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aus Heft 40/2012 Literatur

»Ich habe einen romantischen Blick«

Seite 3: Als Literaturchef gefeuert.

Sven Michaelsen (Interview)  Fotos: Spencer Murphy


Warum wurden Sie 1973 als Literaturchef gefeuert?
Joachim Fest sollte neuer Herausgeber werden und machte es zur Bedingung, dass sein Freund Marcel Reich-Ranicki meinen Posten bekommt. Dessen am traditionellen Realismus orientierten Literaturvorstellungen lagen Fest sehr viel näher als meine. Ob meine intellektuellen Schrillheiten und politischen Zweideutigkeiten – siehe Baader-Meinhof – eine Rolle spielten, möchte ich nicht kommentieren. Namhafte Leute von Enzensberger bis Habermas protestierten in öffentlichen Telegrammen gegen Reich-Ranicki, aber ich sah, dass er es schaffen würde, die FAZ zu dem Organ des bürgerlichen Buchlesers zu machen. Das habe ich nie gewollt. Kurz bevor ich für die Zeitung nach London ging, habe ich ihm in der großen Konferenz gesagt: »Reich-Ranicki, Sie sind die Rache von Jud Süß am deutschen Bürgertum.« Ich vermute, dass er diesen Satz nicht als Kompliment empfunden hat, obwohl er so gemeint war.

Wie wurde Ihnen Ihre Absetzung beigebracht?
Das war eine dramatische Situation. Ich schrieb am Steinhuder Meer vorahnungslos an meiner Habilitation. Während ich gedankenvoll am Ufer spazieren ging, merkte ich plötzlich, dass ein Mercedes langsam hinter mir herfuhr. Aus dem Wagen stieg der Herausgeber Bruno Dechamps und wirkte sehr irritiert. Ich fragte ihn, was er denn hier treibe. Wolle er Aale angeln? Als er sagte, er wolle mich sprechen, dachte ich: Um Gottes Willen, meine Redaktion hat wieder etwas Linksradikales angerichtet, und jetzt will man mir eine Szene machen wegen meines Führungsstils! Dechamps schlug vor, sich abends in irgendeinem Fischerhuus zu treffen, um mir eine gewisse Angelegenheit zu erläutern. Als ich brüsk ablehnte, sagte er mit süßlicher Stimme und gedehntem Hin und Her, dass die Zeitung meinen Vorschlag, irgendwann mal nach England zu gehen, für einen sehr guten Einfall hielte.

Sie sagen, Ihnen seien Empörungsgesten zuwider, »da sie sich nicht mit der Haltung des Stolzes vertragen«. Ein seltsamer Elitismus.

Wer sich empört, gibt seine Unterlegenheit zu und meint, er könne sie moralisch wettmachen. Ich finde, dass man eine Demütigung nicht noch dadurch öffentlich machen sollte, indem man sie moralisch auszugleichen versucht. Mein Stolz verbietet mir, jede Art von Demütigung zu akzeptieren. Sie können das mit einem soldatischen oder aristokratischen Kodex vergleichen. Auf salbadernde Auslegungen meiner Gefühle habe ich mich ebenfalls nie eingelassen. Wenn so etwas notwendig ist, geht man als Katholik beichten. Ansonsten bekennt man nicht. Der Gestus der Selbsteröffnung ist ja heute gang und gäbe und prägt alle großen Medienereignisse. Die Mehrheit des Publikums ist genau an solchen Intimitäten interessiert. Das alles wird durch das Prinzip des Stolzes verboten.

Vertrauen Sie sich engen Freunden an?
Ich glaube, dass ich sehr gute Ohren für Freunde in psychischer Not habe, aber ich selber habe ein solches Gehör kaum gesucht – obwohl es manchmal vielleicht hilfreich gewesen wäre.

Sind Sie ein einsamer Mensch?
Einsamkeit klingt so pathetisch. Faktisch hat es damit zu tun, dass ich seit 39 Jahren keinen Wohnsitz in Deutschland habe.

Von 1984 bis Anfang dieses Jahres waren Sie Herausgeber und Autor des Merkur und stritten mit polemischem Furor gegen die geistigen Verhältnisse. In einer berühmt gewordenen Serie porträtierten Sie Deutschland unter dem ewigen Kanzler Kohl als vulgäre »Fußgängerzone des Geistes«, in der »die Differenz zwischen Sektvertretern und Staatsvertretern« verloren gegangen sei. Eine Ihrer Diagnosen lautete: »Es gibt eine Misere in Deutschland, die kann man nicht abwählen. Und es gibt ein Unvermögen, das kann kein Bruttosozialprodukt ausgleichen. Dieses Unvermögen ist die Unfähigkeit zu Stilbewusstsein.«
Ein Soziologe würde sagen, dass Verhässlichung und Vulgarisierung nun mal Sachverhalte jeder modernen Massendemokratie seien. Ich dagegen habe einen romantischen Blick, wie Menschen sein sollten, wie Kultur sein sollte. Ästhetik und Politik gehören für mich zusammen. Nehmen Sie die bisslose Harmlosigkeit politischer Karikaturen selbst in besseren Zeitungen, die Einfallslosigkeit der Reklame oder die psychologische Einfalt von Serienfilmen: eine Welt ohne formale Sophistication.

