Anzeige

aus Heft 42/2012 Gesundheit 6 Kommentare

Die Mundräuber

Zum Zahnarzt geht kaum jemand gern. Polieren, bohren, alte Füllungen ersetzen – Hauptsache schnell vorbei, schnell raus. Was mit den alten goldenen Füllungen passiert, daran denkt niemand. Außer geschäftstüchtigen Zahnärzten.

Von Andreas Wenderoth  Fotos: Katrin Schacke




Gegen 22 Uhr in einem Zahnlabor im Ruhrgebiet: Aus den Lautsprechern dringt leise Rossini, die Laborchefin Britta Wenger* sitzt unter ihrer Tageslichtlampe, 5500 Kelvin, »11-Uhr-Nordlicht«, wie sie hier sagen. Sie arbeitet am liebsten abends. Wenn die anderen Zahntechniker schon gegangen sind, Ruhe einkehrt und sie sich in ihr Handwerk versenken kann wie ein Zen-Mönch in seine Meditation. Zu Hause wartet niemand auf sie, ihr Mann ist vor zwei Jahren gestorben. Nach dem Abdruck des Zahnarztes hat sie den von Karies befallenen Zahn in Wachs modelliert, eine Gussform hergestellt und im Ofen aufgeheizt auf die Temperatur, die notwendig ist, um die Goldlegierung »Degulor M«, extrahart, in die Hohlräume der Gussform zu füllen. Nach dem Erkalten bricht sie die Form auf, trennt überflüssiges Gold ab und schleift den Goldrohling unter einem schwenkbaren Mikroskop in seine endgültige Form. In den Filtern der Absauganlage fängt sich metallisch glänzender Staub.

Gold, lateinisch Aurum, Ordnungszahl 79 im Periodensystem der Elemente. Mythisches Edelmetall. Begehrt wegen der Beständigkeit seines Glanzes, seiner Seltenheit, seines Gewichts. Entstanden, lange bevor es die Sonne gab. Durch enorme Druck- und Dichteerhöhung im Kern explodierender Sterne. In reinem Zustand sehr weich, doch leicht legierbar. Alchimistenmär. Stoff der Träume, Schatzgräber und Investoren. Synonym für Kriege und Eroberungszüge mit Galeonen. Ausgequetschtes Gestein. Der Erde abgerungen in 4000 Meter Tiefe. Die Nazis haben es ihren KZ-Opfern aus dem Mund gebrochen. In deutschen Krematorien verschwindet Zahngold gelegentlich aus der Asche. Aber man kann es sogar lebenden Menschen aus dem Mund stehlen. Davon erzählt diese Geschichte.

Verlässt eine Goldarbeit Britta Wengers das Labor, kann sie theoretisch fast eine Ewigkeit halten. Gold korrodiert nicht. Und Wenger liefert Qualität. Voraussichtlich ist es also nicht ihre Arbeit, die irgendwann kaputtgehen wird. Sondern eher der Zahn. Dann schlägt die Stunde des Zahnarztes. Beginnt in vielen Fällen das Abgreifen, die Unterschlagung, der Mundraub. Weil es meistens nicht auffällt. Weil es viele andere auch tun. Und es so einfach ist.

Ist die alte Brücke kaputt, kann es sein, dass der Zahnarzt den Patienten fragt: »Darf ich’s für Sie entsorgen?« Oder er sagt gar nichts und unterschlägt einfach, dass das Gold rechtmäßig dem Patienten zusteht. Manchmal fügt er aber auch hinzu: »Oder wollen Sie’s selbst haben? Ist aber unästhetisch, riecht nicht so gut …« Und dann verzichten die meisten doch lieber. Wenn der Zahnarzt Sie fragt, sind Sie sowieso recht langsam. Sie stehen nämlich unter Betäubung. Und so häufen viele Zahnärzte Gold an, auf das sie keinerlei Anrecht haben.

Goldbrücken, Kronen, Inlays – in deutschen Patientenmündern lagert eine Menge Edelmetall. Bis 1990 wurden jährlich etwa 60 Tonnen Gold in ihnen versenkt – rund ein Drittel des weltweiten Zahngoldverbrauchs. In keinem anderen Land der Erde ist so viel Zahngold verarbeitet worden wie in Deutschland. In keinem anderen Land der Welt haben Zahnärzte und Labore so viel am Gold verdient wie hier. Auch wegen des explodierenden Goldpreises spielt Gold als Werkstoff im Dentalbereich heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Doch das verarbeitete Gold ist in den meisten Fällen noch vorhanden: 80 Millionen Bundesbürger, nach einer Studie der deutschen Bestattungsunternehmen jeder mit im Schnitt 2,5 Gramm Gold im Mund: ein Riesengoldschatz. Er muss nur gehoben werden. Und das tun viele deutsche Zahnärzte relativ schamlos. Ohne Schürfrechte, aber mit System.
Anzeige

