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aus Heft 42/2012 Literatur

»Ich wäre liebend gern ein Böser«

Seite 2: »Ich bin auf keinen Fall ein Terrorist«

Malte Herwig und Sven Michaelsen (Interview)  Fotos: dpa; rtr; afp




Als Unseld auf Ihre 530 handgeschriebenen Seiten nach drei Wochen immer noch nicht reagiert hatte, packte Sie abermals die Wut.

Ich war verwöhnt. Er hatte immer sehr rasch reagiert. Deshalb war ich verängstigt, dass ich einen Scheiß getrieben habe mit Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ich hatte noch nie so eine lange Geschichte geschrieben. Er hätte mir doch irgendein Zeichen geben können – Bin auf Seite 143 – aber es kam überhaupt nichts.
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In seiner …
Sagen Sie mal was Nettes zu mir. Sie blättern da wie Untersuchungsrichter in Ihren Aufzeichnungen.

In seiner Verlags-Chronik bezeichnet Unseld Sie einmal als »zärtlichen Terroristen«.
Das ist ein Oxymoron, ein seltsames. Ich bin auf keinen Fall ein Terrorist, und zärtlich bin ich höchstens zu Kindern. Zart ist was Schönes, aber mit diesem zärtlich können Sie mich jagen.

Einmal machten Unseld, Martin Walser, Rudolf Augstein und der Kritiker Reinhard Baumgart gemeinsam Urlaub auf Sylt. Der Walser-Biograf Jörg Magenau schreibt über diese Zusammenkunft: »Als Unseld, auf Wasserskiern hinter Augsteins Boot geseilt, versuchte, sich auf die Wasseroberfläche hochzuarbeiten, das nicht schaffte, aber auch nicht aufgeben wollte und angestrengt weiterkämpfte, sagte Walser, der diesen Kampf vom Strand aus beobachtete, zu Baumgart: ›Da schau, deswegen ist er mein Verleger.‹«
Das ist auf Fabel getrimmt. Ich bin auf Siegfried Unseld angesprungen, als ich mit meiner kleinen Tochter in Kronberg gelebt habe. Er kam am Abend oft vorbei und hat mich nur schweigend angeschaut. Da habe ich gesehen, was er für warme, leuchtend schöne Augen hat. Da habe ich Vertrauen gehabt. Ich bin ja kein kommunikativer Mensch. Das ist ja absurd für einen Schreiber, dass er offen sein muss.

Unseld schrieb Ihnen, Sie seien »der wichtigste Autor« seines Verlags. Glaubten Sie ihm das?
Nein. Mir selber hätte ich es schon geglaubt, aber ihm nicht. Ich wusste, das ist Programmmusik. Ich bin schon eitel, aber meine Eitelkeit ist so verborgen, dass die nur zu unheiligen Zeiten herauskommt. Das ist die schlimmste Eitelkeit. Die wirklich eitlen Menschen wissen nicht, dass sie eitel sind. Deswegen sind sie so angenehm, so harmlos.

Leiden Sie unter Ihrer Eitelkeit?
Ja. Ich bin natürlich dagegen.

Wie äußert sich das?
Dass ich zu mir selber sage, mit Recht, ich bin ein Arschloch. Ich habe kein Recht, das und das von mir zu denken, also mich selber zu erhöhen.

Sie sagten mal: »In mir ist von Kind an eine seltsame Bereitschaft zur Entzweiung. Es gibt keinen, den ich nicht in zehn Minuten bis an sein Lebensende gedemütigt hätte.«

Das wird mir jetzt dauernd um die Ohren gehauen, aber ja, das war schon so. Dass ich manchmal so schroff werde, kommt aus einem inneren Stolz, den ich normal im Leben nicht zeige. Aber wenn ich aufs Spiel gesetzt werde, dann werde ich etwas anderes, als ich alltäglich bin. Dann verkörpere ich die Rolle, die ich bin: der Schriftsteller. Und ihr habt euch gefälligst daran zu halten. Da kriege ich fast biblische Zustände.

Dem FAZ-Journalisten Jochen Hieber sollen Sie einen Faustschlag versetzt haben.
Eine Ohrfeige war das. Ich wollte ihn mir vom Leibe halten. Es war ein Festabend, und er hat sich extra hinter mich gesetzt und mir dauernd Sticheleien ins Ohr gezischelt. Irgendwann habe ich mich umgedreht und ihm eine runtergehauen. Und dann hat er geweint und gesagt, er würde mich doch so lieben. Der Richter würde sagen, das war höhere Gewalt.

Ist Hieber der einzige Kollege von uns, den Sie geohrfeigt haben?
Ja. Das genügt doch. Pars pro totis.

