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aus Heft 40/2012 Literatur Noch keine Kommentare

»Ich habe einen romantischen Blick«

Folter im Internat, Freundschaft mit Ulrike Meinhof, Grabenkämpfe im deutschen Feuilleton: Der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer hat ein bewegtes Leben hinter sich. Ein Resümee.

Von Sven Michaelsen (Interview)  Fotos: Spencer Murphy




SZ-Magazin: Herr Bohrer, warum debütiert ein Professor für Literaturwissenschaft mit achtzig Jahren als Literat?
Karl Heinz Bohrer: Meine Knabenzeit in Krieg und Internat kam mir auf einmal sehr exotisch und abenteuerlich vor. Diese Epoche wollte ich bewahren.

Ihre Großmutter setzte sich mit einem grauen Überkleid in die Badewanne, weil sie es für sündig hielt, den eigenen Körper zu betrachten. Ihr Großvater trug morgens eine Ledermaske, um seinen Bart zu festigen.
Meine Großmutter war eine für immer fromme Frau, die jeden Morgen ganz in Schwarz in die Frühmesse ging. Meine Mutter war das glatte Gegenteil: ein mondänes junges Weib im Nerz mit blutrotem Lippenstift, das von einer Filmkarriere träumte, seit eine Freundin ihr gesagt hatte, sie sehe aus wie Greta Garbo. Als mein Vater sie kennenlernte, war sie 16 und Verkäuferin in einem großen Warenhaus. Drei Jahre später kam ich zur Welt. Mein Vater war zwar völlig unversnobt, kam aber aus einer wohlgebildeten bürgerlichen Familie. Diese Ehe konnte nicht funktionieren und wurde dann auch bald geschieden.

Sie kamen 1943 ins legendenumwobene Internat Birklehof in Hinterzarten, das elf Jahre zuvor als Schwesterschule von Schloss Salem gegründet wurde. Im Birklehof, schreiben Sie, »gehörte es damals zum Bestand feiner Erziehungstradition, dass ältere Schüler jüngere quälen«.
Mitten in der Nacht wurde Sextanern Klebstoff in die Nase geschmiert, oder man schleppte sie in die Duschräume im Keller und setzte sie an einen Stuhl gefesselt unter eine kalte Dusche. Je brutaler diese nächtlichen Folterungen waren, desto mehr entsprachen sie einem snobistischen Härte-Ideal. Das hing zum einen mit der außerordentlich sadistischen Erziehung in der Hitlerjugend zusammen, zum anderen gehörte es zu einer bestimmten Upperclass-Tradition, dass Jungens sich solchen Widerwärtigkeiten lakonisch aussetzten und das durchstanden. Mein ansonsten sehr liberaler Vater hat ja auch nicht einen Finger gerührt, als er davon hörte. Seine Haltung war: Das soll der Junge mal selber klarmachen. Meine resolute Mutter dagegen fuhr in die Schule und räumte mit diesen Quälern auf. Weil sie das Fass aufmachte und einen Skandal auslöste, wurden mehrere Jungens aus bekannten Familien öffentlich zu Ehrenstrafen verurteilt oder von der Schule geschmissen.

Sie sind in den Siebzigerjahren nach London gezogen. Über englische Internate wird Ähnliches berichtet.
Auf den Elite-Internaten gehörte es zum Ritual, dass ältere Schüler jüngere auspeitschten oder mit dem Stock schlugen. Die einschlägigen psychopathologischen Konsequenzen kann man an der Oberschicht bis heute beobachten. In diesem Land gibt es noch immer das Ideal der stiff upper lip. Es besagt: Sei kein Weichei, denn nur wer Schmerzen erträgt, ohne zur Mami zu laufen, wird ein empire builder. Der berühmte Satz, wonach auf den Sportplätzen von Eaton die zukünftigen Männer des Empire ausgebildet werden, ist charakteristisch für dieses Härte-Ideal.

Der Filmproduzent Peter Berling schreibt in seinen Memoiren: »Mit 14 kam ich ins Internat Birklehof. Zu meinen Stubenkameraden zählte Karl Heinz Bohrer, den alle nur ›Börrie‹ nannten. Er trug eine Löwenmähne und hatte eine große, knollige Nase, aus deren Nüstern sich schwarze Haare kringelten. Mit Stentor-Stimme warf er mit philosophischen Weisheiten von Hegel und Hölderlin um sich.«
Seine Wahrnehmung meiner Erscheinung ist ihm zuzugestehen, aber in einem Punkt irrt er: Von Hölderlin hatte ich noch keine Ahnung.

