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aus Heft 40/2012 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Sollte man die Kinder von Fremden zurechtweisen, wenn sie Müll in den Wald schmeißen, statt in den Papierkorb?

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»Ich war vor Kurzem bei einer Freilicht-Theatervorstellung in einem Waldstück nahe München. Am Einlass beobachtete ich eine Familie mit zwei Kindern. Der kleine Junge, vielleicht acht Jahre alt, packte eine Tafel Schokolade aus. Die Verpackung aus Papier und Alufolie warf er auf den Waldboden. Seine Eltern sahen zu, sagten aber nichts. Hätte ich ihn zurechtweisen sollen?« Hans B., Traunstein

Auf der Rangliste der unangenehmen Momente auf dem Gebiet der Moral steht Ihr Fall ziemlich weit oben. Hier geht es nicht nur um das Minenfeld, andere ungefragt auf mögliches Fehlverhalten hinzuweisen, sondern auch noch darum, sich in fremde Erziehung einzumischen. Und das ist kein Minenfeld mehr, sondern Nitroglycerin in der Hüpfburg.

Deshalb vorsichtig der Reihe nach: Das Wegwerfen von nicht verrottbarem Abfall im Wald ist etwas Negatives. Deshalb sollte man im Prinzip etwas dagegen unternehmen. Umfasst das dann auch, jemanden, der es tut, zurechtzuweisen? Langsam wird es schwieriger, zumindest in der Umsetzung. Aber falls man den Müll nicht schweigend einsammeln und entsorgen will, scheint der Hinweis fast die einzige Möglichkeit. Nur wie? Hier helfen die vorherigen Überlegungen: Wenn das Ziel der unverschmutzten Natur im Vordergrund steht und nicht der Wunsch, andere zu maßregeln, kann und sollte man es so formulieren, dass die anderen sich möglichst wenig angegriffen fühlen. Moral soll schließlich das Zusammenleben verbessern und nicht zu Streit führen. Für relativ elegant und wenig aggressiv halte ich es, jemandem, der seinen Abfall einfach fallen lässt, freundlich wie im Falle eines aus der Tasche gerutschten Gegenstands hinterherzurufen: »Entschuldigen Sie, ich glaube, Sie haben etwas verloren!« und, wenn man will, ihm etwa die leere Zigarettenschachtel auch noch in die Hand zu drücken. Die Entgegnung, das sei Abfall und den habe man absichtlich in die Gegend geworfen, geht nicht so einfach über die Lippen.

Damit zur finalen Frage: Was tun im Falle der Kinder neben ihren Eltern? Meines Erachtens sollte man generell vermeiden, Eltern vor ihren Kindern zu kritisieren. Das werden die Kinder später schon selbst erledigen. Und Erziehung ist tatsächlich in erster Linie Sache der Eltern, insofern ist direkte Kritik an den Kindern ebenfalls schwierig. Deshalb halte ich auch hier den freundlichen Hinweis auf den verlorenen Gegenstand für das Beste. Er baut den Eltern eine Brücke, und zugleich kann es ganz interessant sein, zu sehen, wie sie reagieren. Wie gesagt, der Satz, dass man Abfall absichtlich in die Gegend werfen darf, geht schwer über die Lippen. Vor allem vor den eigenen Kindern, denen man dann zu Hause erklären müsste, warum das in der eigenen Wohnung nicht gelten soll.

Quellen:

Hör mal, Freundchen! Fremde Kinder können anstrengend sein. Aber wehe, man setzt ihnen als Außenstehender Grenzen. Dann bekommt man Ärger mit den Eltern. Warum eigentlich? Von Cathrin Kahlweit, SZ-Magazin 25/2012


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