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aus Heft 39/2012 Gesundheit Noch keine Kommentare

Wenn der Medizinmann kommt

Wie transportiert man lebenswichtige Medikamente in afrikanische Dörfer? Ganz einfach: in den Lücken zwischen Colaflaschen. Die Geschichte einer guten Designidee.

Von Christoph Cadenbach  Fotos: imago/imagobroker/strigl, colalife

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Vergangenes Jahr starben weltweit etwa 6,9 Millionen Kinder unter fünf Jahren, elf Prozent davon an einer Durchfallerkrankung, so die Zahlen des Kinderhilfswerks UNICEF. Das sind 759 000 Tote, die man in den meisten Fällen mit ein wenig Kochsalz, Traubenzucker und ein paar anderen Nährstoffen hätte retten können. Diese Nährstoffe sind billig und eigentlich im Überfluss vorhanden, nur eben nicht dort, wo die meisten der 759 000 Kinder zur Welt gekommen sind: in den abgelegenen, oft nur über staubige Schlaglochpisten zu erreichenden Dörfer Afrikas.

Ein anderes Produkt dagegen schafft es selbst ins abgelegenste, staubigste Kaff: Coca-Cola – und das brachte Simon Berry, einen Entwicklungshelfer bei der britischen Regierung, auf eine Idee: Warum nicht die Vertriebsstruktur von Coca-Cola nutzen, um lebenswichtige Medizin zu den Ärmsten der Armen zu bringen?

Coca-Cola ist der größte Erfrischungsgetränkehersteller der Welt, nach eigenen Angaben verkauft das Unternehmen 1,7 Milliarden Getränke pro Tag – in über 200 Ländern. Den Vertrieb übernehmen dabei lokale Brauereien, die die Limonade aus Konzentrat herstellen, abfüllen und an Großhändler und Supermärkte liefern. Den für den Entwicklungshelfer Berry wichtigsten Schritt in dieser Kette vom Produzenten zum Konsumenten übernehmen in vielen Ländern Afrikas private Kleinunternehmer: Männer und Frauen, die drei Kisten Cola im Supermarkt in der nächsten Stadt kaufen, um sie dann mit dem Bus, dem Fahrrad oder dem Handkarren kilometerweit in ihr Dorf zu schaffen und dort mit ein bisschen Gewinn zu veräußern.

Zuerst wollte Berry bei den Großhändlern eine Flasche in jeder Kiste Cola durch ein Medizinpäckchen ersetzen. Das hätte allerdings den Gewinn aller Beteiligten gedrückt, kein gutes Argument also, um mit Unternehmern zu diskutieren. Die Idee ruhte, viele Jahre, bis die britische Regierung 2008 eine Initiative startete, um Unternehmen stärker in die Armutsbekämpfung einzubeziehen. Simon Berry sah endlich seine Chance, und seine Frau Jane hatte die Idee, einfach den Platz zu nutzen, den es in jeder Kiste Cola gratis gibt: den Platz zwischen den Flaschen.

Das Medizinpäckchen, das die Berrys nun gemeinsam mit Designern entwickelt haben, sieht ein wenig aus wie die Sandwichpackungen, die man in der Tankstelle kaufen kann: ein Keil aus durchsichtigem Plastik, und dieser Keil passt exakt zwischen die Flaschenhälse, zehn Keile pro Kiste. Darin transportiert werden Päckchen mit Elektrolytpulver, jenen lebenswichtigen Nährstoffen, die bei Durchfallerkrankungen dem Körper fehlen, außerdem Zinktabletten, die Durchfall mindern können, und ein Stück Seife.

Gerade läuft der erste umfassende Test in Sambia an, einem Land mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 52 Jahren, in dem jeder zehnte Säugling stirbt. Die Berrys haben, spendenfinanziert, 41 000 Medizinpäckchen produzieren lassen, die nun mithilfe von rund 40 Großhändlern zwischen die Flaschenhälse in den Kisten geklemmt und dann von den Kleinunternehmern in die abgelegenen Dörfer gebracht werden, »Huckepack«, wie Simon Berry das nennt. In den Dörfern sollen die Medizinpäckchen dann nicht gratis verteilt, sondern für wenig Geld verkauft werden. Etwa 75 Cent pro Päckchen, ein Stück Seife allein kostet rund 60 Cent. Der Gewinn gehört den Kleinunternehmern, damit auch sie einen Anreiz haben, die Päckchen zu transportieren.

Wenn es mit dem Testlauf klappt, wollen die Berrys ihr Projekt, ColaLife haben sie es genannt, ausbauen: erst in Sambia, bisher beschränken sie sich auf zwei Distrikte im Süden, und dann auch in anderen Ländern. Und natürlich wollen sie das Medizinpäckchen optimieren: Der Plastikbehälter zum Beispiel ist bisher nur Verpackung, man könnte damit aber auch Wasser reinigen. Denn Plastik lässt die UV-A-Strahlen des Sonnenlichts durch, die Krankheitserreger abtöten. Legt man eine PET-Flasche für sechs Stunden in die heiße Sonne, ist das Wasser darin desinfiziert. Man muss den Menschen nur vermitteln, wie es geht.

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