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aus Heft 40/2012 Schule Noch keine Kommentare

»Mein Traum ist es, dass Bildung ein Menschenrecht wird«

Vielleicht sind Filme einfach besser als klassischer Unterricht: Der Amerikaner Salman Khan gibt Nachhilfe auf Youtube – und Tausende von Kindern tun sich mit dem Lernen plötzlich leichter. Die Idee könnte auch unser Schulsystem auf den Kopf stellen.

Von Simone Kosog  Foto: Ron Seidenglanz




SZ-Magazin: Herr Khan, Sie stellen simple Lehrfilme ins Internet und bekommen dafür enthusiastische Dankesbriefe. Beispielsweise schreibt ein Junge namens Taylor auf Ihrer Homepage: »Ich bin ein Schüler mit Lernschwächen in Mathe und Physik. Salman Khan hat meine Noten und mein Leben verändert.« Können Sie uns das erklären?
Salman Khan: Im traditionellen Schulsystem lernen alle Kinder im gleichen Tempo. Manche sind davon gelangweilt, weil es ihnen nicht schnell genug geht, andere gehen verloren. Sie haben Wissenslücken und müssen trotzdem die nächsten Schritte irgendwie mitmachen, obwohl sie eigentlich unmöglich folgen können. Das führt dazu, dass die Kinder schlechte Noten bekommen, sich minderwertig fühlen und ganze Familien gestresst sind. Mit der Khan-Akademie können sie sich den gesamten Schulstoff in allen Fächern selbst erarbeiten und da wieder anknüpfen, wo sie ihre Lücken haben.

Warum sollen die Schüler bei Ihnen verstehen, was sie sonst nicht verstehen?
Die Schüler können die Videos so oft anschauen, wie sie wollen, ganz ohne Druck, auch ohne Zeitdruck. Dass jemand langsamer ist, bedeutet ja nicht, dass er dümmer ist – er braucht einfach nur länger. Zusätzlich zu den Filmen bietet die Khan-Akademie Übungen an, mit denen jeder sein Wissen vertiefen und die Fortschritte kontrollieren kann.

Nicht jeder Schüler ist lernwütig. Vielleicht wollen es manche gar nicht so genau wissen?
Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch lernen möchte. Und es steigert die Motivation enorm, wenn Sie plötzlich etwas verstehen, was Ihnen lange völlig unklar war. Das Standard-Schulwissen kann sich jeder aneignen, das sagen meine Mitarbeiter und ich auch den Schülern: Du hast keine Eins? Es gibt keinen Grund, es nicht zu schaffen. So gesehen, haben wir viel höhere Ansprüche als das konventionelle Schulsystem, wo es oft reicht, wenn ein Schüler den Stoff halbwegs verstanden hat. Aber selbst wenn du 95 Prozent verstanden hast, bleibt da eine Lücke von fünf Prozent, und was ist mit diesen fünf Prozent? Sie machen es dir schwer, weiter aufzubauen.

Dennoch: Sie sind ein Lehrer, den man nicht anfassen kann, man sieht Sie nicht einmal, sondern hört lediglich Ihre Stimme. Sie können die Schüler weder trösten noch aufmuntern. Dabei weiß man, dass emotionale Bindungen fürs Lernen wichtig sind.
Es entstehen durchaus Bindungen. Denken Sie daran, welche Bedeutung Bücher für einen Menschen haben können, durch die Art, wie die Welt beschrieben wird, den besonderen Humor – und das ist geschriebener Text. Viele sagen, dass meine Stimme ihnen das Gefühl gibt, als würde da jemand neben ihnen sitzen. Ich glaube auch, dass es ablenken würde, wenn ich selbst im Bild wäre. Also drücke ich die Aufnahmetaste und lege los. Ich muss mich nicht mal rasieren, nicht kämmen, es ist egal, ob ich Spinat zwischen den Zähnen habe.

Sie betreiben auch keinen großen Aufwand in Bezug auf aufwendige Animationen oder Grafiken. Stattdessen sieht man stets dieselbe schwarze Tafel, auf die Sie mit bunten Farben schreiben. Warum?
Sie haben recht, die Videos wirken sehr hausgemacht. Die Qualität liegt im Konzept: Ich diskutiere ein Problem im Plauderton und erarbeite die Lösung in Echtzeit und nehme die Zuschauer dabei mit. Ich denke gewissermaßen laut, gestatte mir, Fehler zu machen, die ich dann korrigiere, und wenn ich etwas lustig finde, lache ich. All das darf vorkommen. Die Leute mögen das.

