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aus Heft 37/2012 Kunst Noch keine Kommentare

Am Himmel hell und klar

Was echt nervt in Großstädten: Wir sehen vor lauter Licht keine Sterne mehr. Jetzt reagiert ein Londoner Künstler - und hängt einfach selbst welche in die Nacht.

Von Robert Iwanetz  Fotos: Oscar Lhermitte, San Weller; Illustration: Oscar Lhermitte



Heimlich hat Oscar Lhermitte die Sterne in den Londoner Nachthimmel zurückgebracht: Wochenlang schlich er im Morgengrauen durch die städtischen Grünanlagen, immer auf der Suche nach geeigneten Baumkronen, um seine Sterne aufzuhängen. Getarnt mit einem grauen Elektriker-Overall zog er los, kaum jemand bemerkte ihn. Nur die Hunde in den Parks rannten, wenn er seine selbst gebauten Sternbilder in die Luft katapultierte.

Was Lhermitte da mit Schleudern in die Bäume schoss, war seine Masterarbeit am Royal College of Art. Dort hat der 25-Jährige Produktdesign studiert. Für seinen Abschluss wollte er keinen neuen Toaster oder Haartrockner entwerfen. Stattdessen hat er sich eigene Sternbilder ausgedacht und zwischen Parkbäume gespannt. Man muss sie sich als dreieckige Netze vorstellen.

Diese Sternennetze bestehen aus einem Geflecht von Nylonschnüren, Polyethylen und Fiberglas, im Durchschnitt messen sie etwa acht Quadratmeter. Als Sterne hat Lhermitte LEDs auf den Netzen angebracht, die tagsüber mit einem Solarmodul aufgeladen werden. Sobald die Nacht anbricht, beginnen sie zu leuchten und formen ein Sternbild. Der Effekt entsteht, weil die dünnen Fäden dazwischen unbeleuchtet bleiben; in der Dunkelheit sind nur die künstlichen Sterne zwischen den Baumkronen zu sehen. Zwölf solcher Installationen hat Lhermitte über verschiedene Parks in London verteilt.

Angefangen hatte alles damit, dass er es leid war, keine Sterne mehr in seiner Stadt zu sehen. Doch Lhermitte entwickelte einen Plan, um die Sterne zurück nach London zu holen. Über ein Jahr tüftelte er an dem Projekt, versuchte es erst mit Heliumballons und konstruierte sogar eine eigene Rakete, bis endlich klar war, wie es funktionieren könnte mit den künstlichen Sternbildern. Doch Lhermitte geht es nicht nur um den optischen Effekt, sein Projekt hat auch eine politische Dimension: Mit den Sternennetzen will er auf die immer stärker zunehmende Lichtverschmutzung aufmerksam machen. Dabei handelt es sich nicht um »verschmutztes« Licht, wie man jetzt denken könnte, sondern um die künstliche Aufhellung der Nacht durch angestrahlte Gebäude, Flutlichtanlagen oder Leuchtreklame - mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Umwelt.

Weil es keinen wirklich dunklen Nachthimmel in den Städten mehr gibt, sterben jedes Jahr Millionen Zugvögel, die in angestrahlte Hochhäuser fliegen. Billiarden von Insekten finden den Tod in Straßenlaternen. Auch Menschen leiden unter den Auswirkungen der Lichtverschmutzung: Sie bekommen Schlaf- und Hormonstörungen.

Zudem können Hobby-Astrologen aufgrund der Lichtglocken kaum noch Sterne sehen. Fast alle europäischen Großstädte sind von dem Problem betroffen. »Es ist doch verrückt«, sagt Oscar Lhermitte, »heute werden jeden Monat neue Planeten entdeckt, aber für die meisten Menschen bleibt der Himmel leer.« In London kann man an guten Tagen mit dem bloßen Auge noch 20 Sterne beobachten. Auf dem Land sind es 2000.
»Die Leute sollen sich wundern können, wenn sie zum Himmel schauen«, sagt Oscar Lhermitte. Hinter seinen Sternbildern stecken Geschichten über London: »The Guitar« bildet beispielsweise aus neun Sternen den Umriss der Gitarre, die Jimi Hendrix bei seinem letzten Auftritt spielte, kurz bevor er 1970 in einem Hotelzimmer in Notting Hill erstickte. Das Sternbild »The Mosquito« steht dagegen für eine spezielle Insekten-gattung, die sich beim Ausbau der U-Bahn Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte. Damals wurden in London einige Mücken in den unterirdischen Tunneln eingeschlossen, die dann mutierten und nach nur wenigen Jahrzehnten eine neue Art bildeten.

Von Lhermittes ursprünglich zwölf Sternenkonstellationen hängt derzeit nur noch eine in London. Man kann sie im Fields-Park im Nordosten der Stadt mithilfe von GPS-Koordinaten aufspüren. Der Rest wurde vom Wind zerstört oder von Lhermitte abgehängt. Für ihn ist das gar nicht so schlimm: Im Moment kann er ganz gut von seinen anderen Designprojekten leben. Ein Lesezeichen, das sich automatisch an die zuletzt gelesene Seite im Buch setzt, verkauft sich sehr gut.

Doch auch mit den Sternbildern soll es weitergehen. Demnächst will Lhermitte seine Netz-Installationen zwischen Gebäude in der Londoner Innenstadt hängen - möglichst riesengroß. Die Mechanik dafür hat er schon fertig. Was noch fehlt, ist eine Erlaubnis. Am besten von einem Museum.

Besonders gern würde er dafür sein Sternbild »The Big Dipper« aufhängen. Dabei handelt sich allerdings nicht um eine ausgedachte Konstellation, sondern um das berühmteste aller Sternbilder. Hierzulande kennt die sieben Sterne jedes Kind als den Großen Wagen. In London ist ihr Anblick eine Seltenheit geworden.

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