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aus Heft 40/2012 Sport

Es läuft ganz gut

Moritz Tschermak  Fotos: Timm Kölln

Der deutsche Manager Volker Wagner holt Sportler aus Afrika und lässt sie gegen kleines Geld bei deutschen Marathonrennen antreten. Manche nennen ihn einen Sklaventreiber. Andere finden, dass er Menschen eine Chance gibt.



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In einem Bungalow mitten in der deutschen Provinz warten drei Kenianer auf den Abend. Samson Kosgei, Hesbon Rono und James Barmasai haben sich auf die grünen Ledermöbel im Wohnzimmer gefläzt und den alten Röhrenfernseher angeschaltet. Zeit totschlagen. Ein paar Stunden noch, dann fahren sie nach Borgholzhausen. In dem 8500-Einwohner-Ort findet heute ein Nachtlauf statt, ein Sechs-Meilen-Rennen. Für die drei geht es um Start- und Siegprämien, es geht ums Geldverdienen. Laufen ist ihr Beruf. Bis zur Abfahrt zappen sie im Fernsehprogramm herum. Sie bleiben bei einer deutschen Autosendung hängen. Sie verstehen kein Wort.


Die drei sind Gäste von Volker Wagner, einem pensionierten Hauptschullehrer. Wagner, 62 Jahre alt, holt afrikanische Läufer nach Deutschland. Die meisten kommen aus Kenia, einige auch aus Äthiopien und Tansania. Für ein paar Wochen wohnen sie bei Wagner in Detmold, 30 Kilometer östlich von Bielefeld, am Fuße des Teutoburger Walds. Wagner lässt seine Athleten bei Veranstaltungen in der ganzen Bundesrepublik starten. Zehn-Kilometer-Läufe, Halbmarathons, Marathons. Manchmal fahren sie auch nach Tschechien oder in die Niederlande, überall dorthin, wo es Preisgelder zu gewinnen gibt. Es ist ein Geschäft.

Wagners Geschäft begann vor 25 Jahren. Damals fehlte dem tansanischen Langstreckenläufer Suleiman Nyambui bei einem Wettkampf ein Tempomacher. Volker Wagner sprang ein, lief, so schnell er konnte, und freundete sich mit Nyambui an. Er half ihm bei der Suche nach lukrativen Läufen in Deutschland, Schritt für Schritt wurde er sein offizieller Manager. Suleiman Nyambui verdiente gutes Geld. Volker Wagner machte sich in der Szene einen Namen. Andere Ostafrikaner schickten ihm Anfragen nach Detmold, ob sie nicht auch für ihn starten könnten. So entstand Wagners erste Läufer-Gruppe.

Heute halten seine Athleten bei Wettbewerben in ihrer Heimat Ausschau nach neuen Talenten. Sie sprechen sie an und geben Namen und Telefonnummern an Wagner weiter. Sein kleines Scouting-System. Ab und zu fliegt er auch selbst nach Afrika. Wenn alles passt, nimmt er die empfohlenen Läufer unter Vertrag. Er besorgt ihnen Laufschuhe und Trainingskleidung, verhandelt mit Ausstattern, meldet sie bei Rennen an. Doch Wagner ist mehr als nur ihr Manager. Er ist auch ihr Trainer, er ist ihr Masseur. Vor allem aber ist er die einzige Bezugsperson, die die Afrikaner hier im ostwestfälischen Nirgendwo haben.

An der Hauptstraße, die den Detmolder Stadtteil Diestelbruch zweiteilt, stehen solarbezellte Einfamilienhäuser neben restaurierten Fachwerkhöfen. Ein großes Holzschild weist darauf hin, dass Diestelbruch ein staatlich anerkannter Erholungsort ist. In den Sechzigerjahren entstand hier ein Bungalow-Feriendorf mit siebzig Schlafplätzen. Doch die Urlauber kamen irgendwann nicht mehr.

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Moritz Tschermak

lehnte dankend ab, als Wagner ihm seine Fähigkeiten als Chiropraktiker beweisen wollte. Andere waren mutiger: Nur wenige Minuten vor dem Startschuss in Hamburg kniete Wagner noch auf einem Hobbyläufer und bearbeitete dessen Wirbelsäule. Der junge Mann konnte anschließend wunderbar rennen.

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