschen und -schuhen, mit Streichhölzern, Gummibärchen und Zirkusbesuchen, Wollmützen, Seidenschals und Daunenkissen. Das ist nicht radikal, sondern vegan.

    Übrigens: Das Angebot an veganen Schuhen macht im 21. Jhd. Fragen wie die hier gestellte im Grunde überflüssig.