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aus Heft 35/2012 Reise 2 Kommentare

In Ewigkeit, Almen

Davon träumen manche Stadtmenschen ein Leben lang: einmal als Senner arbeiten, Kühe melken, Käse machen – und den Alltag im Tal lassen. Aber so schön der Job da oben ist, leicht ist er nicht. Vier Berichte von Schweiß, Glück und Tränen auf dem Berg.

Von Robert Iwanetz (Protokolle)  Fotos: Tanja Kernweiss

Bei ihrer Arbeit als Sennerin hütet Maike Aselmeier aus Freiburg jeden Tag sieben Stunden Kühe auf der Weide – zuerst muss sie sie aber suchen.
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Die Alp, ein Traum

»Wenn ich gefragt werde, was ich von Beruf bin, sage ich: Der Kopf ist Psychologin, der Rest Hirtin. Ich liebe es, bei den Kühen zu sein. Deshalb schlafe ich auch nicht in der Hütte, sondern im Dach des Stalls in einer Kammer. Kühe haben es am liebsten, wenn man die Innenseite ihrer Ohren oder sie rund um die Schwanzwurzel krault. Die Kühe sollen mir vertrauen. Auch wenn ich manchmal denke, dass ich mit der Kuschelei meine Autorität beim Hüten aufs Spiel setze. Man darf nicht vergessen, was es bedeutet, auf 91 Kühe aufzupassen: Ich muss entscheiden, wo es zu steil für sie ist, ich muss das Wetter einschätzen. In meinem ersten Sommer habe ich meine Tiere auf eine zu steile Weide gelassen. Auf einmal sind sie ins Rennen gekommen. Bei jeder Kurve hatte ich Angst, dass eine abstürzt. Manchmal raubt mir diese Verantwortung den Atem: Wow, denke ich, die Bauern geben mir ihre Tiere! Das ist doch Wahnsinn! Deshalb kann ich jedes Jahr die ersten zwei, drei Wochen hier oben kaum schlafen. Und trotzdem gibt es nichts Schöneres, als morgens um halb vier unter dem Sternenhimmel nach den Kühen zu suchen. Wenn meine Stimme durch die Berge hallt und die Tiere mir folgen - davon bekomme ich Gänsehaut. Dann schwebe ich auf einer Wolke totaler Selbstzufriedenheit. Hier habe ich die Zeit, solche Momente zu genießen. Ich suche Bergkristalle oder koche Alpenrosen-Sirup und genieße das einfach. Unten im Tal läuft die Zeit viel schneller. Aber Ende August werden die Weiden gelb. Dann wird mir klar: Das Ende naht. Die Tiere finden nichts mehr zu fressen, geben weniger Milch, es schneit regelmäßig - und dann will auch ich zurück. Der Einstieg in den Alltag ist nicht einfach. Letztes Jahr, als ich nach Freiburg zurückgekommen bin, war ich mit Freundinnen Cocktails trinken. Die unterhielten sich über die letzten Partys, aber ich verstand kein Wort. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Was die redeten, war mir egal.«

Maike Aselmeier aus Freiburg, 36, Psychologin, ledig, verbringt ihren sechsten Sommer in den Bergen. Diesmal auf der »Alp Tambo« bei Splügen in der Schweiz. Sie hütet und melkt zusammen mit drei anderen Sennern zwischen Juni und September 91 Milchkühe auf 2000 Metern und bekommt 3600 Franken im Monat.

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Kommentare

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  • Miss Nomade (0) @ hedy
    wie wahr.....
  • Hedy Valencise (0) Liebe Rike, ich finde es ganz furchtbar, dass Sie ein Kalb, das sich verletzt zurück in den Stall geschleppt hat, schlachten ließen, notschlachten bedeutet vermutlich noch ohne Betäubung, statt ihm zu helfen. Beinbrüche können auch bei Tieren behandelt werden. Dieses Kalb hat darum gekämpft zu überleben und hätte eine Chance auf sein ohnehin zu kurzes Leben verdient.