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aus Heft 35/2012 Wissen

Die Königin aller Wissenschaften?

Andreas Bernard  Illustrationen: Thomas Traum

Von der Hirnforschung erhoffen sich alle alles. Zu Unrecht.


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Wer die Wahrheit über den Menschen erfahren will, muss sich Bilder schematisierter Gehirne ansehen, in denen bunte Punkte leuchten. Dieses Versprechen der Neurowissenschaften ist allgegenwärtig: kein Powerpoint-Vortrag, kein populärwissenschaftlicher Aufsatz zum Thema, in dem es nicht von diesen Silhouetten wimmeln würde. Die Bilder sind das Ergebnis einer Methode namens Neuroimaging, die Anfang der Neunzigerjahre entwickelt wurde und sich in den vergangenen fünf Jahren endgültig etabliert hat. Der eingefärbte Umriss eines Schädels erscheint seither als Ikone der wissenschaftlichen Erkenntnis schlechthin. Nicht umsonst versuchen drei der fünf meistverkauften Sach-bücher im August 2012 den Geheimnissen des Denkens auf die Spur zu kommen.

So gut wie jede Regung der menschlichen Psyche wird mittlerweile unter dem Hirnscanner identifiziert und dargestellt. Allein in den letzten Monaten erschienen Studien, in denen der Bluff von Pokerspielern an spezifischen neuronalen Signalen erkannt wurde, eine Phobie bei der Konfrontation mit Spinnen, der Unterschied zwischen leidenschaftlicher Liebe und der Zuneigung für Schutzbefohlene oder die Kaufentscheidung für ein bestimmtes Produkt, selbst wenn die Probanden es während der Messung gar nicht bewusst wahrgenommen haben.

Die Neurowissenschaften und ihre bildgebenden Verfahren scheinen also die alte Utopie von der Lesbarkeit des Menschen verwirklicht zu haben. Was die Entzifferungen der Physiognomik vor zweihundert und die Geständnisse in Hypnose und Psychoanalyse vor hundert Jahren nur versprechen konnten, lösen die Hirnbilder endlich ein. Aber ist die Decodierung der Regungen wirklich so unproblematisch? Von den Gesprächen mit Neuroimaging-Forschern, die zum größten Teil keine medizinische, sondern eine psychologische Grundausbildung haben, bleibt immer ihr ausgeprägtes Selbstbewusstsein in Erinnerung. Der alte Zwiespalt, ob es die Sprache oder die Zeichen des Körpers sind, die einen unverstellten Einblick ins Innere des Ich gewähren, besteht für sie 75 Jahre nach Freuds Tod nicht mehr. Nur die messbare Hirnaktivität macht das Wesen des Menschen aus.

Aber gerade weil die Vorsilbe »Neuro-« als Garant wissenschaftlicher Objektivität gilt, lohnt es sich, den Erkenntnisweg der bildgebenden Verfahren, die komplexe Verwandlung von den Messdaten zum Bild, noch einmal genau zu beschreiben. Denn je länger man sich mit diesem Zweig der Hirnforschung beschäftigt, desto mehr erhärtet sich der Verdacht, dass die scheinbar selbstverständlichen Schlüsse häufig auf willkürliche Annahmen zurückgehen und sich unter der hochmodernen Wissenschaft ein eher altertümliches Menschenbild verbirgt.

Neuroimaging ist natürlich überall dort mit besonderen Erwartungen verbunden, wo man sich durch die Hirnsignale die Aufdeckung von Lüge und Täuschung verspricht. Daher ist die künftige Anwendung der Scanner in Gerichtsverfahren eine der größten Ambitionen vieler Forscher. Was weder dem Gottesurteil noch der Folter, weder dem Kreuzverhör noch dem Lügendetektor gelungen ist, sollen nun die neuronalen Muster liefern: verlässlich lesbare Zeichen von Schuld und Unschuld. In den Studien, die es in den vergangenen Jahren zu dieser Frage gegeben hat, müssen die Probanden etwa eine konspirative Tat begehen (einen Tresor im Nebenraum des Labors aufschließen); anschließend werden sie und eine Gruppe »unschuldiger« Probanden im Scanner zu den Vorgängen befragt und müssen die Tat allesamt abstreiten. Aus der Hirnaktivität der Versuchspersonen wollen die Neurowissenschaftler ablesen, wer im Lauf des Verhörs gelogen hat und an der Tat wirklich beteiligt war.

