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aus Heft 33/2012 Literatur 8 Kommentare

»Gefoltert zu werden verändert einen Menschen für immer. Dein altes Selbst bekommst du nie wieder zurück«

Ein Gespräch mit dem brasilianischen Bestseller-Autor Paulo Coelho. Über sein Leben als Drogenabhängiger, Folteropfer, Satanist, Psychiatrieinsasse, Buchautor und vieles mehr.

Von Sven Michaelsen (Interview)  Fotos: Roland Tännler




Kritiker bezeichnen Paulo Coelho gern als »Schriftstellersimulation«, doch es gibt auf der ganzen Welt nur neun Autoren, die mehr Bücher verkauft haben als er.



SZ-Magazin: Herr Coelho, kein lebender Schriftsteller hat eine kurvenreichere Biografie als Sie. Journalist, Theaterregisseur, Buchverleger, Plattenmanager, Songtexter, LSD- und Kokainjunkie, Folteropfer, Satanistenjünger, Psychiatrieinsasse, Autor von Büchern, die sich 135 Millionen Mal verkauft haben: Was empfinden Sie, wenn Sie auf Ihre Vita zurückblicken?

Paulo Coelho: Zuerst Verblüffung – und dann große Fremdheit. Wenn ich im Internet auf einen Lebenslauf von mir stoße, denke ich: Was, diese Person sollst du sein? Beim Wiederlesen meiner Bücher sage ich manchmal laut vor mich hin: »Mein Gott, dieser Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela, das warst ja du!« Der Mensch, dem ich da begegne, ist mir heute genauso fern wie der Paulo Coelho, der mal zwei Jahre lang Kommunist war.

In den Augen Ihrer Eltern waren Sie ein Problemkind. Mit 16 schickte man Sie zum Psychiater, mit 19 ließ Ihr Vater Sie in einer Zwangsjacke in eine psychiatrische Anstalt bringen, wo Sie mehrere Wochen lang mit Psychopharmaka und Elektroschocks behandelt wurden. In Ihrer Krankenakte hieß es: »Patient mit schizoider Persönlichkeit, sozialen und affektiven Kontakten gegenüber abweisend. Ist unfähig, Gefühle auszudrücken und Freude zu empfinden.«
Ich war ein Schulversager, der unter Einsamkeit, Schwermut und Verzweiflung litt – aber ich war nicht geisteskrank! Konfusion, Verhaltensunsicherheit und Orientierungslosigkeit gehören doch zur Definition von Jugend.

Hassten Sie Ihre Eltern wegen der Einweisung in die Psychiatrie?
Nein. Ich hatte eher Mitleid mit ihnen. Es muss traurig für sie gewesen sein, einen Sohn wie mich zu haben. Die Eltern anzuklagen führt zu nichts. Sigmund Freud hat wichtige Entdeckungen gemacht, aber er war auch ein großer Unheilsbringer. Er hat das blame game erfunden. Statt sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, bohrt man in der Vergangenheit herum und schiebt seine Malaisen auf Vater und Mutter.

Mit 14 entwickelten Sie die fixe Idee, ein hochgeachteter, in allen Erdteilen gelesener Schriftsteller zu werden.
Ich war ein asthmatischer Junge, der keine Muskeln hatte, nicht Fußball spielen konnte und sich hässlich fühlte. Die Mädchen schauten durch mich hindurch. Mich mit dem Schreiben von Büchern aus dieser Schmach zu befreien wuchs sich zu einer Obsession aus. Mit jedem Tag, an dem ich wieder nichts geschrieben hatte, wurde meine Überzeugung stärker, ein Schriftsteller zu sein. Auch als ich mich der Hippie-Bewegung anschloss und alle möglichen Drogen nahm, wusste ich in jeder Sekunde, dass ich einmal die Bücher schreiben werde, die ich heute schreibe. Wer weiß, vielleicht war mein Traum vom Weltruhm eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

In einem Ihrer fast 200 Tagebuchhefte aus dieser Zeit heißt es: »Mein großes Ideal: derjenige zu sein, der DAS Buch des Jahrhunderts geschrieben hat, DIE Gedanken des Jahrtausends, DIE Geschichte der Menschheit.«
Das klingt ziemlich megaloman, oder? Ich glaube aber, dass Selbstüberschätzung und eine Dosis Größenwahn notwendige Voraussetzungen für Erfolg sind. Man lädt mich gelegentlich zu Veranstaltungen ein wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Da höre ich Reden, in denen berühmte Unternehmer und Spitzenmanager endlos über Werte sprechen. Ich sage dann: »Werte sind wichtig, aber vergesst euer großes Ego nicht. Ihm habt ihr es doch hauptsächlich zu verdanken, dass ihr hier sitzt. Hättet ihr ein kleines Ego, wäret ihr bereits am ersten Hindernis gescheitert.« Ein großes Ego zu haben ist für mich nur dann eine Sünde, wenn man nicht weiß, wie und wofür man es benützen soll.

