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aus Heft 36/2012 Kino/Film/Theater 2 Kommentare

»Frauen sind schnell beleidigt«

Wie ist es eigentlich, wenn man immer und überall die Schönste ist? Ein Gespräch mit Sophie Marceau über Eitelkeit, Neid und SCHNEEWITTCHEN.

Von Christine Mortag (Interview) 




SZ-Magazin: Frau Marceau, bei Schneewittchen sind Neid und Eitelkeit die beherrschenden Motive. Darum gleich die Frage, auch wenn sie wenig charmant ist: Sind Sie eitel?
Sophie Marceau: Ja. Nur ein Beispiel: Wenn ich mein Gesicht in Großaufnahme auf der Leinwand sehe und wenn dann jede Falte eine Länge von mindestens zwei Metern hat, ist das ein Anblick, der mir zu schaffen macht.

Ist das der Moment, in dem Sie Botox in Erwägung ziehen?
Nein. Das ist der Moment, in dem ich beim Beleuchter ein schmeichelhafteres Licht einfordere.

Dabei könnten Sie doch ganz beruhigt sein. Sie sind jetzt 45, sehen aber aus wie 30. Schauspielerinnen sagen an dieser Stelle gern, das läge an den Genen und fünf Litern Wasser am Tag.
Papperlapapp. Das ist vor allem harte Arbeit. Ich gehe früh schlafen und selten aus. Oft liege ich schon im Bett, während die Kinder noch auf sind. Ich esse diese ganzen schrecklich gesunden Sachen, ich mache viel Sport, und wenn ich drei Kilo zugenommen habe, kriege ich schlechte Laune. Ich habe sogar das Rauchen aufgegeben, was mir wirklich nicht leicht fiel. Nur der Rotwein, der bleibt. Ich bin Französin.

Machen Sie das, weil von Ihnen als Schauspielerin erwartet wird, makellos auszusehen?
Ich stehe vor der Kamera, seit ich 13 bin. Die längste Zeit meines Lebens. Da weiß man irgendwann nicht mehr, ob man das macht, weil man muss oder weil man so ist. Ich bilde mir ein, ich bin so. So vernünftig, so diszipliniert. Ich kenne es nicht anders. Meine Eltern haben es mir vorgelebt.

Ihre Mutter war Verkäuferin, Ihr Vater Lastwagenfahrer. Was haben sie Ihnen vorgelebt?
Richtige Malocher waren sie, reell, ehrlich. Mit einem großen Ethos. Es war oft anstrengend für sie, aber sie waren unglaublich stolz auf ihre Arbeit, wollten sie immer so gut wie möglich machen. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter einmal zu spät kam. Wie soll ich sagen: Meine Maschine bin ich selber. Und die muss funktionieren und gut gewartet werden.

Wie ist das eigentlich, wenn man immer die Hübscheste von allen ist?
Wie kommen Sie darauf? Ich finde, ich sehe okay aus. Hübsch, aber nicht bedrohlich hübsch.

Immerhin waren Sie schon mit zwölf bei einer Model-Agentur unter Vertrag. Wessen Idee war das?
Meine, ich wollte mir ein bisschen Taschengeld dazuverdienen. Mal ins Kino gehen, mal was zum Anziehen kaufen.

Wie wäre es mit Zeitungaustragen gewesen, Babysitten?

Babysitten bei uns im Viertel, bei all den Leuten, die genauso wenig Geld hatten wie wir? Im Supermarkt um die Ecke habe ich gefragt, ob ich Kisten auspacken könnte. Sie sagten, ich sei noch zu klein, zu schwach. In der Zeitung habe ich dann eine Anzeige gefunden von dieser Model-Agentur. Wie praktisch, sie lag gleich gegenüber von dem Kaufhaus, in dem meine Mutter arbeitete. Sie war dagegen, meinte, das würde doch sowieso nichts bringen.

Und? Brachte es was?
Ich wurde nicht ein einziges Mal gebucht. Meine Mutter war wütend. Um in die Agentur aufgenommen zu werden, musste man Fotos machen lassen. Die waren teurer als unsere Weihnachtsgeschenke.

Dann kam La Boum, und Sie wurden zum begehrtesten Teenager der Welt, und alle Jungs hatten nur noch Augen für Sie. Wie fanden Ihre Mitschülerinnen das?
Die kannten mich ja schon vorher, das machte es einfacher. Ich war eine von ihnen, die es zufällig geschafft hatte, beim Film zu landen. Die kleinen Biester witterten ihre Chance. Fragten: »Hey, Sophie, du sitzt jetzt doch an der Quelle. Kannst du mir nicht auch einen Job besorgen?« Schlimm wurde es, als wir aus dem Vorort nach Paris zogen. Ich wechselte auf ein privates Gymnasium, das funktionierte überhaupt nicht, dann ging ich wieder auf eine staatliche Schule, was es nicht besser machte.