Nach einem Treffen mit Thomas Bernhard und Ihnen notierte Unseld: »Das Überraschendste: Thomas Bernhard und Peter Handke, die ja nicht nur von der österreichischen Umwelt immer mehr polarisiert werden, fanden Gefallen aneinander.« Richtig?
Als ich jung war, habe ich Thomas Bernhard wirklich verehrt. Als ich Frost gelesen habe, dachte ich: Wenn ein Österreicher so wüst und kräftig und zugleich mit genauen Umrissen schreiben kann, kann man sich einfach freuen, in dem Land zu sein. Ich wollte ihn aber nicht besuchen. Unseld hat mich mitgeschleppt, und aus meiner schwächlichen Höflichkeit bin ich mitgegangen. Ich bin nicht einmal neugierig, und ich besuche auch gar nicht gern Schriftsteller, außer es geht um Fußball oder man schaut in die Landschaft. Bernhard war ein reizbarer Mensch. Man hat unter dieser doch fast umgänglichen Oberfläche gespürt, er könnte denken: Was tue ich mit denen? Mir geht es genauso.

Wann begann die Entfremdung zwischen Ihnen?
Es geht nicht, wenn das, was der andere macht, nicht mehr dem eigenen Fernziel entspricht. Irgendwann haben wir gespürt, dass wir nichts mehr miteinander zu schaffen haben, im Wortsinn. Ich habe mir gewünscht, so etwas lesen zu können wie die Auslöschung. Ich bin sogar mit diesem dicken Buch fast demonstrativ durch Salzburg gegangen und habe das im Gehen gelesen, damit die Leute sehen, dass ich Thomas Bernhard lese. Aber dann kam ich an eine Stelle, wo Ingeborg Bachmann verwandelt vorkam in einem Traum, fast 30 Seiten lang. Das war ein derartiger Kitsch. Da war mein Demonstrationswille nicht mehr vorhanden. Es tut mir leid, nicht für mich, sondern für das Werk von Thomas Bernhard.

Unseld starb nach langer Krankheit im Oktober 2002. Wie verlief Ihre letzte Begegnung?
Als er krank war, kam ich in die Klettenbergstraße zu Besuch. Er hat sehr langsam gesprochen, aber die Wörter wurden schon noch Worte. Er machte sich auf eine sanfte Weise über sich und alles lustig. Ich fand das vorbildlich. Es gab Pflegerinnen, die ihn betreut haben. Eine war aus Bosnien. Er hat mich ihr vorgestellt: Das ist der Peter Handke. Sie müssen wissen, der hat viel Erfolg bei Frauen. Dabei hat er mir zugezwinkert. Das war das Letzte, was ich in Erinnerung habe.

Denken Sie oft an ihn?
Siegfried Unseld, meine Mutter und Nicolas Born sind die drei Menschen, die mir nach ihrem Tod erschienen sind. Das ist etwas mystisch, aber das waren keine Träume. Ich habe gedacht, die sind jetzt da und schauen mich an, ein Durch- und Durchgehen, wie wenn einer mit einem Schneidbrenner einem durch die Seele fährt. Alle drei hatten was Ermahnendes an sich, als ob man sich in einer gewaltigen Kathedrale befände, und ich würde von ihnen stumm mit den Augen zurechtgewiesen.

Wenn Sie bei Veranstaltungen auftreten, fühlen sich die Menschen von Ihnen eingeschüchtert.
Hoffentlich!

Und werden linkisch.
Dabei bin ich der Linkischste von allen. Wenn ich genug Selbstironie habe, kann ich öffentlich sein, aber das passt dann nicht zur Öffentlichkeit. Es ist ein Widerspruch, wenn die öffentliche Person sich selber über ihre Öffentlichkeit lustig macht. Morgen zum Beispiel bin ich eingeladen beim österreichischen Bundespräsidenten. Da werden Kameras sein, und ein Schauspieler und ein Kind werden was von mir vorlesen. Ich bin jetzt schon bedrückt, weil ich nicht weiß, wie ich das spielen soll. Ich bin ein ganz guter Spieler, wenn ich mit mir allein bin, sonst kommt man ja nicht durch den Tag. Aber mit anderen in der Öffentlichkeit bin ich ein Falschspieler.

Was werden Sie Ihrem Bundespräsidenten sagen, wenn er Sie fragt, wann Sie endlich nach Österreich heimkommen?
Das hat er schön öfter gefragt. Wenn er mir das Jagdschloss schenkt, das ihm als Sommerresidenz zusteht, würde ich schon hingehen.

Geht’s auch drunter?
Das Jagdschloss liegt ziemlich hoch in den Bergen. Da ginge auch noch was drunter.

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Malte Herwig und Sven Michaelsen kam in Handkes Toilette etwas bekannt vor: Neben den Lichtschalter hatte der Hausherr einen Ausriss aus einem SZ-Magazin von 2004 gehängt. Die Seite zeigte Handkes Konterfei in einem überquellenden Mülleimer. Die Überschrift lautet: »Mit Wonne in die Tonne. 20 Dinge, die wir im neuen Jahr endgültig los sind.« Ist es Zufall, dass jetzt gerade ein Buch von Handke erscheint, das Versuch über den stillen Ort heißt?

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