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aus Heft 40/2012 Gesellschaft/Leben

Eisiges Schweigen

Malte Herwig  Fotos: Winnie Wintermeyer, Stefan Jungmann, privat

Vierzehn Jahre nachdem er spurlos verschwunden war, taucht auf dem Stubaigletscher der Leichnam eines jungen Snowboarders auf. Mit aller Kraft versuchen seine Eltern herauszufinden, wie ihr Sohn ums Leben kam. Aber bis heute sieht es so aus, als hätten manche ein Interesse daran, dass die Wahrheit nie ans Tageslicht kommt.



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In den Sommermonaten verirren sich nur wenige Touristen auf den in 3000 Meter Höhe gelegenen Schaufelferner Gletscher in Tirol. Wie populär Österreichs beliebtestes Skigebiet ist, erkennt man schon an den fußballfeldergroßen Parkplätzen vor der Talstation. Jetzt aber sind sie wie leergefegt, und die Gondeln geistern meist ohne Passagiere den Berg hinauf und wieder herunter.

Bei acht Grad weht ein sanfter Nordwind über den schneelosen Gletscher, der schmutzig-grau zwischen den Gipfeln liegt. Man hört allein das Plätschern des Schmelzwassers, das ins Tal fließt und freispült, was der Gletscher mal verschluckt hat: einen Vogel, Lippenstifte, Skibindungen, Tierknochen.

Der Tag, an dem Duncan MacPherson aus dem Eis schmolz, war ungewöhnlich schön. Es war der heißeste Sommer seit Jahrzehnten in Tirol, und während sich die Menschen unten im Stubaital in den Wirtshausgärten und auf den Veranden ihrer Einfamilienhäuser abkühlten, brütete die Sonne oben auf dem Gletscher langsam den Leichnam des jungen Kanadiers aus.

An jenem 18. Juli 2003 bemerkten Pistenarbeiter einen gelben Stofffetzen, der aus dem Eis des Schaufelferner Gletschers ragte, und riefen die Polizei. Kurz vor 17 Uhr landete ein Inspektor der Bergwacht mit dem Helikopter auf der Skipiste, fotografierte die Fundstelle des Leichnams und flog zehn Minuten später weiter zu einem anderen Einsatz. Die Pistenarbeiter hackten die Überreste der Leiche aus dem Eis und stopften sie in mehrere Säcke. Eine Stunde später wurden sie abgeholt und in eine Leichenhalle im Tal gebracht. Wer der Tote war, wurde bald geklärt. Aber wie er starb, ist bis heute nicht klar. Die Behörden gingen von einem Unfall aus und stellten die Ermittlungen ein.

Duncans Vater Bob MacPherson kann es immer noch nicht fassen: »Keine Polizeibeamten, kein Leichenbeschauer – nur ein paar Bauarbeiter, die ihn wie ein überfahrenes Tier von der Piste geklaubt und in einen Sack geschmissen haben«, sagt er im September am Telefon. Dass die MacPhersons Jahrzehnte nach Duncans Tod endlich erfahren, was mit ihrem Sohn geschehen ist, verdanken sie nicht den österreichischen Ermittlungsbehörden, sondern erstens der globalen Erwärmung und zweitens dem Spürsinn eines amerikanischen Schriftstellers in Wien.

»Die Menschen im Stubaital sind sehr freundlich, viel freundlicher als die Wiener«, sagt John Leake. Schließlich sei der Tourismus lebensnotwendig für sie. »Aber wenn du sie nach Duncan fragst, wird die Stimmung sofort eisig.« Auf den ersten Blick muss die Idee verrückt erscheinen, einen netten Amerikaner in Österreich ermitteln zu lassen. In der »Blauen Bar« des »Hotel Sacher« in Wien wirkt der 42-jährige Texaner so deplatziert wie ein Lipizzaner auf einer Ranch in Dallas. Das hat Leake, der fließend Deutsch spricht, schon oft geholfen. Er ist jemand, der den Menschen hier in Österreich mit einem Touristenlächeln zuhört und ab und zu mit dem Anflug eines amerikanischen Akzents Fragen stellt. Seine Schlussfolgerungen behält er für sich – bis ein paar Jahre später sein nächstes Buch erscheint, das akribisch und detailliert unglaubliche Missstände im österreichischen Justizwesen enthüllt.

Vor vier Jahren publizierte er eine Biografie über den Serienmörder Jack Unterweger. Die Gerichte hatten den Fall längst zu den Akten gelegt, aber Leake rollte ihn auf und fachsimpelte mit FBI-Experten über die Knotentechnik der Büstenhalter, mit denen Unterweger die Frauen erdrosselt hatte. Er suchte die Ex-Geliebte des Serienkillers auf und versuchte die gefährliche Faszination zu verstehen, die der Mann auf Frauen ausübte. Nach acht Jahren in Wien kannte sich der Schriftsteller John Leake mit den Untiefen der österreichischen Seele so gut aus wie mit Shakespeare. Leake lehnt sich aus dem Plüschsessel und sagt sehr freundlich und sehr bestimmt: »Es ist was faul in Innsbruck.« Als die MacPhersons ihn vor drei Jahren kontaktierten, zweifelte er zunächst. Dass die Ermittlungsbehörden kein großes Interesse daran gezeigt hatten, Duncans Eltern bei der Suche nach ihrem verschwundenen Sohn zu helfen, das passte so gar nicht zum gastfreundlichen Wesen der Tiroler. Aber Duncans Tod schien ein Unfall gewesen zu sein, nichts weiter. Leake fing trotzdem an zu ermitteln.

Er reiste ins Stubaital und suchte Zeugen, die an jenem 9. August 1989 am Gletscher gearbeitet hatten. »Die Botschaft war immer die Gleiche: Beim Snowboarden auf dem Stubaigletscher konnte Duncan nicht umgekommen sein. Bis seine Leiche mitten im Skigebiet gefunden wurde – zusammen mit dem Snowboard, das er angeblich an der Verleihstation zurückgegeben hatte.«

Dann studierte er die Ermittlungsunterlagen, in die Duncans Mutter nach jahrelangem Ringen mit den Behörden Einsicht bekommen hatte. Er entdeckte Widersprüche und blanke Unwahrheiten in den Polizeiprotokollen. Der Fundort von Duncans Leiche lag laut Polizeibericht »150 Meter östlich des Schlepplifts«. Der Kanadier habe den abgesperrten Bereich der Piste verlassen und sei in eine Gletscherspalte gestürzt, schrieb die Polizei in ihrem Bericht. Auch die Lokalmedien und die österreichische Nachrichtenagentur APA meldeten, Duncan sei außerhalb der Sicherheitszone umgekommen. Leake schüttelt den Kopf: »Pure Fiktion.« Tatsächlich war Duncans Leiche nur 25 Meter östlich des Lifts gefunden worden. Jahr für Jahr waren Hunderttausende Skifahrer ahnungslos wenige Meter über einer Leiche den Hang heruntergefahren. »Es fühlt sich an, als hätten sie all die Jahre auf seinem Grab getanzt«, sagt Bob MacPherson, die Fassungslosigkeit ist ihm immer noch anzumerken.

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Als Malte Herwig für seine Recherchen von Innsbruck ins Stubaital fuhr, sah er alle paar Kilometer Polizisten am Straßenrand. Herwig war beeindruckt von der Wachsamkeit der Tiroler Behörden, bis er merkte, dass es sich um lebensgroße Attrappen handelte, die zur Abschreckung von Verkehrssündern im Einsatz waren.

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