Anzeige

aus Heft 30/2012 Sport Noch keine Kommentare

»Bisher verlief Olympia traumatisch für mich«

Wie gewinnt man eine Goldmedaille? Und wie verändert sie einen? Ein Gespräch mit Deutschlands bekanntester Olympiateilnehmerin Britta Steffen über die Einsamkeit des Gewinnens und die Grenzen des Ehrgeizes.

Von Claudio Catuogno (Interview)  Fotos: Procter & Gamble; laif (2)




SZ-Magazin: Frau Steffen, sprechen wir über den 2. August 2012. London, Olympische Spiele, das Finale über 100 Meter Freistil. Sie treten als Olympiasiegerin an.
Britta Steffen:
Da kann man jetzt einen Bogen schlagen. Ich bin zum ersten Mal Weltrekord über 100 Meter Freistil geschwommen am 2. August 2006, in Budapest. Am 2. August 2009 bin ich zum ersten Mal Weltrekord über 50 Meter geschwommen, in Rom. Und nun also wieder der 2. August: 2006, 2009, 2012.

Erstaunlich, dass die Sportfreunde Stiller dazu noch kein Lied rausgebracht haben, oder?
Das sollte man denen mal vorschlagen. Zwei Tage später, am 4. August, ist dann übrigens das Finale über 50 Meter.

… da haben Sie doch auch einen Titel zu verteidigen?
Ja, und das Rennen ist am 4.8.2012. Auch eine schöne Reihung: 4–8–12.

Sind Sie abergläubisch?
Könnte man meinen, oder?

Wird der 2. August ein guter Tag?
Ich hoffe. Man kann das ja selbst nicht bestimmen, und auch schlechte Tage können am Ende doch gute Tage sein.

Wie werden Sie in der Nacht vorher schlafen?
Gut, tief und kurz. Meistens bin ich am Tag der wichtigen Rennen sehr früh am Morgen – bumms – schlagartig wach. Gegen zwanzig nach fünf. Dann schlage ich die Zeit tot bis sechs, dann geht es mit irgendwem zum Frühstück, ein bisschen ablenken. Dann noch ein Treffen mit Frau Janofske, meiner Psychologin, mit Norbert Warnatzsch, meinem Trainer. Noch mal zum Physiotherapeuten. Das sind so die Rituale, die den Tag strukturieren. Du darfst dich nicht verrückt machen.

Werden Sie auf Zeichen achten?
Überhaupt nicht. Weil ich genau weiß, wie viel passieren kann. Wenn kurz vor dem Start meine Schwimmbrille kaputtgeht, dann ist das kein Zeichen, sondern dann habe ich eine zweite im Gepäck.

Werden Sie danach ein glücklicherer Mensch sein?
Davon gehe ich nicht aus. Weil ich der Meinung bin, dass man nicht alles von einem Moment abhängig machen darf. Es wird bestimmt ein besonderer Tag für mich, aber auch nur ein Tag auf der Lebensreise, die ich zum Teil schon hinter mir habe, die größtenteils aber noch vor mir liegt. Ich freue mich einfach, dass ich diese Olympischen Spiele noch mal bewusst mitnehmen darf. Bisher verlief Olympia ja relativ traumatisch für mich.

Aus der Distanz betrachtet vermutet man immer: Der Tag, an dem ein Sportler Olympiasieger wird, ist per se der glücklichste in seinem Leben. Sie haben den Tag Ihres größten sportlichen Erfolgs, 2008 bei den Spielen in Peking, im Nachhinein als »Horrorwettkampf« bezeichnet.
Stimmt. Es ist in Peking auch jeder enttäuscht gewesen, der mich gefragt hat, wie das ist – Olympiasieger werden. Meistens haben das Jungs gefragt, denen habe ich dann gesagt: »Stell dir vor, du findest eine Frau total toll und denkst, wenn du diese Frau hast, dann ist es die Frau deines Lebens, und es wird das glücklichste Leben überhaupt sein. Dann hast du sie und merkst: Die ist ja gar nicht, wie ich sie mir vorgestellt habe, so fehlerlos und so traumhaft. Und so ist es auch, Olympiasieger zu werden.« Es hat auf der einen Seite etwas absolut Magisches.

