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aus Heft 38/2012 Gesellschaft/Leben

Ich und der Indianerhäuptling

Marc Baumann  Fotos: Getty, Attila Hartwig

Als Fußballer hat der Franzose alles gewonnen, was man gewinnen kann. Sein größter Sieg aber war es, nicht am Leben nach der Karriere zu scheitern. Begegnung mit einem Freigeist, der überraschende Berufstipps parat hat: lieber im Büro sitzen als surfen.



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Dass aus mir kein Fußballprofi mehr wird, weiß ich, seit ich als Zwölfjähriger gegen den FC Bayern München spielen durfte. Es war das Jahr 1988 und ich wurde als Vorstopper des SC Fürstenfeldbruck in die Auswahlmannschaft des Landkreises berufen. Unser Gegner: die seit Jahren unbesiegte D-Jugend des FC Bayern. Meine Mutter stand stolz am Spielfeldrand, mein Trainer gab mir den Auftrag, den Mittelstürmer zu bewachen. 24 Jahre später erinnere ich mich noch immer an einen langen Pass, der Stürmer und ich sprinteten gleichzeitig los. Stellen Sie sich Usain Bolt gegen Ottfried Fischer vor, so in etwa sah es aus. Der Bayern-Nachwuchs gewann 6:1, mein Gegenspieler schoss allein fünf Tore. Auf der Heimfahrt im Mannschaftsbus hielt nur noch meine Mutter zu mir.

Als kleiner Junge wollte ich Fußballprofi werden, weil ich einmal im Leben vor 80 000 Zuschauern das Siegtor schießen wollte. Heute, mit 35 Jahren, habe ich den Traum leicht abgeändert: Ich wäre jetzt gern Ex-Fußballprofi. Also: mit Ende 30 im Ruhestand, ausgesorgt bis ans Lebensende, aber jung genug, um alles genießen zu können. Ich hätte gern das Leben von Bixente Lizarazu. Der war erst mein Lieblingsspieler, jetzt ist er mein Lieblingspensionär. Jugendidole haben meist ein kurzes Leben, sie hängen zwei, drei Jahre als Poster an der Wand, dann werden sie abgerissen, ausgetauscht, vergessen. Bei Bixente Lizarazu und mir ist es anders, je älter er wird, desto mehr gefällt mir, was er macht.

Lizarazu war statistisch gesehen der beste Fussballer der Welt. 2001 war er gleichzeitig: amtierender Welt- und Europameister (mit der französischen Nationalmannschaft), Champions-League-Sieger, Weltpokalsieger und Landesmeister (mit dem FC Bayern). Das hat vor ihm keiner geschafft, nicht Beckenbauer, nicht Pelé. Lizarazu hat von 1997 an acht Jahre lang in München gespielt, dem Verein, zu dem ich seit frühester Kindheit halte. Als Bayern 1999 das Endspiel gegen Manchester United um die Champions League verlor, musste Lizarazu verletzt auf der Tribüne zusehen. Ich stand mit 30 000 Fans vor einer Großleinwand im Olympiastadion, um mich herum weinende Männer, und ich sagte zu einem Freund: »Mit Lizarazu hätten wir nicht verloren.« Im Finale 2001 in Mailand war er dann dabei, im Elfmeterschießen, als ich schon nicht mehr hinsehen konnte, verwandelte er sicher.

Es gibt Helden, an die kann man nur als Kind glauben. An Lothar Matthäus etwa. Der hatte sich bei der Weltmeisterschaft 1986 in mein Herz geschossen. 20 Jahre später habe ich ihn mal interviewt. Es war ein surrealer Moment, so als würde man Batman treffen. Ich hatte mir ihn irgendwie größer vorgestellt. Gut, ich bin 1,94 Meter groß, Matthäus nur 1,74 Meter. Aber das meine ich nicht: Ich hatte ihn für imposanter gehalten.

Bei Lizarazu war es genau anders herum: Er ist noch fünf Zentimeter kleiner als Matthäus, aber als ich ihm gegenüberstand, kam er mir größer vor. Bixente kann einen sehr ernst und durchdringend anblicken. Mit seinen halblangen, zerzausten Haaren, seinem muskelbepackten Oberkörper und der braungebrannten Haut – er trug nur eine Badehose – sah er aus wie ein Indianerhäuptling. Wie der junge Pierre Brice. Lizarazu wäre die Idealbesetzung der Winnetou-Festspiele in Bad Segeberg, aber so ein Kostümtheater würde er nicht mitmachen.

Er war Linksverteidiger, klein, schnell, zuverlässig. Ich war lange Rechtsverteidiger. Abwehrspieler machen keine Show auf dem Platz, sie haben keine einstudierten Jubelposen oder exzentrischen Frisuren, sie laufen einfach 90 Minuten einem Stürmer hinterher und je besser sie spielen, desto weniger bemerkt man sie. Verteidiger sein ist gut für den Charakter.

Im August 1999 kam es beim Training des FC Bayern zu einem heftigen Gerangel zwischen Lothar und Bixente. Es endete damit, dass Lizarazu Matthäus eine kräftige Ohrfeige gab. Er rechtfertigte sich später so: »Ich hatte genug davon, wie Lothar mit den Kollegen umging. Er war damals der große Star und sehr arrogant. Mich hat das genervt und irgendwann war das Fass übergelaufen.«

Als die baskische Terrororganisation ETA im Jahr 2000 Geld von Lizarazu erpressen wollte, weil er als Baske für Frankreich Fußball spielte, weigerte er sich und ging an die Presse. Er stand eine Zeit lang unter Personenschutz, aber er hat nicht nachgegeben. Und als im November 2002 der Tanker Prestige mit 77 000 Litern Schweröl havarierte und eine Umweltkatastrophe an der Küste des Baskenlandes verursachte, gründete Lizarazu die Organisation »Liza für ein blaues Meer«, die an Schulen Vorträge hält, wie man den Strand sauber hält, Strom und Wasser spart.

Viele Ex-Sportler geben ihren Namen für soziale Zwecke her, ein guter Weg, um mal wieder in der Presse aufzutauchen. Als Lizarazu forderte, dass Umweltschutz ein Unterrichtsfach wie Mathematik werden sollte und in einem offenen Brief anklagte, dass die Weltmeere zur Müllkippe verkommen, waren das keine PR-Aktionen. Bixente ist fast jeden Tag für mehrere Stunden im Meer. Seit er seine Karriere 2006 beendete, verbringt er so viel Zeit wie möglich beim Wellenreiten. Noch so eine Gemeinsamkeit zwischen uns.

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