Mit 27 wurden Sie in Ihrer Heimatstadt Rio de Janeiro auf offener Straße von einem Kommando des Geheimdienstes DOI-CODI gekidnappt und in eine Kaserne verschleppt. Aus welchem Grund?
In Brasilien herrschte zu Beginn der Siebzigerjahre eine brutale Militärdiktatur. Ich gehörte zur Gegenkultur und schrieb Songtexte für den brasilianischen Popstar Raul Seixas. Die Geheimdienstleute wurden offenbar aus meinen Texten nicht schlau, und was sie nicht kapierten, hielten sie automatisch für gefährlich. Das Taxi, in dem ich mit meiner damaligen Frau saß, wurde von mehreren Zivilfahrzeugen gestoppt. Man prügelte uns aus dem Auto heraus und zog uns schwarze Kapuzen über die Köpfe.

Wie lange hielt man Sie gefangen?
Das weiß ich nicht. Ich habe in meiner Zelle jedes Zeitgefühl verloren. Meine Eltern sagen, ich sei eine Woche verschwunden gewesen. Die Männer, die mich folterten, bekam ich nie zu Gesicht. Bevor man mich in den Verhörraum führte, wurde mir jedesmal eine Kapuze über den Kopf gezogen.

Wie wurden Sie gefoltert?
Ich habe zwei Arten von Folter erlebt. Die eine war physischer Natur. Ich musste mich nackt ausziehen und bekam Schläge und Elektroschocks. Das war die Erfahrung reiner Grausamkeit, aber um vieles schlimmer war die psychische Folter. Ich wurde nackt in etwas gesperrt, was »der Kühlschrank« genannt wurde: eine lichtlose, zwei Mal zwei Meter große Zelle, in der es eiskalt war. Ab und zu wurde über meinem Kopf eine Sirene eingeschaltet. Ich öffnete und schloss meine Augen und sah immer dasselbe: Schwärze. Die Dunkelheit und das Frieren rauben dir den Verstand. Man gerät an den Rand der Verrücktheit.

Haben Sie unter der Folter Ihre Selbstachtung verloren?
Oh ja. Erniedrigung zählt zu den schlimmsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Ich habe meine Selbstachtung aber wiedergefunden. Die einzig wirksame Therapie, die ich kenne, ist Zeit. Bei mir hat es drei Jahre gedauert, das Gefühl loszuwerden, immer noch in meiner Zelle gefangen zu sein. In den ersten Wochen nach meiner Freilassung traute ich mich nicht aus dem Haus. Ich hatte Paranoia und bildete mir ein, dass ich verfolgt werde und mein Telefon verwanzt ist. Dieser Wahnzustand führte zu einem seelischen Zusammenbruch. Meine Freunde verschwanden aus meinem Leben, weil sie Angst hatten, das Gleiche zu erleben wie ich. Plötzlich war ich ein Aussätziger. Es tauchten dann aber Menschen auf, die mir das Gefühl gaben, nicht allein zu sein. Ihrer Hilfe verdanke ich es, dass ich mir nicht das Leben genommen habe oder in Bitterkeit und Rachsucht versunken bin.

Ihre damalige Frau Gisa wurde ebenfalls gefoltert. Warum hat sie nach ihrer Freilassung den Kontakt zu Ihnen abgebrochen?
Weil ich durch mein Verhalten im Gefängnis ihren Respekt verloren habe. Einmal wurde ich mit einer Kapuze über dem Kopf zur Toilette geführt. Ich hörte, wie meine Frau weinend rief: »Paulo, Liebling, bist du hier? Wenn ja, sag etwas zu mir!« Wir hatten Sprechverbot, und aus Angst, wieder nackt in den »Kühlschrank« gesperrt zu werden, blieb ich stumm. Ich bin nie wieder so feige gewesen wie in diesen Sekunden. Nach ihrer Freilassung sagte sie: »Ich will nie mehr mit dir reden. Und ich will nicht, dass du jemals wieder meinen Namen aussprichst.« Wenn ich in den Jahren danach über sie sprach, habe ich sie immer »meine Frau ohne Namen« genannt.
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Kommentare

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  • Jenny Zimmer (0) ?Mittelmäßige Geister verurteilen gewöhnlich alles, was über ihren Horizont geht.?