Was war denn so schlimm?
Ich war Sophie Marceau! DAS war schlimm. Eine Marke, eine Projektionsfläche, nicht von dieser Welt. Zwischen mir, Sophie Maupu, wie ich eigentlich heiße, und diesem Kunstprodukt da klaffte eine Lücke so breit wie eine Schlucht, die sich nicht schließen ließ. Neid, Hass, das ganze Programm. Alles drehte sich ja nur um mich. Mir war das unangenehm, und die anderen waren genervt. Ich wurde angestarrt, aber niemand redete mit mir, weil keiner wusste, wie er mich ansprechen sollte. Mit 17 konnte ich nicht mehr und verließ die Schule.

Wie ist das bei Ihnen? Sind Sie neidisch?

Ich halte Neid für eine legitime Gefühlsäußerung. So menschlich. Nichts, wofür man sich schämen müsste. Wir werden doch schon früh darauf konditioniert. Ich war neidisch, wenn mein Bruder mehr auf dem Teller hatte als ich. Oder er eine neue Hose bekam und ich nicht.

Sind Frauen dabei extremer als Männer?
Weiß ich nicht, ich kenne beides. Männer gehen sportlicher damit um. Es spornt sie an, wenn jemand besser ist als sie. Frauen stellen sich gleich mal infrage. Warum bin ich nicht so gut wie die? Was ist falsch an mir? Und damit das keiner merkt, ziehen sie über die andere her.

Valérie Trierweiler, die Lebensgefährtin des neuen französischen Präsidenten François Hollande, hetzte öffentlich gegen seine Ex-Partnerin Ségolène Royal. Ist das typisch weiblich?

Absolut! Und sehr französisch dazu. Ich kann beide Frauen nicht ausstehen. Aber in dem Fall gehört meine Sympathie Madame Trierweiler. Was für eine Show! Ganz großes Kino. Ich liebe solche Dramen, das hat schon was von Shakespeare.

Wie muss man sich das bei Ihnen vorstellen? Sie sitzen mit Ihrem Mann Christopher Lambert, der mal der Highlander war, auf der Couch, schauen Filme und lästern über Kollegen?
Ich rege mich gern auf. Und ärgere mich maßlos, wenn ich einen guten Film sehe und es spielt jemand mit, der überhaupt nicht spielen kann. Was für eine Verschwendung.

Denken Sie manchmal: Die Rolle, die Juliette Binoche spielt oder Julie Delpy, hätte ich auch gern gehabt?
So denke ich nicht. Sie wissen doch, ich bin sehr vernünftig. Neid führt einem auch immer die eigene Unzulänglichkeit vor Augen. Und ich bin, wenn man so will, eine ungelernte Arbeitskraft. Ohne Schulabschluss, ohne klassische Theaterausbildung. Auch nach 30 Jahren in diesem Job bin ich manchmal unsicher, denke, irgendwann kommt mir jemand drauf, dass ich eigentlich gar nichts kann. Wenn ich das Handwerk gelernt hätte, würde ich mich vielleicht etwas sicherer fühlen. Wenn ich eine Juliette Binoche oder Julie Delpy um etwas beneide, dann darum: Sie kommen aus einem intellektuellen Umfeld oder gingen auf eine Schauspielschule, sie wurden ganz anders vorbereitet. Bei uns zu Hause gab es keine Bücher.

Als Sie anfingen, wer hat Sie unterstützt? Hatten Sie eine Mentorin?
Sie meinen, Catherine Deneuve hat mich an angerufen und gesagt: »Kindchen, ich geb dir mal einen guten Rat«? Amüsante Vorstellung! Alles, was ich weiß, weiß ich von Männern. In der Zeit der La Boum-Filme war es Claude Pinoteau, der Regisseur. Wir waren auf Reisen, um den Film vorzustellen. Er zeigte mir die Welt. Dann kam Andrzej Zulawski, der Vater meines Sohnes. Wir waren 17 Jahre zusammen. Er war viel älter und viel klüger als ich. Er brachte mich zum Denken.

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Kommentare

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Kommentar:

  • Peter Beck (0) Wow, was für eine Frau! Die nimmt kein Blatt vor den Mund, ich wünschte es gäbe mehr solcher "Stars" die sich trauen, eine eigene Meinung zu haben!
  • Reinhard Foerster (0) Inteligente Frau,interessanter Lebensweg bisher.

    Gerne mehr von solchen Frauen, die eine Meinung haben und sich den Männern absolut gleichwertig fühlen, aber bewußt den Unterschied befürworten. Chapeau!!