Professor Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer: »Jeder Zahnarzt ist verpflichtet, die Eigentumsrechte seiner Patienten zu wahren. Bei Entfernung des Zahnersatzes wird das Altgold grundsätzlich dem Patienten übergeben. Fälle, in denen Zahnärzte die Edelmetalle gegen den Willen des Patienten einbehalten, sind uns nicht bekannt. Überträgt der Patient das Eigentum an den Zahnarzt, wird er dieses, wie häufig, entsprechend als Spende weitergeben oder seinem Betriebsvermögen zuführen. Im letzteren Fall gelten die steuerlichen Vorschriften. Wir selbst haben vor zwei Jahren die Schirmherrschaft für die Stiftung Hilfswerk Deutscher Zahnärzte übernommen und unterstützen die Aufrufe der Stiftung zur Zahngoldsammlung.« Eine schöne Sache. Aber es gibt auch eine andere Wirklichkeit.

Immer gegen Jahresende rufen die Zahnärzte bei Britta Wenger, der Laborchefin an, ob sie noch diese Verbindungen habe. Ob sie Gold schwarz verkaufen könne. Und Britta Wenger hat Verbindungen, natürlich. Seit den Siebzigerjahren führt sie ein florierendes mittelständisches Zahnlabor. Vorgestern erst hat ihr wieder ein Arzt das Altgold seiner Patienten geschickt, Wert: 13 000 Euro. »Hab ich mir natürlich erst mal 3000 weggenommen«, sagt sie, sollen ja alle was davon haben. Sie sieht es als »Bearbeitungsgebühr«, einen großen Reibach habe sie nie damit gemacht. Das haben andere, sagt sie.

Es ist nicht so, dass Wenger eine Heilige wäre, in der Dentalgoldbranche sind Heilige selten, aber bei Geschäften, die nicht durch die Bücher gehen, hat sie sich nie selbst als Vermittlerin angedient, es sind die Zahnärzte, die sie drängen. Weil sie sich selbst nicht die Finger schmutzig machen wollen. Und denken, dass die Labore von den Goldscheideanstalten weniger betrogen werden als sie selbst. Sie weiß, sie muss sie bei der Stange halten. Diese Art von Gefälligkeit gehört dazu. Weil sie von ihnen abhängig ist. Weil die Zahnärzte die einzigen Kunden der Labore sind. Und sie das zu nutzen wissen.

Es ist kein Sozialneid, der sie einen ganzen Berufsstand anklagen lässt. Eher ist es so, dass sie, wenige Monate vor ihrem Ruhestand, nun Dinge ansprechen möchte, zu denen sie eigentlich zu lange geschwiegen hat. Angestaut über Jahrzehnte hat sie eine Wut auf eine Branche, in der »geschoben und getrickst wird bis zur Grenze des Machbaren«. In der vor allem viele Zahnärzte in ihren Augen gegen ethische Grundsätze verstoßen – und gegen das Gesetz. Weil sie sich unrechtmäßig bereichern. Obwohl sie Großverdiener sind. Und sie nebenbei auch noch subtil erpressen.

Wie oft sie diese Gespräche führen muss! Wenn sie zu ihr kommen, von verführerischen Laborangeboten aus Singapur oder der Türkei reden, von einem Privatkonto auf Jersey, das für sie eingerichtet werde, 25 Prozent Umsatzbeteiligung. Steuerfrei. Viele Labore arbeiten ja inzwischen im Ausland und haben in Deutschland eigentlich nur noch einen Auslieferservice. Die Qualität sei oft mangelhaft, aber doch ausreichend, dass es wieder eine Weile hält. Und mehr sei ja gar nicht erwünscht, sagt Britta Wenger. Der Kreislauf muss in Gang gehalten werden.

Wenn die Zahnärzte in ihrer Gegenwart von diesen Angeboten reden – und sie tun es laufend –, dann nur mit dem Ziel, dass sie ihnen entgegenkommt. »Sonst würden sie es doch gar nicht erzählen.« Sie sagen keine Zahlen, verlangen nichts Konkretes, sie seien nicht dumm: »Die lassen dich kommen!« Aber bei ihr können sie lange warten. Britta Wenger gibt nie Rabatte. Grundsätzlich nicht. Keinen einzigen Cent. »Ich kann mir das auch gar nicht leisten.« Wenn man einmal damit anfange, sei es wie ein Dammbruch. Dann könne man nur noch in Deckung gehen.

