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aus Heft 37/2012 München/Lokales

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Andreas Bernard  Fotos: Robert Brembeck

Für zwei Wochen haben sie München in der Hand: die Wirte der 14 großen Bierzelte auf dem Oktoberfest. Eine Geschichte über Geld, Ehre – und die Regeln einer verschworenen Gemeinschaft.



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Das Publikum hört einem Mischwesen aus Gastronom und Politiker zu. Es ist Ende Juli, noch acht Wochen bis zum Beginn des Oktoberfestes, und in der Gaststätte »Andechser am Dom« stellen die Wiesnwirte ihren diesjährigen Maßkrug vor. Toni Roiderer, Sprecher der Wirte, erfüllt mit seinem Auftreten alle Erwartungen: der Leibesumfang beachtlich, die Gesichtsfarbe etwas zu rot, und wenn er ein bekanntes Gesicht im Saal entdeckt, fällt die Begrüßung so herzlich wie polternd aus. Von dem gelernten Metzger aus Straßlach stammt die Bemerkung: »Ich habe höhere Bildung, unser Klassenzimmer in der Volksschule lag im dritten Stock.« Doch seine Einführungsrede, in der er ein paar Neuerungen im Sicherheitskonzept der Wiesn vorstellt, macht sofort klar, dass hier auch ein versierter Diplomat auftritt.

Roiderer zwängt seinen Oberland-Dialekt in steife Formeln, spricht eine Art Verlautbarungsbairisch: Wenn er über die Einhaltung der Fluchtwege redet, sagt er, »es hat sich bewährt, dass ma die Leit frühzeitig positioniert«; das Gerücht, die Jugendlichen würden am Samstag- und Sonntagvormittag schon betrunken die Bierzelte stürmen, kommentiert er mit dem Satz: »I woaß net, wer’s erfunden hat, aber es entbehrt wirklich jeder Grundlage.« Die Wiesnwirte müssen die grobe wie die feine Klinge beherrschen, das ist an diesem ersten offiziellen Termin des Oktoberfestes 2012 auch an ihrer Kleidung erkennbar: Denn Roiderer und seine Kollegen tragen fast alle Hemd und Krawatte und darüber einen Trachtenjanker.

In dem Ausnahmezustand, der München Mitte September für 16 Tage ereilt, sind sie die herrschenden Figuren: die Wirte der großen Bierzelte, die sich vom Haupteingang des Oktoberfestes bis in die Seitengasse an der Bavaria-Statue aneinanderreihen. Gerade in den letzten zehn, 15 Jahren sind diese Zelte, ehedem von Familien und Alteingesessenen besucht, zum Schauplatz einer immer ausschweifenderen Feierkultur geworden. Wem es gelingt, den Riegel der Sicherheitskräfte zu überwinden, der taucht in eine singende, nach Bier und Brathendl riechende Menschenwoge ein, die beim Eintreten befremdet, nach der ersten Maß belustigt und im Lauf der zweiten mitreißt.

Die Öffentlichkeit kennt von diesen Wirten allenfalls die folkloristische Seite. Über den jährlichen Umsatz ihrer Bierzelte kursieren magische, gleichwohl nie bestätigte Summen. Der Wettbewerb in München, Teil dieses gastronomischen Olymps zu werden, soll erbittert und intrigant sein. Es gibt sogar eine Tatort-Folge, in der ein korrupter Stadtrat von abgewiesenen Kandidaten ermordet wird. Unter der rustikalen Oberfläche des Oktoberfestes verlaufen also komplexe Systeme, in denen es um Macht, Geld und Ruhm geht. »Die Wiesn ist kein Spaß, sondern knallhartes Business«, erzählt Gabi Weishäupl, die als Chefin der Münchner Tourismusbehörde das Oktoberfest von 1985 bis 2011 geleitet hat; »das sind alles beinharte Geschäftsmänner«, sagt auch Wilfried Blume-Beyerle, der Münchner Kreisverwaltungsreferent, zuständig für die behördliche Genehmigung. Was genau macht also einen Wiesnwirt aus, der Rausch und Kalkül vereinen muss? Wie gelangt man überhaupt in diese Position? Und wie stehen die Mitglieder der exklusiven Gemeinschaft zueinander, eher in einem Freundschafts- oder einem Konkurrenzverhältnis? Das sind die Fragen, die in den Tagen vor dem Oktoberfest 2012 einmal genauer besprochen werden sollen. 