Eine Magie, die einen angetrieben hat über all die Jahre?
Klar. Und dann ist man es tatsächlich, Olympiasieger. Der Hype ist riesig, man steht völlig neben sich.

Man fällt am Beckenrand Franziska van Almsick um den Hals und schluchzt: »Ich bin dir so dankbar!«
Es passieren erstaunliche Dinge. Ich sehe mich einerseits auf die Anzeigetafel blicken. Ich sehe mich aber auch von außen, weil ich mir das Rennen ja ein paar Mal im Fernsehen angeschaut habe. Diese Gesichtsentgleisung! Krass, was da so passiert! Dieser Moment für sich ist unwiederbringlich.

Aber?
Aber dann ging eben dieser Marathon los: Ich hatte keine Zeit, meine Familie anzurufen, meinen Trainer zu drücken, überhaupt irgendwen zu drücken, der mir lieb und teuer ist. Ich wurde in die Medienzone gestoßen und musste zwanzig Mal das Gleiche sagen – bis ich es irgendwann nicht mehr fühlen konnte, sondern nur noch gesprochen habe wie eine Schallplatte. Irgendwann war ich dann fertig und musste, weil der Olympiasieg vormittags stattfand, abends wieder schwimmen. Ich bin also
allein ins Olympische Dorf gefahren, habe allein zu Mittag gegessen. Tja, Britta, dachte ich, geteilte Freude ist doppelte Freude, und wenn man sich alleine freut, ist es nur halb so schön. Als ich drei Stunden später wieder zur Mannschaft gestoßen bin, war es natürlich klasse, weil alle mich gefeiert haben und stolz waren. Und weil auch der Druck abgefallen ist, den die Schwimmer anderer Nationen aufgebaut hatten, die vorher zu mir kamen und sagten: Britta, du bist die Einzige, die die Ehre der deutschen Schwimmer hier in Peking noch retten kann.

Klingt nach psychologischer Kriegsführung.
Ja, schön fies. Aber Olympische Spiele, das ist eben ein ziemliches Kauderwelsch für die Psyche. Da sind so viele Sportler am Start, die top vorbereitet sind. Aber nur eine Minderheit schafft es, genau in diesem Moment zu zeigen, was sie wirklich kann.

Eine Weile nach diesem Olympiasieg sagten Sie, dass Sie sich »unangreifbar« gefühlt hätten, »wie auf Wolken«. Das klang wiederum nicht nach Horror und Trauma. Wann haben Sie begriffen, dass Ihnen der Sieg gelungen ist?
Es war zum Beispiel schön, als mein Trainer zu mir gesagt hat: »Britta, du könntest jetzt sofort aufhören. Du hast nun alles erreicht.« Das hat in mir so eine Freiheit ausgelöst, weil ich erkannt habe: Ich muss in meinem Sport gar nichts mehr! Und komischerweise: Wenn man Sachen nicht muss, dann macht man sie plötzlich gerne. Ich habe gerade ein wunderbares Leben: Ich habe in diesem Jahr mein Wirtschaftsstudium zu Ende bekommen. Und ich habe Olympische Spiele vor mir, die mir noch mal einen intensiven Rückblick geben werden auf 2008.

Was ist mit den vier Jahren, die dazwischenliegen?
Die sind mit einem Schnipp vorbeigegangen. Damals war ich 24, jetzt bin ich 28. Ich habe so viele spannende Sachen erlebt, so coole Menschen getroffen. Ich bin in der Zeit unglaublich gereift. Wenn man Bilder nebeneinander legt, Britta 2004, Britta 2008 und Britta 2012 – ich glaube, dass man dann die Entwicklung sieht: Mädchen, junge Frau, Frau.
Anzeige

Kommentare

Name:
Kommentar: