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aus Heft 38/2012 Gesellschaft/Leben 4 Kommentare

Mein Leben mit der Gang

Als Schlagzeuger der Spider Murphy Gang brachte es Franz Trojan zum Millionär. 30 Jahre später empfing der einstige Star unseren Redakteur –
in einem Wohnwagen, der ihm nicht mal selbst gehört.

Von Max Fellmann  Fotos: Attila Hartwig, Heinz Augé




Ein etwas angegrauter Wohnwagen, viereinhalb Meter lang, knapp zwei Meter breit. Drin die Schlafecke, ein kleiner Fernseher. Auf der Matratze liegt eine Gitarre, deren Saiten schon lang nicht mehr gewechselt wurden. Es ist ziemlich dunkel im Wohnwagen, direkt dahinter beginnt der Wald. Vor der Tür liegen alte Bretter herum, ein paar Meter weiter ein Schuppen, rechts ein großes Feld, mitten im Nichts. »Ja, das ist hier so mein Reich, gell«, sagt Franz Trojan, dann hustet er. Er raucht viel. Entweder er raucht oder er dreht sich die nächste Zigarette. Gelbe Finger. Husten.

Trojan, 55 Jahre alt, sitzt in einem verwaschenen blauen Pullover vor dem Wohnwagen, die schütteren Haare strähnig nach hinten gekämmt. In seinem Wohnwagen gibt es kein Buch, keine Platten, nichts, was auf ein Privatleben schließen ließe. »Ach mei, ich hab schon CDs und so«, sagt er, »aber die liegen drüben im Schuppen. Pack ich nicht aus. Keine Böcke.« Und das Schlagzeug? »Auseinandergenommen. Im Schuppen. Keine Böcke.« Er hustet. Immerhin, ein eigener Wohnwagen. Am Niederrhein. Besser als das Obdachlosenheim in Niederbayern, in dem er zuletzt gelebt hat.

Keiner auf der Bühne ist so cool wie der Schlagzeuger, das war mir schon mit zehn klar. Vorne turnen die mit den Gitarren und Bässen rum, in der Ecke sitzt der Typ an der langweiligen Orgel – hinten, auf dem Podest, thront der Drummer, der alles anschiebt, der den größten Radau macht. Als Junge konnte ich stundenlang Platten hören und dazu mit imaginären Drumsticks in der Luft rumtrommeln. Besonders gut ging das zu den Platten der Spider Murphy Gang. Franz  Trojan war ein richtiges Tier, er spielte hart und laut und konnte auch so ganz schnelle Sachen, ein Mordsgewirbel. Ein lässiger Typ. Auf der ersten Platte war er mit Lederjacke und einer Bierflasche in der Hand zu sehen, also bitte, cooler Hund, oder?

Die Spider Murphy Gang hatte riesige Hits, Skandal im Sperrbezirk kennt jeder. Die Spiders kamen aus München, meiner Heimatstadt, im Gegensatz zu Bands aus England oder Amerika schienen sie so greifbar. Und dass sie es als Münchner geschafft hatten, in ganz Deutschland zu Stars zu werden – das konnte ja nur heißen, dass München cool war und ich als Münchner auch.

Franz Trojan war Millionär, damals in den Achtzigerjahren. Das Album Dolce Vita stand auf Platz eins der Charts, die damals noch Hitparade hießen, die Band spielte Konzerte in den größten Hallen, Olympiahalle, Westfalenhalle. »Wenn du zum ersten Mal eine Million hast, das ist ein geiles Gefühl«, sagt Trojan, heute 55 Jahre alt, »da gehst du einfach ins Geschäft, grüß Gott, packen Sie mir den Porsche ein. Man haut die Kohle raus. Man denkt, das geht immer so weiter.«

Es ging kein bisschen so weiter. 1992 verließ Trojan die Spider Murphy Gang. Warum? »Keine Böcke mehr.« Die Platten verkauften sich nicht mehr so gut. Die Konzerte liefen, die Leute mochten ja die Hits. Aber er wollte die Hits nicht mehr spielen, er fand, die Luft sei raus. Er war dann noch ein paar Jahre ganz gut im Geschäft, als Studio-Schlagzeuger für andere, als Produzent, für Nicki, für Juliane Werding, er war sogar Mitbesitzer eines edlen Tonstudios. Franz Trojan war wer in der Münchner Musikszene. Dass er mal im Obdachlosenheim sitzen würde – dafür sprach damals nichts, überhaupt nichts.