    (François de La Rochefoucauld)
  • Michael Krampe (0) Ja, man kann das mögen. Selbstverständlich: Bücher, die einem "intensiv gelebten Leben" entspringen, und damit ihre Leser berühren. Mir sind Bücher lieber, die lesbar einen Autoren oder eine Autorin haben und die mich nicht mit Antworten behelligen, um die ich nicht gebeten habe. Das hat nichts mit Neid zu tun und "Respekt und Achtung vor dem Anderen" gilt unter dem Vorbehalt, dass er es wert ist. Gerade Coelhos vermeintliche Antworten erschweren diesen Respekt. Es gibt dazu von einem ? sorry ? intellektuellen Uruguayer namens Eduardo Galeano die wunderbare Geschichte über einen jesuitischen MIssionar,
    der einen Häuptling der indigenen Bevölkerung vom christlichen Glauben überzeugen will. Dreimal lässt er ihm von seinem Übersetzer die Bergpredigt vortragen, ohne auch nur in der MImik des Häuptlings irgendeine Reaktion auf den Text erkennen zu können. Schließlich lässt er ihn direkt fragen. Die Antwort des weisen Mannes lautet: "Was da gesagt wird, kratzt gut und es kratzt tief. Aber es kratzt da, wo es nicht juckt." Coelho kratzt flach, und jucken tut es immer noch ganz woanders.
  • Astrid Gratz (0) Kann es sein, dass sich besonders Menschen, die sich dem intellektuellen Lager zuordnen, von Coelhos Erfolg bedroht fühlen? Vielleicht spielt da auch Mißgunst eine Rolle? Intellektualität funktioniert hauptsächlich über den Verstand. Coelhos Bücher entspringen meinem Empfinden nach weniger einem intellektuellen Verstand, als einem intensiv gelebten Leben und vermutlich ist es genau das, was die Leser lieben und spüren. Sie suchen keine hochanspruchsvolle intellektuelle Lektüre, sondern Antworten und wollen berührt werden. Aber wie überall in der Kunst/Literatur etc. sind die Geschmäcker verschieden. Gut so :) Trotz allen Neids, Nicht-verstehen-könnens, Nicht-mögens, sollte Respekt und Achtung vor dem Anderen gewahrt bleiben. Und, by the way - ich halte Coelho in keinster Weise für gefährlich (bzgl. des vorhergehenden Kommentars). Er unterhält die Menschen und manchmal scheint er Antworten geben zu können. That´s it! Und nebenbei verdient er damit ein Menge Geld. Ist doch schön für ihn und tut noch niemandem weh - oder doch? ;)
  • Michael Krampe (0) Ein Mann, der mit kaum auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfbaren Lebenserfahrungen
    hausieren geht, sich aufgrund von Verkaufszahlen, die am Verstand von Millionen Lesern zweifeln lassen, als Großschriftsteller und Guru geriert und sich großzügig öffentlich einen wahrscheinlich in aller Dramatik selbst erfundenen Verrat verzeiht: Paolo Coelho. Das Interview beweist, dass dieser gefährlich eingebildete und gefährlich wirkungsvolle Mann einen noch größeren Sockenschuss hat, als man vor der Lektüre schon vermuten musste. Danke dafür!
  • Astrid Gratz (0) Mich hat dieses Interview an den Sensationsjournalismus auf Bildzeitungsniveau erinnert und ich bin verwundert, das die Chefredaktion dies genehmigt hat. Besonders den abschließenden Kommentar des Journalisten finde ich extrem respektlos. Paolo Coelho hat viele tiefe Erfahrungen in seinem bisherigen Leben gesammelt, manches freiwillig, anderes unfreiwillig. Als Resultat sehe ich einen Mann, der über tatsächliche Lebensweisheit verfügt - als Folge all dieser Erfahrungen. Ihn im Abschluß dermaßen respektlos und platt auf ein paar kleine Ticks zu reduzieren und permanent die dunklen Kapitel seines Lebens beleuchten zu wollen, finde ich extrem schwach und überaus enttäuschend. Weit unter dem sonstigen SZ-Niveau.
  • Benedict Mirow (0) ...ein sehr beeindruckender Mensch! Er lebt, was er schreibt. Das mag zwar manchmal simpel klingen, ist aber kraftvoll - und die Menschen lieben ihn, weil sie sich in seinen Träumen wiederfinden! Wir durften für arte eine Dokumentation über ihn drehen, das war schon faszinierend...http://paulo-coelho-mein-leben.de/
  • hildegard dr.holtschneider (0) wer all' seine werke kennt, wird mehr als kritisch. ein beispiel: paolo coelho behauptet, dass man generell keine spirituellen erfahrungen in sprache fassen könne.
    dem wird hier widersprochen. es gibt - um nur zwei zu nennen - berühmte dichter mit den namen hafis und rumi.

    es gibt übrigens auch weibliche ganz moderne versuche, spirituelle erfahrungen in worte, sprachliche und gedankliche symbole, rhythmus, bilder, metaphern, legenden und geschichten zu fassen.
    etwa:www.epubli.de/shop/buch/20000000/12913.
  • Cynthia Kremer (0) Paulo Coelho hat etwas, dass nur wenige Menschen hat. Eine Kapazität von Überwindung und Wiedergeburt aus der Asche. Er bekam einen mächtigen Geist und eine edle Seele.