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aus Heft 37/2012 Literatur Noch keine Kommentare

»Ich bin erst mit Mitte 70 ein wirklicher Mensch geworden«

Seit ihr Mann Ernst Jandl gestorben ist, lebt die Schriftstellerin Friederike Mayröcker fast nur noch in der Welt ihrer Texte. Ein Gespräch über das Weitermachen.

Von Tobias Haberl (Interview)  Fotos: Peter Rigaud




Friederike Mayröcker wartet im »Hotel Imperial« in Wien. Ende August, es ist heiß, trotzdem sitzt sie nicht wie die anderen auf der Terrasse, sondern drinnen im Café, ganz still und ins Abseits gekauert, mehr Wesen als Mensch. Wie immer ist sie bis auf die weißen Romika-Schuhe ganz in Schwarz gekleidet, selbst die Augen hat sie dick mit Kajal eingerahmt. »Grüß Gott«, sagt sie leise, schaut auf und lächelt. Ein Blick in diese 87 Jahre alten Augen genügt, und man weiß: Das hier wird kein Interview, sondern eine - sie wird es am Ende selbst so nennen - seelische Sitzung.


SZ-Magazin: Es gibt einen Dokumentarfilm über Sie mit dem Titel Das Schreiben und das Schweigen. Sie reden nicht gern, stimmt’s?
Friederike Mayröcker: Ja, ich fühle mich nur am Leben, wenn ich schreibe. Seit ich 15 bin, explodiert es jeden Tag in mir. Mein Kopf ist so voll, und alles muss raus, ich kann nicht anders.

Sie könnten auch mit einer guten Freundin sprechen.  
Schon, aber ich spreche auch nicht so gut. Meine Mutter war eine stille Person, mein Vater auch. »Kind, wie  geht’s dir, erzähl doch mal«, das war bei uns nicht üblich. Also habe ich auch wenig gesprochen, eigentlich fast gar nichts. In der Schule war ich scheu, nur ganz selten habe ich mich getraut, den Finger zu heben.

Was stört Sie am Sprechen?

Dass ich nicht genug Zeit zum Überlegen habe. Zu Hause am Schreibtisch würde ich die Dinge ganz anders formulieren. Außerdem stimmt das doch alles gar nicht, was man den ganzen Tag so spricht.

Warum haben Sie sich dann auf dieses Gespräch eingelassen?

Weil die Journalisten, die zu mir kommen, oft ganz nett sind. Und manchmal gelingt es ihnen sogar, die Dinge, die ich sage, so anzuordnen, dass sie stimmen.

Sie werden im Dezember 88 Jahre alt. Fällt Ihnen das Leben schwerer als noch vor zehn Jahren?
Ja, mit 77 war ich noch ziemlich frisch. Im Moment habe ich eine Arthrose an den Füßen. Ich kann nicht mehr rasch gehen. Dicke Bücher schaffe ich auch nicht mehr. Ich bin langsam geworden. Gott sei Dank nicht beim Denken und Schreiben. Ich arbeite jeden Morgen, bis ich spüre, dass ich aufhören muss, weil der Blutdruck auf 200 ist.
»Körperruine«, »Monster im Spiegel« - kommt alles in Ihren Texten vor. So nehme ich mich nun mal wahr und es gefällt mir nicht. Trotzdem bin ich nur äußerlich das alte Weib, das durch die Straßen humpelt, innerlich bin ich immer noch das 17-jährige Mädchen, das in Deinzendorf barfuß über die Wiese läuft. Ich glaube, ich habe eine Kinderseele. Kann man das so sagen?

Stört Sie das Altwerden?

Ja, man sieht es mir nicht an, aber ich bin furchtbar eitel. Wenn ich vor zwanzig Jahren einen Preis bekommen habe, bin ich sofort in die Stadt und habe mir was Hübsches gekauft. Ich war verrückt nach Mode. Aber heute? Eine fast 100-Jährige, die sich Mode kauft, das wäre obszön. Glauben Sie mir, Älterwerden ist furchtbar. Männer haben es nicht so schwer. Denken Sie mal an Samuel Beckett. Würden Sie den auch fragen, wie alt er ist und ob er ein Problem damit hat? Eher nicht.

Warum nicht?  