Aber das Zeug zum Lieblingslehrer hat eine Stimme aus dem Off nicht, oder?
Man wird sehen, was später in Erinnerung bleibt. Ich versuche, mit den Schülern auf Augenhöhe und mit Respekt zu sprechen, egal, ob ich erkläre, warum eins plus eins zwei ist oder ob es um Vektorrechnung geht. Ich selbst mochte das als Kind immer sehr.

Sie haben in den letzten Jahren eine Menge Daten über Ihre Schüler gesammelt. Was können Sie über sie sagen?

Siebzig Prozent kommen aus den USA, zwei Drittel sind Jungen, ein Drittel Mädchen. Die meisten besuchen die Highschool oder das College, aber die Khan-Akademie hat auch weitaus ältere Besucher, 60-, 70- oder 80-Jährige, die einfach neugierig sind und zum Beispiel ein bisschen mehr über die Französische Revolution erfahren wollen oder über schwarze Löcher.

2006 haben Sie das allererste Video ins Netz gestellt. Wie kam es dazu?
Meine Cousine Nadia hatte Schwierigkeiten mit Algebra, und wir verabredeten uns zum Lernen. Ich lebte damals in Boston und sie in New Orleans, und so hielten wir die Stunden am Telefon oder über Internet-Konferenzen ab. Das funktionierte so gut, dass mich bald weitere Familienmitglieder um Unterstützung baten. Ich arbeitete damals noch als Hedge-Fonds-Analyst und bekam nun echte Zeitprobleme. So kam ich auf die Idee, die Lektionen aufzunehmen und auf Youtube zu stellen.

Wie waren die Reaktionen?
Meine Cousine erklärte, dass sie mich auf Video lieber mag. Ich denke, dass der Stress deutlich geringer war. Sie konnte Pausen machen oder die Filme beliebig wiederholen. Und plötzlich schauten sich auch fremde Menschen die Filme an und schickten mir Kommentare, die mich sehr berührten. Letztlich gaben solche Briefe den Anstoß dafür, dass ich 2009 meinen Job kündigte und mich ganz auf die Khan-Akademie konzentrierte.

Sie lebten inzwischen im Silicon Valley, und Ihre Karriere lief glänzend an. Nun verzichteten Sie darauf zugunsten einer damals noch kleinen, gemeinnützigen Organisation. Eine schwere Entscheidung?
Mir hat meine Arbeit immer Spaß gemacht, aber was ich da tat, machte zehnmal mehr Spaß. Mein Ziel war es immer, so viel Geld zu verdienen, dass ich einmal meine eigene Schule eröffnen kann, allerdings keine klassische Schule, sondern eine nach meinen eigenen Vorstellungen. Nun war mein Wunsch plötzlich viel früher und auf einem überraschenden Weg wahr geworden.

Wie viele Leute haben Ihnen abgeraten?
Wenn du etwas Unkonventionelles tust, wollen dich die Leute oft bremsen. Auch bei meiner Frau waren Ängste da – verständlicherweise: In den ersten neun Monaten lebten wir von unseren Ersparnissen. Aber sie hat mich von Anfang an unterstützt, und heute ist sie sehr froh.

Inzwischen haben Sie prominente Förderer: Google und vor allem die Gates Foundation haben Sie mit Millionenspenden unterstützt.

Das macht es natürlich viel einfacher. Aber auch viele Leute im Silicon Valley können nachvollziehen, was ich tue. Ich glaube, dass die meisten Menschen hier Geld als Indiz dafür sehen, wie viel sie in der Welt bewirken. Die Khan-Akademie war bereits nach kurzer Zeit bekannter als so manches andere erfolgreiche Start-up-Unternehmen.

Inzwischen stellen Sie über 3400 Videos kostenlos zur Verfügung, und Sie haben pro Monat sechs Millionen Besucher. Auch die deutschen Schüler können sich freuen: Derzeit werden die Videos in andere Sprachen übersetzt, und mittlerweile soll ein Großteil der Inhalte auch mit deutscher Synchronstimme angeboten werden. Wie kommen Sie voran?
Es sind hauptsächlich ehrenamtliche Mitarbeiter, die diese Aufgabe dankenswerterweise übernehmen; wir könnten da durchaus noch Verstärkung gebrauchen. Wer Interesse hat, soll gern ein paar Videos übersetzen und sie uns zuschicken. In einem zweiten Schritt wollen wir dann auch die gesamte Homepage in andere Sprachen übersetzen, aber das wird sicher noch ein Jahr dauern.

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