Ich wurde kein Schlagzeuger. Ich wurde erst mal elf. Dolce Vita bekam ich zu Weihnachten von meiner Großmutter, das war 1981. Als Kaufkassette. Die Spielzeit der A-Seite war etwas länger als die der B-Seite, wenn man die Kassette umdrehte, musste man zurückspulen, um den Anfang des ersten Lieds nicht zu verpassen. Ich hörte die Kassette ununterbrochen. Bei Skandal im Sperrbezirk wurde die berühmte Telefonnummer »Zwounddreißig sechzehn acht« erwähnt, da sollte die Prostituierte Rosi zu erreichen sein, bei der »Konjunktur die ganze Nacht« herrschte. Ich wusste nicht so genau, was das heißen soll, aber nach endlosem Kichern und Schnell-wieder-Auflegen traute ich mich irgendwann, anzurufen. Tote Leitung. Es war natürlich gar keine richtige Telefonnummer.

Trojans Wohnwagen steht im Hinterhof eines kleinen Einfamilienhauses am Rand von Kamp-Lintfort. Kamp-Lintfort, knapp 40 000 Einwohner, ein Stück nördlich von Krefeld. 530 Kilometer entfernt von Kulmbach in Bayern, wo er geboren und aufgewachsen ist. Trojan steht vor seinem Wohnwagen, der ihm gar nicht gehört, er gehört Lissy Dicks, der Frau, die ihn gerettet hat. Lissy Dicks, Mitte fünfzig, rotbraune Dauerwelle, klein, quirlig, Quasselstrippe, Anpackerin. Sie betreibt eine kleine Plattenfirma, eine wirklich sehr kleine. Die Sänger, die sie unter Vertrag hat, kennt man eher nicht so. Trojan erzählt mir, wie die beiden sich kennengelernt haben: Ein gemeinsamer Bekannter hatte den Kontakt hergestellt, die beiden telefonierten, ein paar Tage später fuhr Franz los. »Das war vor eineinhalb Jahren. Seitdem bin ich hier oben. Ich bin einfach geblieben.« Lissy konnte ihn ganz gut brauchen, er kennt sich ja mit Musik aus.

Lissys Bungalow sieht etwas selbst gebaut aus, neben der Haustür lehnen Schindeln, die sollen ein Fensterbrett werden, wenn mal Zeit ist, sie anzubringen. Hinter dem Haus: Trojans Wohnwagen. Im Haus: drei enge Zimmer mit einfachen Möbeln, dahinter zwei etwas düstere Räume, das sogenannte Studio. Trojan führt mich in den kleineren der beiden Räume, wir sitzen zusammen vor einem großen Tisch mit einem Computer, das ist alles. Keine Instrumente. »Du brauchst ja den ganzen Schmarrn heut nicht mehr«, sagt er, »der Computer kann so klingen wie ein Klavier, wie eine Gitarre, wie ein Schlagzeug.« Er führt ein paar Sounds vor. Sie klingen wie ein Computer, der wie ein Instrument klingen soll. Hier nimmt Trojan Lieder für die Sängerinnen und Sänger auf, die Lissy managt. Abends, wenn er fertig ist und den Computer runterfährt, stellt ihm Lissy einen Teller Nudeln hin, den nimmt er dann mit hinter in seinen Wohnwagen.

Trojan spielt mir ein angefangenes Lied vor, den Rhythmus hat er im Computer programmiert. Die Maschine rappelt vor sich hin, und ich bin ratlos: Der Mann, der damals so begnadet reingehauen hat, der so cool am Schlagzeug saß, lässt sein Schlagzeug im Schuppen und drückt lieber ein paar Knöpfe. Aber Trojan zerbricht sich darüber nicht groß den Kopf. Computer an, Computer aus, Hauptsache kein Stress.

