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aus Heft 35/2012 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Ist es in Ordnung, im Fernsehen Doku-Soaps anzusehen, in denen andere Menschen vorgeführt werden? Oder erheben wir uns so über die Protagonisten dieser Sendungen?

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»Auf vielen Fernsehkanälen werden Doku-Soaps angeboten, in denen wir Menschen erleben können, deren Verhalten uns fassungslos macht. Trotzdem amüsieren wir uns. Ist es unmoralisch, diese Sendungen anzuschauen? Erheben wir uns dadurch nicht über die ›handelnden‹ Personen dieser Sendungen?« Anna Z., Oberhausen

Ihre Frage kann ich klar beantworten: Ja, man erhebt sich dabei über die Personen in diesen Sendungen, und das halte ich für falsch.

Ausgangspunkt ist für mich – ebenso wie für nahezu alle aktuellen Betrachtungen zur Menschenwürde – Kants kategorischer Imperativ in der Zweck-Mittel-Formel: »Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.« Wenn man sich Menschen ganz speziell wegen negativer Eigenschaften und Verhaltensweisen ansieht, um sich darüber zu amüsieren oder sich, vielleicht auch unbewusst, zu vergewissern, dass man selbst nicht so schlimm ist, benutzt man diese Menschen – (ge)braucht sie als bloßes Mittel –, um sich besser zu fühlen, und entwürdigt sie damit. Und das tut nicht nur der Sender, der das ausstrahlt, sondern auch jeder einzelne Zuschauer, selbst wenn er oder sie allein im stillen Kämmerchen guckt. Das »Brauchen bloß als Mittel« einer Person bedeutet nicht unbedingt etwas, was direkte Auswirkungen auf diese Person hat, sie verletzt. An anderer Stelle liest man bei Kant, der Mensch müsse immer zugleich als Zweck »betrachtet werden«, es kommt also auf die innere Einstellung an, mit der man etwas macht, hier sich eine Sendung ansieht.

Was aber ist mit der Tatsache, dass die Protagonisten eingewilligt haben und die schlimmsten Auswüchse dieser Sendungen gar keine realen Dokumentationen sind, sondern zumindest teilweise Fiktion, sogenannte scripted reality mit Laiendarstellern? Meiner Ansicht nach ändert das nichts an der Bewertung. Kant schrieb nicht zufällig von der »Menschheit« in der eigenen wie auch jeder anderen Person. Darin, Menschen wie Zootiere zu bestaunen, um sich darüber zu erheben, liegt eine Entwürdigung nicht nur der physischen Person, die sich am Bildschirm eine Blöße gibt, sondern, weil es ein Mensch ist, der da vorgeführt wird, eben auch des sittlichen Menschen allgemein, der Idee der Menschheit. Und das muss dann unabhängig davon gelten, ob in diesem Fall die handelnden Personen eingewilligt haben oder die Sendung in Wirklichkeit Fiktion ist. Oder wie der Zürcher Ethiker Peter Schaber schreibt: Die eigene Würde entspricht der des anderen und deshalb kann der Einzelne auf seine eigene Würde nicht verzichten, sie zur Disposition stellen. Sie ist unveräußerlich.


Quellen:

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie-Ausgabe, Gruyter-Verlag, Berlin/New York
1978, S. 428/429. Ausgaben vom Reclam-, Meiner-Felix- und V&R-Verlag im SZ-Shop erhältlich.

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Kommentar von Christoph Horn, Corinna Mieth und Nico Scarano, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2007, S. 246ff. Lesen Sie eine kurze Buchvorstellung oder kaufen Sie das Buch online.

Dieter Schönecker, Allan W. Wood, Kants »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten«. Ein einführender Kommentar, Schöningh-Verlag UTB, Paderborn 2002, S. 147ff. Die 4. Auflage von 2011 ist im SZ-Shop erhältlich.

Friedo Ricken, Homo noumenon und homo phaenomenon, in: Otfried Höffe (Hrsg.), Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Ein kooperativer Kommentar, Klostermann-Verlag, Frankfurt am Main 1989, S. 234ff. Erhältlich im
SZ-Shop.

Mit der Frage, inwieweit ein Mensch von der Benutzung nur als Mittel betroffen sein muss oder nicht beschäftigt sich – allerdings mit einem anderen Ergebnis als Kant und damit auch anders als ich es hier vertrete – Derek Parfit in seinem in der Fachwelt hochgeachteten und vieldiskutierten Buch, man kann es wohl als das moralphilosophische Buch des Jahres 2011 bezeichnen: On What Matters, Volume One, Oxford University Press 2011, Kapitel 9 »Merely as a Means«, S. 212ff., vor allem S. 228ff., lesenswert in diesem Zusammenhang auch das Kapitel 10 »Respect and Value«, S. 233ff. Erhältlich im SZ-Shop.

Lesenswert sind auch die beiden Aufsätze von Stephen Darwall, Two Kinds of Respect, Ethics, Band 88 (1977) S. 36ff. und The Second-Person Standpoint. Morality, Respect and Accountability, Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts 2006.

Joseph Raz, Respecting people, in: Value, Respect and Attachment, Cambridge University Press, Cambridge 2001, S. 124ff.

Harry G. Frankfurt, Equality and Respect, in: Necessity, Volition and Love, Cambridge University Press, New York 1999
, S. 146ff.

Peter Schaber, Achtung vor Personen, Zeitschrift für philosophische Forschung, Band 61 (2007), S. 423ff. insbesondere S. 435-437. Online als PDF abrufbar.

Peter Schaber, Instrumentalisierung und Würde, mentis-Verlag, Paderborn 2010; Menschenwürde, Reclam-Verlag, Stuttgart 2012. Beide erhältlich im SZ-Shop.


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