Ihr bestimmendes Bildungserlebnis hatten Sie als Elfjähriger, als Sie eine Schüleraufführung von Aischylos’ Agamemnon sahen.
Die Aufführung fand im Sommer 1944 statt, wenige Wochen nach dem Attentat auf Hitler. Der Mordgeruch im Haus der Atriden vermischte sich für mich mit den Gemetzeln der Nazis. Ein holländischer Klassenkamerad hatte mir wenige Wochen zuvor unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit erzählt, dass es Lager gäbe, in denen Menschen zu Tode gequält würden. Damals setzte mein lebenslanges Nachdenken über die Tragödie ein.

Zu den Bizarrerien des Birklehofs in der Nachkriegszeit gehörte ein junger Philosophielehrer mit Kinnbart und Holzfällerhemd, der Assistent bei Martin Heidegger war und dessen Buch Holzwege ins Französische übersetzt hatte.
Dieser hoch gescheite und vor Gelächter sprühende Mann meinte, wir müssten das Leben leben lernen. Er erklärte uns nicht nur mit Feuer und Leidenschaft, was Sartres Existentialismus bedeutet, sondern erzählte auch, wie ihn einmal eine junge Pariser Prostituierte in einer Straße am Genital hinter sich hergezogen hatte. Eines Tages lud er einen Mitschüler und mich in seine Wohnung ein, um weiter über Sartre zu reden. Als wir in die unverschlossene Wohnung kamen, saß er mit zwei nackten Frauen im Bett. Unbekleidet wie er war, sprach er über Heidegger und die Schwierigkeiten, ihn ins Französische zu übersetzen. Einige Zeit später verschwand er plötzlich von der Schule. Ich vermute, dass der Direktor ihm aufgrund von Gerüchten untersagt hatte, weiter zu unterrichten. Vor ein paar Jahren habe ich erfahren, dass er als älterer Mann in einer Schilfhütte am Bodensee existiert hat.

In den mit Marmorköpfen griechischer und römischer Denker dekorierten Säulengängen des Birklehofs drehten 13-Jährige an ihren Siegelringen, lasen Balzac auf Französisch, trugen eine große silberne Kette um den Hals, die sie als Jünger des Dichters Stefan George auswies, und begehrten Mädchen, die Feodora hießen. Sie gehörten zu den wenigen, die sich auch für Hockey interessierten.
In Salem führte Sport zu Prestigegewinn, im Birklehof wurde er als geistfern geringgeschätzt. Die Salem-Schüler spielten Hockey im Schulanzug und mit nackten Füßen, um von vorneherein ihre Überlegenheit anzukündigen. Bei einem Turnier kriegten wir die Hucke voll und verloren eins zu fünf, begleitet vom Hohngesang der Zuschauer. Was die Demütigung noch jämmerlicher machte, war ein Zuschauer im blauen Jackett und grauer Hose, der die Gegenseite anfeuerte. Es war Prinz Philip, der Ehemann der englischen Kronprinzessin, der einmal Schüler in Salem gewesen war.

Nach Ihrem Studium der Germanistik und Geschichte wurden Sie Jungredakteur bei der Welt und gingen 1966 zur FAZ. Als Sie dort zwei Jahre später Literaturchef wurden, begannen die dramatischsten Jahre der deutschen Nachkriegskultur.
Es war die Hochzeit marxistischer Literaturdiagnostik, eine großartige Epoche der Theorie. Trotz aller Lächerlichkeiten und Fanatismen war nichts langweilig, nichts banal. Ob Frankfurter Rundschau, Suhrkamp Verlag oder Frankfurter Universität: Überall flammten Hunderte rote Flämmchen. Auch enge Freunde von mir wurden fanatische Marxisten. Es gab damals keinen angesehenen Kulturjournalisten in der Stadt, der nicht an die Weltrevolution glaubte. In meinem Ressort gab es zwei sehr begabte Redakteure, die überzeugt waren, wir stünden kurz davor, einen neuen Staat zu gründen. Daran glaubte ich als Nicht-Utopiker nun überhaupt nicht, aber mit Mirabeau gesagt: So muss man gelebt haben, wenn man wissen will, was Leben ist.

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