Ab und zu veranstaltet Lissy Dicks Partys in der Umgebung. Da tritt dann auch Trojan auf. Sie bewirbt ihn als den »Bayer vom Niederrhein«, Trojan zieht dann eine Trachtenjacke an, singt ein paar selbst geschriebene Lieder und ein, zwei Hits der Spider Murphy Gang. Im August, bei der Party in einem kleinen Festzelt in Duisburg, veranstaltete Lissy auch eine Tombola, die auf dem Plakat in leichtem Dialekt angekündigt wurde. »1. Preis: Liveauftritt mit Franz Trojan auf Ihre nächste Fete.«

Einmal, das war schon eine Weile nach Dolce Vita und den ganz großen Hits, spielte die Spider Murphy Gang in der Fernsehsendung Live aus dem Alabama. Ich hing vor dem Fernseher. Der Gitarrist Barny Murphy hatte sich ein Trampolin an den Bühnenrand bauen lassen, er machte beim Spielen wilde Sprünge, spektakulär! Hinten saß Franz Trojan und knüppelte, was das Zeug hielt. Auf einmal fiel die Lautsprecheranlage aus. Der Keyboarder drückte hilflos auf seine Tasten, der Sänger zupfte am Bass, nichts zu hören. Nur einen Gitarrenverstärker direkt auf der Bühne hörte man noch. Und natürlich das Schlagzeug. Denn das Schlagzeug braucht keine Verstärker. Trojan spielte einfach weiter, er haute rein für zwei, er konnte das: so spielen, dass es klang, als wären da mindestens vier Arme gleichzeitig bei der Arbeit. Es fehlte nichts, der Mann hätte auch ein ganzes Konzert allein spielen können. Wahnsinn.

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Kommentare

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  • Beate Inngauer (0) Franz Trojan mag zwar in Kamp-Lintfort am Niederrhein leben - aber Moosburg an der Isar ist noch nicht in Niederbayern.....! Franz Trojan hatte 2010 - nach einem Besichtigungstermin - einen Platz in einer Entzugsklinik - er hat es vorgezogen dort nicht zu erscheinen. Ich habe ihn zu diesem Besichtigungstermin gefahren.
    Auch einige andere Menschen haben versucht Franz Trojan zu helfen. Es gab Menschen die ihm Strafen bezahlt haben - es gab Menschen die ihm Arbeit angeboten haben - er hat alle mit dummen Sprüchen zum Teufel gejagt. Auch Günther Sigl bei einem Treffen am 8. August 2010. Daß er ärztliche Hilfe benötigt ist nicht von der Hand zu weisen.
  • IAKIN IAKIN (0) Nun sind fast 2 Jahre vergangen, er nimmt keine Hilfe an, lässt sich bevormunden, ist eingeschüchtert und haust immer noch im Wohnwagen.
    Langsam sollte er mal seinen Arsch hoch kriegen und ärztliche Hilfe annehmen.
    Franz ist krank, vom Alkohol geprägt und immer noch nicht Einsichtig. Er braucht dringend ärztliche Hilfe und gehört in eine Klinik.
  • Jean Jacques Scheifele (0) Sehr guter Artikel.
    Anmerkung:
    Sigl hat nun mal alle Hits geschrieben und somit erhält er als Urheber auch die GEMA-Tantiemen. Trojan hat auch einen Song für die Band geschrieben (Mädchen drüben). Für diesen Song erhält er die Tantimen. Sigl war immer der Macher der Band. Er hat in den Anfängen auch das Booking gemacht und sich um die Finanzen gekümmert.

    Franz ist meiner Meinung nach krank und benötigt ärztliche Hilfe. Sollte Franz diese Einsicht haben wird ihm sicher auch Sigl zur Seite stehen.
  • J M (0) Toll geschrieben. Danke.
    JM