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aus Heft 31/2012 Gesellschaft/Leben

Wege der Hoffnung

Andreas Wenderoth  Illustrationen: Arne Bellstorf

Wann muss das Jugendamt Kinder von ihren Eltern trennen? Wann nicht? Zwei Fälle, zwei gegensätzliche Antworten. Zwei harte Entscheidungen.

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Schmid fragt, ob sie sich schon entschieden hätten. Ob sie die beiden großen Hunde behalten möchten oder das Kind. Noch haben sie nur eines, drei weitere werden bald folgen. Es ist keine ironische Frage. Lorenz Schmid vom sozialpädagogischen Dienst, Jugendamt Regensburg, meint es ernst. Klaus Gruber wohnt mit seiner Freundin damals in einer Einzimmernotwohnung mit Bad im Keller. Sie haben diese zwei riesigen Mischlingshunde, die überall sein dürfen, und ein Neugeborenes, das irgendwo dazwischen liegt. Gruber antwortet knallhart: »Die Hunde waren zuerst da!« Aber vielleicht ist es nur eine Provokation, denn Schmid geht ihm ziemlich auf den Wecker. Das ganze Jugendamt eigentlich. Und all die Leute, die sie ihnen ständig schicken.

Diese Familienhelferin zum Beispiel. Dringt einfach so in ihr Leben ein und will ihnen dann auch noch erzählen, was sie alles falsch machen. Das Jugendamt verfolgt Klaus Gruber schon sein ganzes Leben. Als er zwei Jahre ist, sterben seine Eltern, die Pflegefamilie ist mit ihm überfordert, mit 15 schmeißen sie ihn raus, er kommt in eine Jugendwohngruppe und steht unter Vormundschaft des Jugendamtes. Und nun, 25 Jahre später, schickt ihm der Herr Schmid mit seinem Dreitagebart diese Frau Gschlößl, die er am liebsten von hinten sieht. Er hasst sie und das, wofür sie steht. Schaltet auf Durchzug, wenn sie redet, schon aus Prinzip: »Ins eine Ohr rein, beim anderen wieder raus«, das ist seine Strategie im Umgang mit ihr. Soll sie ruhig klug daherreden. Meist geht er sowieso aus dem Zimmer, wenn sie kommt.

Je mehr Kinder er hat, desto mehr will sie von ihm: Die Wohnung muss aufgeräumt sein, die Kleidung gewaschen, im Kühlschrank vernünftiges Essen für die Kinder, der Müll darf nicht am Boden liegen! Und wo sie die Kinder überall hinbringen müssen: Keinen Tag haben sie Ruhe, Logopädie, Heilpädagogik, Ergotherapie, da kann man ja kaum die Namen aussprechen. Wie anmaßend sie ihm erscheint. Und welchen Druck sie ausübt. »Ihr macht das, oder ich sage es dem Jugendamt!« Andererseits: Wenn sie nichts sagt, machen sie auch nichts. Das muss sogar er zugeben.

Es ist so eine Sache mit den Jugendämtern. Eigentlich können sie tun, was sie wollen, sie sind immer schuld. Wenn sie helfen, bekommen sie Dresche, sollten sie es versäumen, erst recht. In Grubers alter Wohnung ist, nachdem eine andere Familie eingezogen war, vor einiger Zeit ein Kind unglücklich aus dem Fenster gefallen. Erdgeschoss, aber direkt auf eine Stange. Genickbruch. »Versäumnisse beim Jugendamt«, hieß es anschließend in der Lokalpresse. »Aber was hätten wir denn tun sollen?«, fragt Lorenz Schmid und schaut über seine randlose Brille. Sie sind ja schließlich kein 24-Stunden-Wachdienst. Soll man bei problematischen Familien die Balkons abreißen, die Fenster zunageln? Die Badewannen rausreißen und das Küchenbesteck vernichten? Dass es in der Öffentlichkeit oft so dargestellt wird, als ob sie ständig nur in der Gegend rumfahren und sich überlegen, welche Kinder man aufsammeln könnte, findet Schmid nicht in Ordnung. Oder um es mit seinen Worten zu sagen: »Da steh i baff davor!«

Es ist ja nicht irgendeine, sondern die folgenreichste Entscheidung überhaupt, die er und seine Kollegen treffen müssen, wenn sie ein Kind aus der Familie nehmen. In ganz Deutschland passiert das 38 500 Mal im Jahr, also 105 Mal am Tag. In Regensburg haben sie vor zehn Jahren 22 solcher Fälle gehabt, letztes Jahr waren es bereits 125, auch die Gefährdungsmeldungen nehmen fast jährlich zu. Dabei ist Regensburg beileibe kein sozialer Brennpunkt: eine barocke 135 000-Einwohner-Stadt mit ostbayerischem Charme, weit weg von den Abgründen der Großstadt. Nur drei Prozent Arbeitslosigkeit, das größte Wirtschaftswachstum in Deutschland. Sangesfreudiger Bischofssitz und derer von Thurn und Taxis. Ein katholisches Bollwerk mit klarem Bekenntnis zur Familie, sollte man meinen. Und doch alles andere als eine Garantie, dass ein Kind hier ungefährdet aufwachsen kann.

Diese Geschichte soll von zwei Fällen elterlicher Überforderung erzählen. Scheinbar ähnlich, führen sie zu völlig unterschiedlichen Entscheidungen des Jugendamtes. Zumindest in einem Fall hätte das Jugendamt ebenso begründet auch genau anders entscheiden können. Die Konsequenzen dieser Abwägung sind gewaltig – sie entscheiden über das künftige Leben eines Kindes. Und seiner Eltern.
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Auf dem Weg zu dieser Geschichte fragte der Berliner Reporter Andreas Wenderoth bei Dutzenden Jugendämtern in Deutschland an. Meist wurde er vertröstet, man werde nach geeigneten Fällen suchen, ja, wir rufen zurück. Zuweilen gab es begründete Absagen, etwa wenn die Familien nicht mitspielen wollten. Und hin und wieder erfuhr er, man habe keine Lust auf Presse, zu viele schlechte Erfahrungen. Umso erstaunter war Wenderoth, als sich nach Monaten erfolgloser Vorarbeit in Regensburg die Türen weit öffneten.