Anzeige

aus Heft 30/2012 Kunst Noch keine Kommentare

Die Rembrandt-Detektive

In der Kunstwelt kann ein schnelles Urteil gigantische Werte schaffen – und genauso schnell vernichten. Vom harten Kampf um die alten Meister.

Von Malte Herwig  Fotos: Koos Breukel

9000 Euro?
Bildergalerie: 1 2 weiter


Das englische Auktionshaus Moore Allen & Innocent versteigert normalerweise Traktoren und Mähdrescher an die Landbevölkerung. Aber am 26. Oktober 2007 kam unter der Losnummer 377 auch ein kleines Ölgemälde zum Schätzpreis von 1500 Euro unter den Hammer. Laut Katalog stammte es von einem »Rembrandt-Nachfolger« und zeigte »den jungen Rembrandt als lachenden Philosophen«. Ein Dachbodenfund, nicht mehr.

Dann geschah etwas Unglaubliches: Kaum hatte der Auktionator die Losnummer 377 aufgerufen, gingen die Gebote in 100 000-Pfund-Schritten nach oben. Der Zuschlag ging schließlich an den Kunsthändler Hazlitt, Gooden & Fox, dem die Wette auf einen echten Rembrandt 2,2 Millionen Pfund Sterling (2,8 Millionen Euro) wert war - zu viel für einen Rembrandt-Nachfolger, aber ein Schnäppchen, sollte sich die Ahnung als richtig herausstellen.

Eins ist klar: Dem leibhaftigen Rembrandt hätte es gefallen, dass sein Selbstporträt fast 350 Jahre nach seinem Tod unter lauter Pflugscharen und Mistgabeln gehandelt wurde wie ein Zuchtbulle auf dem Viehmarkt.

Der Maler galt schon zu Lebzeiten als Genie. Aber wenn es um das Geschäft ging, blieb der Sohn eines Müllers stets bodenständig. Rembrandt wusste, dass er für den Markt arbeitete, und er wusste auch: Einer verliert immer bei solchen Geschäften, entweder der Käufer oder der Verkäufer.

»Niemand zahlt 2,2 Millionen Pfund für einen Rembrandt-Nachfolger«, erklärte nach der Auktion Jan Six, Experte für alte Meister in der Amsterdamer Niederlassung von Sothebys. »Wäre das ein bekannter Rembrandt gewesen, würde er zehn Millionen Pfund bringen.« Six muss es wissen: Er wuchs in einer noblen Amsterdamer Familie quasi mit Rembrandt auf - in Form eines Gemäldes seines Urahns Jan Six des Ersten, den der Meister 1654 in Öl verewigte.

Seitdem tragen alle Erstgeborenen aus dem Hause Six den gleichen Vornamen. Der Kunsthändler ist bereits Jan der Elfte, aber der Erste wirft noch immer seine strengen Blicke aus dem Salon des vornehmen Bürgerhauses an der Amstel auf die Straße. Der Junior ist gerade aus dem Haus, also führt Jan Six der Zehnte durch die Gemächer und gerät vor dem Porträt seines Vorfahren ins Schwärmen: Die Farben! Das Licht! Die Leichtigkeit!

Mit flinker Hand und ohne Detailtreue hat Rembrandt die Schlaufen des roten Umhangs auf die Leinwand geworfen und sie so umso echter erscheinen lassen. »Er hat sie einfach mit dem Finger hingewischt«, sagt Jan der Zehnte und weist mit dem manikürten Zeigefinger auf Jan den Ersten. »Schauen Sie, hier, das ist Rembrandts Fingerabdruck!«

Im Fall des lachenden Rembrandts war sich Jan Six der Jüngste auch ohne Fingerabdruck sicher, dass es sich um eine gute Investition handelte. Nachdem Hazlitt das Gemälde gekauft hatte, verließ Six Sothebys, gründete seine eigene Kunsthandlung und ging eine Kooperation mit Hazlitt ein.

Dort will man sich zum Verbleib des lachenden Rembrandts nicht äußern. Besucher des Ladengeschäftes in der Bury Street in London werden von einer nervösen älteren Frau an der Türschwelle abgewimmelt: »Das Bild ist nicht mehr hier, es gibt nichts weiter zu sagen.«

Ein möglicher Rembrandt ist eine Millioneninvestition - er kann einen reich machen oder bankrott. Wenn der anonyme Verkäufer an jenem Oktobertag 2007 für sein Bild acht Millionen Euro zu wenig bekam, lag das auch daran, dass Ernst van de Wetering gerade in Urlaub und nicht erreichbar war.

Denn Meinungen gibt es viele über Rembrandt. Aber nur eine, die auf dem internationalen Kunstmarkt zählt: Wenn Ernst van de Wetering sagt, ein bisher anonymes Gemälde wie der lachende junge Mann sei von Rembrandt, dann schnellt der Wert des Bildes schnell von einigen Tausend auf viele Millionen Euro.

»Dieser Mann ist so mächtig wie ein römischer Kaiser«, sagt der Londoner Kunsthändler Philip Mould. Der Rembrandt-Restaurator Martin Bijl nennt ihn »den wichtigsten Kunsthistoriker der letzten 50 Jahre«.

Wenige Monate nach der Auktion inspizierte van de Wetering den lachenden jungen Mann und erklärte ihn für echt. Hurra – es ist ein Rembrandt!

Der Kunstexperte hatte unter dem Selbstporträt Spuren eines übermalten Gemäldes entdeckt – nicht untypisch für den frühen Rembrandt, der oft Gemälde übermalte, die er nicht verkaufen konnte. Das Bild war mit den Buchstaben »RHL« signiert: Rembrandt Harmenszoon aus Leiden. Um eine Fälschung auszuschließen, untersuchte van de Wetering die Signatur unter dem Mikroskop. Dabei stellte er fest, dass die Pinselstriche mit der darunterliegenden Farbschicht verbunden waren. Das Gemälde musste also signiert worden sein, als die Farbe noch nass war. Das allein macht ein Gemälde zwar noch nicht zu einem echten Rembrandt, aber auch sonst passte alles: Motiv, Material, Ausführung. Also gab der Übervater der Rembrandt-Forschung dem kleinen Gemälde nicht nur seinen Segen, sondern auch gleich einen Namen. Er taufte es Der lachende Rembrandt.
Anzeige


Kommentare

Name:
Kommentar: