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aus Heft 37/2012 Bayern

Nüchtern betrachtet

Roland Schulz  Fotos: Anastasia Taylor-Lind

Warum sollte die Globalisierung vor Brauchtum Halt machen? Ein Besuch in dem Land, aus dem fast jede original bayerische Lederhose kommt - Sri Lanka.



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Die Muster der ersten Lederhosen kamen im Monsun nach Katunayake. Am Hintern hatten sie eine Tellernaht nach Art der Salzburger Tracht, das war neu in Sri Lanka. Die restliche Machart beeindruckte die Arbeiterinnen nicht besonders. Sie hatten sich seit Jahren durch die Moden Europas genäht. Aufsehen erregte nur der aufklappbare Hosenlatz. Welche Männer tragen solche Hosen? Das Gekicher über die großen Hosentüren endete erst, als Marco Weidemann, der Direktor, selbst eine Krachlederne anzog und durch die Fabrik spazierte. So fing es damals an, Ende der Neunzigerjahre.
Heute werden in Katunayake fast 500 verschiedene Typen von Lederhosen genäht - nach Miesbacher oder Chiemgauer Art, im Stil des Salzkammerguts oder der Steiermark. Zwei Fertigungsstraßen laufen Volllast, ganzjährig, Woche für Woche stößt die Firma Lanka Leather Fashion Ltd. mehr als eine Tonne Tracht aus und zählt damit zu den größten Lieferanten von Lederhosen weltweit.

Es ist später Morgen und schwül an der Westküste Sri Lankas. In den Straßen von Katunayake stauen sich Tuk-Tuks. Knatternd transportieren die Motor-Rikschas Waren und Menschen durch die rastlos wachsende Stadt, in deren Mitte, wie umzingelt von wuchernden Baustellen, der Flughafen von Colombo liegt. Seit 35 Jahren zieht die angrenzende Freihandelszone Arbeiter in Massen an. Marco Weidemann startet seinen ersten Kontrollgang, sobald die Schicht begonnen hat. Der Direktor der Lanka Leather ist 41 und hat die Statur und den Händedruck eines Türstehers. Schon vor der Fabrik schlägt ihm der Lärm der Fertigungsstraßen entgegen - das Surren schwerer Nähmaschinen, übertönt von einem hellen Hämmern. Der September ist nah, 7000 Lederhosen noch zu liefern, Stichtag 15. September, sonst droht eine Vertragsstrafe - Just-in-time-Produktion für das Oktoberfest.

Weidemann kennt den Takt der Industrie von klein auf. Seine Eltern stammen beide aus Familien alteingesessener Textilhändler, die Mutter aus Schwaben, der Vater aus Holland. In seinen Kindheitserinnerungen sieht Weidemann die Mutter vor dem Fernschreiber sitzen und versuchen, zum Vater vorzudringen, der am anderen Ende der Welt Lederware aufkauft - in Indien, Pakistan, Indonesien. Ständig ging es um Produktionszahlen, Lieferfristen, Preiskategorien. Selten waren die Eltern mit Lieferanten zufrieden. 1982 siedelte die Familie nach Sri Lanka um, Weidemann war damals elf.

In langen Reihen ziehen sich die Nähmaschinen dahin, Ventilatoren kämpfen einen Hauch Frische in die Hitze. Die Fabrik besitzt fünf Fertigungsstraßen, drei dienen dem alten Geschäft, Lederjacken, zwei dem neuen, Lederhosen. Als Weidemann zwischen den Maschinen auftaucht, eilen die Vorarbeiter herbei. Sie sprechen ihn mit »Marco Sir« an. Er mag das nicht, weil es in seinen Ohren zu unterwürfig klingt. Aber sein voller Name ist für Singhalesen ein Zungenbrecher.

Lakshman Swarna Sri Senarathna, 32 Jahre alt und Schichtleiter Lederhosen, geht die Modelle des Tages durch: Allgäuer. Wasi. Passau. Er selbst bevorzugt das Modell Hans: keine Knöpfe am Bein, simple Stickerei. »Typische Sepplhose«, sagt Marco Weidemann.

Zurück im Büro führt Weidemann sein Sortiment vor. Auf Kleiderstangen hängen die Modelle, die er im Auftrag seiner Kunden produziert: Der Schriftzug eines traditionellen Münchner Trachtengeschäftes ist zu sehen, mehrere Massenmarken oder das Logo eines Labels, das damit wirbt, seine Lederhosen seien eine Hommage an Rebellen und Wilderer wie den Räuber Kneißl. Keiner dieser Namen darf genannt werden, das war Weidemanns Bedingung. Er persönlich wäre nicht so geheimniskrämerisch. Aber seine Kunden verlangen Verschwiegenheit.

Vom Prototyp zur Serienreife brauchte das erste Modell aus Katunayake noch Monate. Schnell hatten die Arbeiterinnen um Aruna Kanthi das Nähen nach Art der Säckler kopiert, der Handwerker, die Lederhosen fertigen: Sie schlagen die Kanten der Schnittteile nicht wie Schneider nach innen, sondern nach außen - die Naht ist dann sichtbar und wird eigens mit einem eingelegten hellen Lederstreifen betont, das Merkmal der Lederhosen. Schwierig war die Stickerei. Ein Säckler, der mit Hand stickt, durchsticht das Leder nicht, er sticht es nur an. Das lässt die Stickerei leicht aus dem Leder treten, wie ein Relief. Stickmaschinen schaffen das nicht.

In Katunayake gelang es mit einem Kunstgriff: Sie unterlegen ihr Leder, jagen es durch die Maschinenstraße und schießen Garn unter die Stickerei, das pumpt das Muster auf. »Bis wir sagen konnten, so, jetzt haben wir ein echtes bayerisches Produkt, war ein Jahr vergangen«, sagt Weidemann.

Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland floriert das Geschäft mit den Trachten in Sri Lanka. Die Nachfrage stieg damals so stark, dass Weidemann seinen Maschinenpark aufrüsten musste, mit Einnadel-Doppelsteppstich-Spezialschnellnähern mit elektropneumatischer Nähfußlüftung, made in Germany. Beim Nähen der Lederhosen mit den billigen chinesischen Maschinen brachen die Nadeln zu schnell ab.

Bauch der Fabrik ist das Lederlager. Im Dämmer der Lampen wirkt der Raum wie eine Höhle. Die Häute stapeln sich in Regalen zu mannshohen Haufen. Weidemann hat 600 000 Quadratfuß Leder hier liegen, sein Gewerbe rechnet im alten Maß der Gerber: genug Material für drei Monate Produktion. Er hebt eine Haut aus den Regalen, ein robustes, dunkles Leder. Ziege. Die meisten Lederhosen sind aus Ziege, im Branchenjargon auch Wildbock genannt. Eine zweite Haut zur Probe, sonnengelbes Leder, das sich wie Samt anfühlt. Sämischleder, mit Tran gegerbt. Hirschlederne werden daraus genäht, die Königsklasse der Lederhosen. Die Hirschfelle kommen aus Neuseeland, die Haut wird in Deutschland gegerbt, das Leder in Sri Lanka verarbeitet. Sie machen aber selten Hirschlederne daraus. Viel zu teuer. Sie nutzen es für die Säcklernaht.

»Lederhosen sind ein Cent-Business«, sagt Weidemann. Er will keine genauen Zahlen nennen, nur so viel: Eine Ziegenhaut kostet etwa elf Euro. Für eine Lederhose braucht es drei Häute. Macht also 33 Euro für das Material. Im Laden liegen die Hosen mit simpler Stickerei zwar für 169 bis 199 Euro aus, »aber Einzelhändler leben von der Hundert«. Sie schlagen auf ihren Einkaufspreis 100 Prozent auf. Um den Rest schlagen sich Weidemann und seine Konkurrenz: Er weiß von sieben Fabriken in Asien, die Lederhosen herstellen, und in Indien soll ein geschäftstüchtiger Österreicher unterwegs sein, der Firmen das Know-how für die Produktion vermittelt.

Lanka Leather kontert mit neuen Kreationen: Frauen, die des Dirndls überdrüssig sind, bieten sie lippenstiftrote Lederhosen im Stil von Hotpants. Männer können in der Stickerei ihrer Lederhose dem Stil von Stammes-Tätowierungen aus der Südsee folgen. Die Fabrik hat vor zwei Jahren extra einen Modedesigner eingestellt, der für die Stickereien und die Ausgestaltung der Leistl verantwortlich ist, der Lederstreifen am Rand des Hosenlatzes.

Tharaka Adikari, 27, kam von der Universität von Moratuwa, und »hatte keine klare Vorstellung von bayerischer Kultur«, wie er sagt. Über Wochen suchte er Informationen aus dem Internet, bis er auf dem Computer, an dem er Lederhosen entwirft, sein persönliches Archiv der Alpen zusammenhatte, geordnet nach Stichworten wie »Neuschwanstein«, »Watzmann« oder »Preuße«.

Neulich schickte ein Kunde das Modell einer Lederhose, die »Pfui« hieß. Wie immer ließ Tharaka Adikari das Wort durch die Übersetzungsprogramme des Internets laufen, Deutsch zu Englisch zu Sinhala: »Pfui« entsprach also »Nedhohkin« oder »Thuugh« - aber warum nennt man ein Kleidungsstück nach einem Ausruf des Ekels? Erstaunt war er auch, als er lernte, dass »Kruzifix« ein Schimpfwort sein kann. »In Sri Lanka haben wir Respekt vor Religion«, sagt er.

Eine gute Näherin bekommt 14 500 Rupien Basislohn im Monat, rund 90 Euro. Dazu kommen Zuschläge für Überstunden. Deswegen mögen sie diese Feste, von denen ihnen Weidemann Fotos gezeigt hat: Straubinger Gäubodenfest, Augsburger Plärrer, Münchner Oktoberfest. Normalerweise arbeiten sie Montag bis Samstag von 7.30 Uhr bis 17.20 Uhr, halbe Stunde Mittag, zweimal zehn Minuten Teepause. Sonntag ist frei.

Aber schon im Mai, wenn der Monsun beginnt, bauen sich in Wellen die Aufträge für die fernen Feste auf. Im August schieben sie so gut wie jeden Tag Überstunden. Dann schafft eine gute Näherin 24 000 Rupien, etwa 150 Euro. Weidemann hat auch eine Abteilung für Veredlung aufgebaut: Seine Arbeiter specken die Hosen ein, mit Lederwachs, schwärzen je nach Modell noch mit Schuhwichse nach, pinseln die Stickereien mit einem Hauch Fett glänzend und bügeln kurz drüber, damit alles einzieht. Weidemann deutet auf eine fabrikneue Krachlederne, die am Oberschenkel jene festen Falten aufweist, die man sich auf einer Bierbank ein Leben lang ersitzen muss. »Unser Betriebsgeheimnis«, sagt er.  »Die Konkurrenten fragen sich alle, wie wir diese Falten machen.«

Der Stress und die Sonderschichten werden bald vorbei sein. Weidemann wird dann seinen Arbeitern am Samstag frei geben und nach München fliegen. Er hat sich angewöhnt, aufs Oktoberfest zu gehen, »Marktforschung«, sagt er. Er trägt selbstverständlich Lederhose. Unter den Millionen Menschen, die ihre Krachlederne in irgendeinem Laden gekauft haben, ist er dann der einzige, der von sich behaupten kann, dass er eine selbst gefertigte Lederhose trägt.
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Während seines Werksbesuchs fiel Roland Schulz die Stickvorlage des Wappens eines bayerischen Bundesliga-Vereins auf. Die Fabrik hatte für die gesamte Fußballmannschaft Lederhosen genäht. Die Arbeiter kannten den Verein nicht, sie sind - wie fast alle in Sri Lanka - Kricket-Fans.