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aus Heft 39/2012 Gesellschaft/Leben 1 Kommentar

Echt alt! Echt?

Läuft ja wie gehobelt: Neue Möbel, die so tun, als seien sie schon uralt, sind der Renner. Aber warum eigentlich? Sieben Fragen an einen eigenartigen Trend.

Von Max Fellmann und Till Krause  Fotos: Tanja Kernweiss, Fender Magazine

Den gelernten Gitarrenbauer schmerzt es, aber wenn’s der Kunde halt will? In der Werkstatt von Fender Deutschland werden nagelneue Gitarren gezielt verkratzt und verschandelt.
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WAS SOLL DAS GANZE?

Am schönsten ist der Trick mit dem Schlüsselbund. Man nimmt so einen richtig großen Hausmeisterring, 20 bis 30 Schlüssel, und zieht ihn mit Wucht über eine Tischplatte, immer und immer wieder. Nach einer Viertelstunde sieht der Tisch aus, als hätten schon fünf Generationen dran gegessen: überall kleine Dellen, Kratzer, Löcher, Unebenheiten. Wenn Möbel gebraucht aussehen sollen, ist Unregelmäßigkeit alles. Würde man die Ecken einer Kommode von einem Automaten abschleifen lassen, sähen sie alle gleich aus. Damit alles echt gebraucht aussieht, hilft nur: selber schleifen, hauen, kratzen. Von Hand. Stundenlang. Mal heftig, mal sanft, so uneinheitlich wie möglich.

Aber wozu der ganze Aufwand? Weil heute nichts so antiquiert wirkt wie Dinge, die neu aussehen. Patina ist alles. Immer mehr Menschen kaufen am liebsten Möbel, die zumindest so wirken, als hätten sie Geschichte. Aber klären wir erst mal ein paar Begriffe:

1 »Vintage« bezeichnet eigentlich alles, was alt ist (zum Beispiel den berühmten Eames-Chair). Sehr häufig aber wird der Begriff auch verwendet für Gegenstände, die nur so aussehen, als seien sie alt.
2 »Retro-Design« bedeutet in der Regel: neu gemacht, aber nach Vorlagen aus früherer Zeit (ein fabrikneuer Sessel, der dem Eames-Chair ähnelt).
3 »Shabby Chic« bedeutet: künstlich angegammelt (ein neuer Sessel, der so aussieht, als hätte er schon zu Charles Eames’ Zeiten in einem Wohnzimmer gestanden).

UND WER WILL SOWAS HABEN?

Glaubt man den Zahlen der Möbelindustrie: eine Menge Leute. Franz Hampel, Sprecher der Fachgruppe Möbel im Mittelstandsverbund, sagt: »Shabby Chic liegt voll im Trend: Unsere Verkaufszahlen zeigen, dass besonders jüngere Menschen immer mehr Möbel im alten Stil kaufen.« Das gute alte Versandhaus Otto gibt an, die Häufigkeit des Suchbegriffs »Vintage Möbel« habe sich zwischen Sommer 2011 und Sommer 2012 verdoppelt. Michael Eck vom Hamburger Möbelhaus »Die Wäscherei« berichtet, er mache 20 bis 30 Prozent seines Umsatzes mit Vintage-Produkten, bald sollen es 40 Prozent werden.

WEM NÜTZT ES WAS?

Der Möbelhändler Jürgen Reiter führt gut gelaunt durch die Halle im Norden Münchens, in dem er die Stücke seiner Geschäftskette Kare präsentiert. Drei Stockwerke voller Möbel, viele schreiend bunt und kitschig; immer mehr aber auch dezent, warme Holztöne, gebrochener Lack, Gebrauchsspuren. Sie wirken antik – und sind gerade mal ein paar Wochen alt. Der Rheinländer Reiter lacht viel und gern, seine Firma war vor 30 Jahren nur eine kleine, etwas schräge Möbelkette in München, heute hat Kare 400 Angestellte und Läden in fast 40 Ländern.

SZ-Magazin: Vor ein paar Jahren hatten Sie noch fast keine Vintage-Möbel im Angebot, heute jede Menge. Wie viel genau?
Jürgen Reiter: Fast ein Drittel. Wir haben dafür sogar eine eigene Produktlinie. Die Leute stehen so sehr auf alte Anmutung, wir kommen kaum hinterher.

Warum verkaufen sich die künstlich gealterten Möbel so gut?

Die Kunden wollen weg vom einfach Reproduzierbaren. Bei Vintage ist jedes Stück ein Unikat, die Kratzer sind nie an der gleichen Stelle. Es geht um Individualisierung.

Aber wie individuell ist es, wenn bei zwei baugleichen Kommoden der Kratzer mal einen Zentimeter weiter links oder rechts ist?
Das klingt jetzt etwas arg pragmatisch, aber: Was wollen Sie machen, wenn es nun mal nicht genug echtes Altes gibt?

Wo lassen Sie die Möbel herstellen?
Wir arbeiten mit Herstellern in der ganzen Welt, aber am besten sind die Inder – die wissen genau, wie man Möbel auf alt trimmt.

Welche Techniken kommen zum Einsatz?

Oh, das ist doch quasi unser Coca-Cola-Rezept! Das geben wir nicht einfach raus.

Ist es denn so kompliziert?

Nur so viel: Bei manchen Möbeln sind es bis zu sieben Arbeitsschritte, erst Lack, dann mit dem Bunsenbrenner ran, damit er aufspringt, dann die nächste Lackschicht, die wiederum verkratzen, dann wieder ein bisschen Thermik … Das kann dauern. Am Ende hat so eine Kommode vielleicht fast so viel abgekriegt wie eine 100 Jahre alte Kommode – nur eben innerhalb von ein paar Tagen.

Sie altert also im Zeitraffer.

Genau! Und wenn Sie da in Indien in der Werkstatt stehen, da geht es zu wie bei der spanischen Inquisition: Die hauen mit neunschwänzigen Eisenpeitschen auf Tische ein. Da hab ich selber schon mitgemacht, toll!

Und was sagen die indischen Handwerker dazu, dass sie für den komischen Mann aus Europa Möbel extra kaputtmachen sollen?
Die finden das natürlich eigenartig. Aber es gibt prinzipiell eine Schizophrenie des Marktes: Je reicher ein Land, umso besser gehen da unsere angegammelten Möbel. Es besteht ein klarer Zusammenhang zwischen dem Wohlstand und der Sehnsucht nach dem Einfachen.

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Kommentare

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  • york karsunke (0) aeh - das ist jetzt satire, oder? ODER???