VERBRECHERVORHERSAGE

Auch wenn die neuronale Lügendetektion in den Gerichtssälen noch nicht als Methode der Wahrheitsfindung akzeptiert ist, sehen die Hirnforscher mit großem Optimismus der Anwendung ihrer Erkenntnisse entgegen. In Deutschland ist John-Dylan Haynes wohl der bekannteste und aktivste Neuroimaging-Spezialist. Am Berliner Bernstein Center for Computational Neuroscience leitet der 41-jährige Psychologe derzeit auch eine Pilotstudie, die sich mit der Darstellung von verborgenem »Täterwissen« beschäftigt. Seine Probanden halten sich einige Minuten in vier ganz unterschiedlichen Räumen auf dem Universitätscampus auf – einem Labor, einem Seminarraum oder einem Sekretariat –, und dann werden ihnen im Scanner wiederholte Bilderserien von diesen bekannten sowie vier unbekannten Orten gezeigt. Haynes und seine Mitarbeiter versichern, dass sie anhand der neuronalen Reaktionen mit großer Wahrscheinlichkeit erkennen können, »ob eine Erinnerung realitätsbasiert ist«, ob also die Hirnsignale beim Anblick von Räumen, in denen die Probanden schon einmal gewesen sind, spezifische Muster aufweisen. Diese These hätte für die kriminalistische und juristische Praxis weitreichende Konsequenzen, weil die Anwesenheit eines Verdächtigen am Tatort nun auch ohne Geständnis, Fingerabdruck oder DNA-Spuren nachgewiesen werden könnte.

Aber was genau muss geschehen, bevor ein Hirn in einer Abbildung bunt aufleuchtet? Gegenüber einem Laienpublikum wird dieser Weg gern für vernachlässigenswert erklärt: Den Forschern selbst sichert das Einbehalten ihres Herrschaftswissens Autorität, und die Vermittler im Wissenschaftsjournalismus sind allzu häufig auf spektakuläre Ergebnisse und Erkenntnisse aus, um sich für die fragilen Entstehungsbedingungen dieser Erkenntnisse zu interessieren.

Als maßgebliches Verfahren des Neuroimaging hat sich die »funktionelle Magnetresonanz-Tomografie« (fMRT) durchgesetzt. Diese Variante einer Kernspin-Untersuchung misst Abweichungen in der Versorgung des Hirnblutes mit Sauerstoff. Sauerstoffarmes Blut hemmt das in der Röhre aufgebaute magnetische Feld, sauerstoffreiches verhält sich gleichgültig, sodass ein Anstieg des Sauerstoffgehalts im Blutfluss des Probanden größere Magnetaktivität hervorruft. Es wird also nicht die neuronale Aktivität selbst gemessen, sondern ein physiologischer Effekt, der sich in den Daten des Tomografen erst mit einer Verzögerung von mehreren Sekunden einstellt. Wird der Person in der Röhre also ein Bild gezeigt oder eine Frage gestellt, erkennen die Forscher an der Erhöhung der Magnetaktivität zunächst den veränderten Sauerstoffgehalt im Blut und rechnen von diesem Wert auf eine vorangegangene Erhöhung der Hirnaktivität zurück.
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Andreas Bernard empfiehlt die Bücher Homo cerebralis, Der Geist bei der Arbeit und Geniale Gehirne des Medizinhistorikers Michael Hagner – jedem interessierten Leser, aber vor allem: den Hirnforschern.

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