Zu den Hochzeiten des Dentalgoldes, in den Siebziger- und Achtzigerjahren, haben viele Zahnärzte fast zwei Kilo Gold im Jahr verarbeitet, große Praxen brachten es sogar auf bis zu zehn Kilo. Pro Gramm Gold, das ist die bis heute übliche Praxis, bekommen sie, wenn sie ein praxiseigenes Labor haben, von den Gold-Firmen einen Rabatt von etwa sieben Euro, manchmal auch mehr. Der Patient bekommt aber den jeweiligen Gold-Tagespreis in Rechnung gestellt, der Rabatt wird nicht an ihn weitergegeben: Macht bei einer großen Praxis 50 000 Euro im Jahr, nur durch den Rabatt. Plus weitere 20 000 Euro Verschliff, auch »Feilung« oder »Gekrätz« genannt, also Goldstaub, der beim Bearbeiten anfällt. Bis zu 70 000 Euro sozusagen nebenbei. Und dann kommen noch die alten Goldfüllungen hinzu. »Es ist wie ein großer Supermarkt, wo keiner an der Kasse sitzt«, sagt Britta Wenger: »Du gehst einfach rein und bedienst dich!«

Dörte Elß, Juristin bei der Verbraucherzentrale Berlin: »Oft kommen Patienten zur Beratung, die Differenzen mit ihrem Zahnarzt haben, weil Brücken oder Inlays nicht halten wollen. Mitunter fällt dann auch der Satz: Und die alte Brücke habe ich auch gar nicht zurückbekommen. Es gibt meistens gar kein Bewusstsein dafür, wie die Eigentumsverhältnisse tatsächlich sind: Der Patient hat das Material, die Arbeit des Zahnarztes und die des Labors bezahlt. Er hat einen Anspruch auf die Herausgabe seines alten Zahngoldes und sollte unbedingt darauf bestehen!«

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Sascha Mulla (0) Zhangold an kauf bitte melden unter..E mail sasa.srb@hotmail.com
  • Sascha Mulla (0) O guten tag am alle zahnarzt die nicht wisen was mit den zhangold zu machen ist bette bei mier melden ich kaufes zu tages preis .. Danke
  • Ekkehard Durst (1) Ich weiß schon, warum ich seit fünf Jahren nur noch in die zahnärztliche Uniklinik gehe: da dauert die Behandlung zwar ein paar Minuten länger, aber das liegt daran, dass die Qualität kontrolliert wird und man nicht beschissen - weder ums Gold noch therapeutisch ("Restkaries").
  • Thomas Weber (0) Mein Gott, was für ein Artikel.... Und so etwas in der SZ.
    Der hat wirklich BILD-Niveau.
    Recherchiert offensichtlich in einem Paralleluniversum, in dem ganz arme von "den raffgierigen Zahnärzten" (ganz klar: alle Zahnärzte sind raffgierig....) "subtil erpressten" selbstständige Zahntechnikermeister um 22.00 Uh nachts noch "Degulor-M-Kronen" herstellen, obwohl sie doch angeblich regelmäßig am verbrecherischen Goldschwarzhandel der Zahnärzte steuerfei 3000 ? pro Transaktion "Gebühr" steuerfrei abzwacken? Natürlich am Jahresende???
    Was für ein hanebüchener Unsinn.
    In der Tat, es gibt eine andere Wirklichkeit. Die heißt: Realität.
  • Patrick Karl (0) Ich habe viel mit charity Projekten zu tun und bei uns rufen sehr viele Zahnarztpraxen an und fragen nach der sinnvollen Verwendung des gesammelten Altgolds. Meist sind es die Helferinnen, die sich um so etwas mit viel Engagement kümmern. Natürlich, schwarze Schafe gibt es in jeder Branche, aber dabei hätte man die Altgoldhändler miteinbeziehen wollen. Bei einer Wohnungsauflösung fand sich in einem Nachttisch zwei Goldkronen, die ich einem Altgoldsammler zeigte: gerade Mal 10 Euro wollte man mir dafür geben, weniger als 5 Euro pro Gramm. Er hat die Kronen so schlecht gemacht, aber als ich sie zurück haben wollte, musste ich fast handgreiflich werden. Probiert es mal selber mit so jemand zu Handeln. So eine impertinente Person habe ich selten erlebt! Ich will gar nicht wissen, wieviel Menschen von dieser Branche übers Ohr gehauen werden!
  • Harry Haller (0) Ich hab schon vor 30 Jahren (anonym) als Angestellter einer Scheideanstalt
    Anzeige erstattet, weil Zahnärzte sich ihr beiseite geschafftes Gold bar
    auszahlen liessen. Es gibt nämlich ein Glied in der Kette, wo es oft nach-
    vollziehbar ist : Die (grossen) Scheideanstalten müssen gegenüber Wirtschafts-
    prüfern bestehen und können nicht eben so einmal Millionen am Fiskus vorbei
    ausschütten. In meiner damaligen Firma gab es einen Ordner, in dem alle
    Adressen der Zahnärzte mit Barverkäufen (Prüfungssicher) aufbewahrt
    wurden. In fast allen Scheideanstalten halten Sich die ! angestellten !
    Abteilungsleiter+Geschäftsführer rechtlich den Rücken frei, indem Sie
    ( ohne Wissen der Zahnärzte ) die Namen der verkaufenden Kunden
    dokumentieren. Es wäre ein leichtes von dieser Stelle aus rückwärts
    zu prüfen , ob die BARANKÄUFE der Scheideanstalten beim Empfänger
    korrekt versteuert wurden ... warum macht das niemand?