Weil alte Männer, vor allem Künstler, mehr Würde haben als wir Frauen. Haben Sie Becketts Gesicht vor Augen? Was hat dieser Mann für eine Würde besessen. Er hatte das Glück, gut zu altern. Und welche Künstlerin ist gut gealtert? Mir fällt keine ein. Und ich selbst schaffe es auch nicht. Sie wissen, dass ich 50 Jahre mit dem Schriftsteller Ernst Jandl zusammengelebt habe? Er war in den letzten Jahren sehr von Alter und Krankheit gezeichnet, aber es war ihm egal, er hat sogar Scherze darüber gemacht. »Schau mal, wie ich ausschaue«, hat er immer gesagt.

Ein paar Jahre nach seinem Tod im Jahr 2000 sagten Sie: »Die Lücke schließt sich nicht.« Hat sie sich inzwischen geschlossen?
Sagen wir so, das Gefühl ist milder geworden. Kurz nach seinem Tod war ich davon überzeugt, nie mehr schreiben zu können, so ausgeleert war ich. Heute ist er punktuell sogar bei mir. Er kommt, wann er will, oft für eine halbe Stunde, dann ist er ganz da, so dass ich ihn spüren kann. Wissen Sie, kurz bevor er gestorben ist, habe ich ein paar ganz gute Gedichte geschrieben und hatte keine Ahnung, dass er zwei Tage später nicht mehr da sein würde. Was für eine Gefühllosigkeit, oder? Das kann man nur Gefühllosigkeit nennen. Ich war so innig mit ihm und habe nicht gespürt, dass es seine letzten Tage sind.

Kommt es vor, dass Sie ihn um Hilfe bitten?
Ja, wenn ich was nicht finde, eine Tasse oder Schere, dann sage ich: »Ernst, wenn du noch irgendwo bist, mach, dass ich dieses Ding finde.« Ich kann mich noch gut an einen Sommerabend erinnern, wenige Wochen nach seinem Tod. Ich war zu Hause und hatte alle Fenster offen, als eine riesige Libelle zum Fenster hereingeflogen kam. Sie flog durch den Raum, versteckte sich in einer Ecke und blieb da, bis sie zu einer Mumie geworden und vertrocknet ist. Damals habe ich geglaubt, dass er das ist.

Vermissen Sie ihn?
Natürlich, ich habe eine riesige Sehnsucht nach Liebe, ich verliebe mich auch ständig. Als Ernst noch gelebt hat, hat er das aufgefangen. Heute kommt die Liebe ganz plötzlich, meistens über die Augen, über den Blick. Ich verliebe mich in Menschen und Tiere, ganz egal ob sie mich widerlieben. Das macht mir nichts aus. Ich will ja gar nichts von denen.

Kommt es vor, dass Sie mit 87 Jahren Dinge auf einmal ganz anders sehen als Ihr ganzes Leben zuvor?
Ich glaube, dass ich heute mehr vom Leben und den Menschen verstehe. Ich bin erst mit Mitte 70 ein wirklicher Mensch geworden. Vorher war ich egoistisch, ohne Mitgefühl für meine Mitmenschen, vor allem für meine Mutter, die ich heiß geliebt habe. Trotzdem, wenn ich bei ihr war und sie mich gebeten hat, noch ein bisserl zu bleiben, bin ich nach Hause, um zu schreiben. Kurz vor ihrem Tod hat sie gesagt: »Weißt du, Friederike, eigentlich habe ich nur für dich gelebt.«

Haben Sie deswegen ein schlechtes Gewissen?
Ja, weil ich gemerkt habe, dass es die Wahrheit ist. Trotzdem konnte ich meinen Schreibdrang nicht abstellen. Oft musste ich einen Absatz unbedingt zu Ende bringen, dabei hätte sie sich so gefreut. Dreißig Minuten hätten gereicht. Nur ein bisserl sitzen bleiben. Ich habe es nicht geschafft.

Sie waren besessen vom Schreiben.  
Ich bin es immer noch, aber früher war ich egoistisch, und je weiter ich zurückdenke, desto rücksichtsloser sehe ich mich. Heute habe ich keine Familie mehr. Alle sind gestorben.

Fühlen Sie sich einsam?
In manchen Stunden ja, vor allem am Wochenende, wenn die Geschäfte geschlossen haben und keine Post kommt. Dann kann es arg sein. Ich kriege so gern Post. An solchen Tagen werde ich mir meiner Einsamkeit bewusst. Dann schreibe ich Briefe oder gehe spazieren. Manchmal versuche ich, jemanden anzurufen.