Von Kohl zu Merkel: Sind die Dinge besser oder schlechter geworden?

Das von Kohl Akkumulierte und von Schröder in einer gewissen Banalität Weitergeführte ist bei unserer jetzigen Kanzlerin zur endgültigen Banalfigur Mensch geworden. Frau Merkel ist zweifellos sehr intelligent und besitzt ein anziehendes Lächeln, aber sie hat nicht das geringste Gefühl für kulturelle und psychologische Differenzen in Europa. Ihre Empörung über das frivole Verhalten der Südländer zeigt, dass sie in ihrem kleinbürgerlich-protestantischen Katechismus kein Verständnis für romanische Kulturen hat. Das ist ein Verfall der Kriterien und Distinktionsfähigkeiten. Die Sprache unserer Kanzlerin ist extrem banal und wird von einer Drögigkeit der schieren Faktizität beherrscht, die nur sagen kann: Die Griechen stehlen! Dass die Griechen einen Anspruch darauf haben, eine andere Kultur zu leben, käme ihr nie in den Sinn. Die Kanzlerin glaubt, es wäre etwas Tolles und Großartiges, dass ein Land gut verwaltet wird und gute Geschäfte macht. Aber was ist so großartig daran, viele Autos zu verkaufen?

Jürgen Habermas sagte über Ihre kulturkritischen Diagnosen mal, es sei »doch besser, langweilig zu sein als faschistisch«.
Eine falsche Alternative, aber natürlich hat eine bestimmte Sorte Stillosigkeit auch ihre Vorteile. Statt angemaßtem Stil sind mir echter Schrot und Korn und gewisse Schwerfälligkeiten lieber. Bei diesen exquisiten Abendunterhaltungen mit Engländern und Franzosen sehnt man sich plötzlich danach, mit einem deutschen Schwarzbrot-Intellektuellen ein richtiges deutsches Gespräch zu haben. Das hat äußerlich durchaus Form- und Distanzlosigkeiten, aber es bringt Ehrlichkeiten hervor, die die verkniffenen feinen Engländer weniger zustande bringen – zu deren eigenem Bedauern übrigens. Was mich aufbringt, ist dieses Sich-Gehenlassen im Privaten, das in dem berühmten deutschen Satz zum Ausdruck kommt: Ich fühle mich säuisch wohl!

Reut es Sie, nicht mehr Merkur-Chef zu sein?
Nein, denn meine Lebensliebe ist die Universität. Als Student in Göttingen habe ich die ereignislosen Samstage und Sonntage manchmal kaum ertragen. Wenn Menschen nicht arbeiten und keine Genies sind, werden sie banal. Gegenüber diesem existentiellen Kummer habe ich die Universität als erhabene Existenz empfunden. Es gibt keinen stärkeren Schutz gegen die Banalität des Daseins als theoretisches Denken oder Dichten. Im Hörsaal Studenten zu erklären, was die Kunst an der Kunst ist, war und ist für mich ein Lebenselixier.

Sie waren mit der Schriftstellerin Undine Gruenter verheiratet. Was lernt ein Literaturtheoretiker, wenn er mit einer Literatin zusammenlebt?
Die unausgesprochene Vereinbarung war, dass wir nicht über unsere Arbeit reden. Meine stille Bewunderung galt dem Lakonismus ihrer Wahrnehmung und ihrer Fähigkeit, Sachverhalte brutal zu benennen. Undine hatte eine tiefe Skepsis gegenüber meinen Wissenschaftskollegen. Auch den typischen gedankenvollen, kulturkritischen Aufsatz im Merkur fasste sie wenn überhaupt nur mit spitzen Fingern an. Im Namen von etwas für etwas zu sein, fand sie unerträglich.