»Der Weg einer Maß Bier durch die Bürokratie der Wiesn«

Auf der Theresienwiese stehen jedes Jahr 14 große Zelte: die der Münchner Brauereien (Spaten, Löwenbräu, Hofbräu, Augustiner, Paulaner sowie Hacker und Pschorr, die seit vierzig Jahren fusioniert sind, aber das fällt in der langen Tradition der Wiesn nicht ins Gewicht), die der beiden größten bayerischen Schützenvereine (Armbrustschützenzelt und Schützen-Festhalle) und fünf von freien Wirten betriebene (Weinzelt Kuffler, Käfer, Schottenhamel, Hippodrom und Fischer-Vroni). Für das Zeitempfinden der Münchner übers Jahr sind diese Zelte ein vertrauter Indikator. Irgendwann im Juli tauchen die Gerüste auf dem leeren Oval auf, Vorboten des noch weit entfernten Ereignisses, und jedes Mal, wenn man in den Wochen darauf an der Theresienwiese vorbeifährt, haben sie sich ihrer endgültigen Gestalt wieder ein Stück angenähert.

Die Festwirte sind schon kurz nach der Lieferung der ersten Stahlgerüste regelmäßig auf der Baustelle. Ludwig Hagn, der dienstälteste unter ihnen und nach 18 Jahren in der Schützen-Festhalle seit 1979 Wirt im Löwenbräuzelt, kommt zweimal täglich für eine Stunde vom Max-Weber-Platz, wo er das Gasthaus »Unions-Bräu« betreibt, um die Arbeit der Handwerker zu verfolgen. Hagn, ein stämmiger Mann mit gezwirbeltem grauen Schnurrbart, ist eine Erscheinung wie der Volksschauspieler Gustl Bayrhammer, mit einem ebensolchen Erzähltalent, und wenn man seinem bedächtigen Münchnerisch zuhört, fühlt man sich sofort eigentümlich aufgehoben. An einem der glutheißen Nachmittage Mitte August balanciert der 72-Jährige mit erstaunlicher Leichtigkeit über die Holzleisten, die im Zelt noch die Treppen zwischen den Ebenen ersetzen. Gibt es wirklich alle paar Stunden wieder etwas Neues zu kontrollieren? »Ich geh halt durch und red mit den Leuten, und wenn ich was seh, dann sag ich ›Halt, des hamma letztes Jahr anders ghabt.‹« Er sieht alle zwei Minuten etwas, einen zu hoch gesetzten Gulli, der die Einfahrt der Lieferwagen blockiert, eine unnötige Wand an den Umkleidekabinen der Bedienungen, die Leisten an den neuen Fenstern über dem Eingang, deren Abnahme durch den TÜV ihm Sorgen bereitet.  

Lange kann Ludwig Hagn über die Betriebsauflagen der Stadt München referieren, die immer umfangreicher werden, zuletzt nach der Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg. Er hat kürzlich sogar ein Buch verfasst mit dem Titel Der Weg einer Maß Bier und eines Hendls durch die Bürokratie der Wiesn. Tatsächlich muss sich jeder Festwirt, sei er auch wie Hagn seit einem halben Jahrhundert dabei, Jahr für Jahr wieder zum 30. November neu bewerben; bis Ende April, wenn die Zulassung aller Wiesn-Betriebe beschlossen wird, ringen Wirte und Stadtverwaltung um das Ausmaß der Gartenflächen oder die Maßnahmen zum Brandschutz. »Wir haben Sicherheitsvorschriften, da schnallst’ ab. Theoretisch kann überhaupt nichts mehr passieren.« Vor 20 Jahren wurden in den großen Zelten zwei Dutzend Ordner pro Tag eingesetzt, heute sind es an den Wochenenden über hundert.

Wenn Hagn seine Rundgänge durch das halb fertige Zelt unternimmt, ist ein sonnenverbrannter, grundsätzlich mit nacktem Oberkörper arbeitender Mann in seiner Nähe. Toni Pletschacher und seine zwei Brüder organisieren mit 50 Angestellten den Aufbau für Löwenbräu und vier andere große Bierzelte. Die Zelte befinden sich inzwischen alle im Besitz der Firma Pletschacher und werden an die Brauereien oder privaten Wirte vermietet. Den Rest des Jahres über lagern ihre Bestandteile in Tausenden Containern auf einem Gelände bei Augsburg. Die Verständigung zwischen dem Wirt und dem Zimmerer, die sich seit Jahrzehnten kennen, ist so eingespielt, dass sich der Stand der Dinge mit einem Minimum an Sprache und Mimik klären lässt.

Hagn: »Passt alles?«
Pletschacher: Kopfnicken.
»Und, die Fenster?«
»Wird.«
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Wie bedeutend das Amt des Wiesnwirts ist, wurde Andreas Bernard im Gespräch mit Richard Süßmeier klar, dem Peter Gauweiler 1984 die Konzession für das Armbrustschützenzelt entzogen hatte. Auf die Frage, ob er je über diese Kränkung hinweggekommen sei, antwortete der 82-Jährige: »Nie. Das kann man nicht verwinden.«

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