Warum versuchen?
Weil ich gehemmt bin. Eigentlich will ich niemanden belasten. Kann doch niemand was dafür, dass es mir elend geht. Wissen Sie, manchmal bin ich eine Raunzerin. Dann jammere ich, wie alt ich bin und dass es sicher bald aus sein wird. Ich werde dann von einer Sentimentalität überfallen, dass ich mich sofort hinsetzen und schreiben muss, um dieses Gefühl wegzudrücken.

Sind Sie traurig, dass Sie keine Kinder haben?

Natürlich wäre es schön, jetzt einen Sohn oder eine Tochter zu haben, aber ich bereue nichts, weil ich sonst mein Schreiben bereuen müsste, und das tue ich nicht, weil ich ohne Schreiben nicht leben kann, aber warten Sie, ich glaube, ich muss mich messen, es ist wieder so weit.

Es dauert eine Weile, bis sie ihr Blutdruckmessgerät gefunden hat, so viel Zeug hat sie dabei: eine Handtasche, eine Plastiktüte, einen kleinen Rucksack, außerdem einen Schirm, einen großen Notizblock und ihr letztes Buch - »weil ich schon nicht mehr weiß, was drinsteht.« Dann hat sie es. Schnallt sich die Manschette um, misst, wartet: 160 zu 90. »Das geht noch«, sagt sie. »Ich versuche noch 30 Minuten, ja?«

In Ihrem Buch Brütt oder die seufzenden Gärten heißt es: »Ich habe alles verloren, vertan, versäumt …«

Natürlich hat man alles versäumt.

Was zum Beispiel?

Ich habe mich immer versteckt. Wenn ich an andere Autoren denke, die mischen sich ein in gesellschaftliche und politische Fragen. Ich interessiere mich nicht so für die Außenwelt.

Lesen Sie auch nicht Zeitung?
Manchmal Die Zeit, wenn ich im Kaffeehaus bin, aber nur das Feuilleton.

Krieg in Syrien, Euro-Krise, das kriegen Sie alles gar nicht mit?
Ich nehme es wahr, lese die Überschriften, die ersten Zeilen, aber ich bleibe nicht dabei. Natürlich denke ich mir, wie entsetzlich das alles ist, aber im Grunde geht es mich nichts an. Da ist schon noch ein großes Stück Egoismus in mir. Dafür gehen mir Einzelschicksale umso näher.

Zum Beispiel?
Gesichter auf der Straße. Ich schaue sie an und versuche zu ahnen, was in den Menschen vorgeht. Oft spürt man schon am Gang, wie es einem Menschen geht. Bei mir im Haus lebt eine Frau, die nenne ich die kleine heilige Frau. Sie kommt aus dem Kosovo, ist eine ganz stille Person und haust in einer winzigen Wohnung. Wenn wir uns begegnen, umarmt sie mich immer. Der stecke ich ab und an ein wenig Geld zu, vor allem im Winter, wenn sie heizen muss. Ich konnte ja selbst nie vom Schreiben leben, kann es heute noch nicht.

Aber Sie zählen zu den ganz großen Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts, 2004 wurden Sie als Favoritin für den Literatur-Nobelpreis gehandelt.
Aber meine Bücher hatten immer kleine Auflagen. Ein paar Tausend pro Buch vielleicht. Genau weiß ich es nicht. Die großen Herren bei Suhrkamp nehmen mich nicht so wahr, der Enzensberger kennt mich, glaube ich, gar nicht. Und gelebt habe ich vor allem von den Preisgeldern. Ich habe viele Preise bekommen.

Ist es nicht kränkend, wenn man als hochgelobte Schriftstellerin seinen Lebensunterhalt nicht mit dem Schreiben bestreiten kann?
Ich habe es immer hingenommen. Viele andere Autoren können vom Schreiben leben, auch mittelmäßige. Die Leute sagen, mein Werk sei schwierig, ich frage mich, was sie meinen, ich verstehe jeden Satz.

Es ist schon so, dass Ihre Prosa große Konzentration erfordert. Sie erschließt sich nicht auf Anhieb, sabotiert die Erwartungen des Lesers.
Das ist mir gar nicht bewusst, aber ich ahne, was Sie meinen. Und es ist ja nicht so, dass ich nicht verstanden werden möchte. Es gibt sogar Momente, in denen ich darüber nachdenke, was wohl die Leser zu einem bestimmten Satz sagen werden. Trotzdem würde ich ihn nie deswegen ändern. Er kann nur so lauten, wie er da steht. Mir geht es immer nur um die Sprache. Um ihre Funktionsweise, vor allem ihre Schönheit. Handlung, Botschaft, interessiert mich alles nicht.

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