Gottfried Benn unterhielt mit Undine Gruenters Mutter eine erotisch eingefärbte Brieffreundschaft. Mit 68 Jahren schrieb er ihr: »Zu Ihrem neulich gesandten Bild: mich stört der Säugling auf Ihrem Arm, sieht so blöd aus.« Der Säugling war Ihre Frau, die in einem Waisenhaus landete.
Bitte vermerken Sie mein Zögern, Ihnen über diese traumatischen Familienverhältnisse Auskunft zu geben. Als Undine geboren wurde, war ihr Vater, der Germanist Rainer Gruenter, Habilitant, die Mutter, Astrid Gehlhoff, schrieb an ihrer Promotion über Gottfried Benn und wollte Schriftstellerin werden – was ihr dann ja auch gelungen ist. Zu den Geldnöten der beiden kam die Schande der unehelichen Geburt, wie das damals hieß. Der Vater konnte seine Tochter nicht annehmen, da er noch mit einer anderen Frau verheiratet war. Das hätte seine Professorenkarriere gefährdet. So ist der Skandalfall zu erklären, dass Undine für eineinhalb Jahre in ein Heim kam. Anschließend lebte sie fünf Jahre bei ihren Großeltern.

Ihre Frau, zwanzig Jahre jünger als Sie, starb mit fünfzig. Nach ihrem Tod erschien ihr Buch Der verschlossene Garten, ein zarter, traurig-schöner Roman über die Liebe und die Zerbrechlichkeit des Glücks. Das Buch soll in einem Wettlauf gegen den Tod entstanden sein.
Meine Frau hatte Amyotrophe Lateralsklerose, eine fortschreitende Lähmung der Muskeln, die nach drei Jahren zum Tod führt. Als Undine dieses Buch erfand, war sie nicht mehr in der Lage zu schreiben. Sie war auch nicht mehr in der Lage, eine Seite umzublättern. Sie hat mir dieses Buch im Jahr ihres Todes ohne jede Unterlage aus dem Kopf diktiert, morgens eine Dreiviertelstunde und nachmittags eine Dreiviertelstunde. Mehr Kraft hatte sie nicht. Wenn sie in die Luft starrend einen Satz sprach, schrieb ich ihn auf. Danach haben wir das Geschriebene gemeinsam korrigiert. Die letzte Überarbeitung endete am 10. August 2002. Am 5. Oktober starb sie. Kurz nach ihrem Tod habe ich das Manuskript auf Tonband gesprochen und die Bänder an den Hanser Verlag geschickt.

Hilft es, eine Koryphäe für Tragödien zu sein, wenn einem eine Tragödie widerfährt?
Ohne jetzt albern auf theoretischen Differenzen zu bestehen: Undines schrecklicher Tod war eine Katastrophe, keine Tragödie im klassischen Definitionssinn. Ich kann es heute im Rückblick gar nicht mehr richtig verstehen, dass die Jahre ihrer Krankheit nicht schrecklich waren. Obwohl wir wussten, dass sie sterben würde, war es eine zum Teil sehr erhebende Zeit – sie konnte ja sprechen.

Ihre Frau saß im Rollstuhl. Haben Sie sie allein versorgt?
Ja, und wir wollen nicht erläutern, was das implizierte. Was mir Jahre nach ihrem Tod das Leben wieder ersehnbar machte, war die Wiederentdeckung der Preußen-Girls. Durch sie entdeckte ich die Welt meiner Jugend wieder.

Wer sind diese Preußen-Girls?
Die Töchter von Charlotte von der Schulenburg, der Witwe des in den 20. Juli verwickelten Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, der am 10. August 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. Die Mutter unterrichtete seit 1950 im Birklehof und leitete die Theateraufführungen, in denen ich begeistert mitwirkte. Dass zwei ihrer fünf Töchter ebenfalls im Birklehof waren, nahm ich nicht wahr, weil sie viel jünger waren. Das geschah erst zwanzig Jahre später. Heute ist eine von ihnen, Angela, meine Frau.


Karl Heinz Bohrer
Sein Lebensmotto stammt von Albert Camus: »Kein Volk kann außerhalb der Schönheit leben.« Seit 40 Jahren streitet Karl Heinz Bohrer für Stil, Eleganz und Pathos und gilt heute vielen als klügste Stimme der konservativen Intelligenz. Nach seinen Jahren als Literaturchef der FAZ lehrte er an Universitäten und wurde 1984 Herausgeber der Zeitschrift Merkur, dem angesehensten Periodikum deutschen Geisteslebens. Mit seiner autobiografischen Erzählung »Granatsplitter« (Hanser Verlag) debütiert er jetzt als Belletrist.
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Bei seinen Recherchen stieß Sven Michaelsen auf Erzählungen über Bohrers Regentschaft beim Merkur. Als der neue Chef von einem Redakteur gefragt wurde, ob er die Bleiwüste der Zeitschrift mit Bildern auflockern wolle, antwortete er: »Nein, ich finde Fotos vulgär.« Für die monatlichen Themenkonferenzen führte er den Namen »Apostelgespräche« ein.

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